Sieben Stürmer probierte Trainer Merlin Polzin vom Hamburger SV am Freitagabend beim Derby gegen den FC St. Pauli aus – besser wurde es mit keinem. Besonders die erhoffte Schlussoffensive mit einem wuchtig wirkenden Dreifachwechsel verpuffte; derart aufgestellt wirkte der Hamburger SV plötzlich verletzlich und spendierte dem FC St. Pauli seine einzigen echten Chancen. Die ließ der FC aber auch ungenutzt, womit das einzig gerechte Ergebnis dieses Derby zum Vergessen feststand – 0:0. Insgesamt waren die Leistungen beider Teams eine Warnung – so harmlos werden die Hamburger Klubs bis zum letzten Spieltag um den Klassenverbleib bangen. HSV-Trainer Merlin Polzin ärgert sich über Konter Der HSV startete mit Winterleihe Damion Downs, Alexander Rössing-Lelesiit und Ransford Königsdörffer. Doch weder dieses Offensivtrio noch später Fabio Baldé, Jean-Luc Dompé, Rayan Philippe und Robert Glatzel bewegten etwas Richtung St.-Pauli-Tor – das war von erschreckender Harmlosigkeit. Bei Kontern fehlten einstudierte Laufwege. Kam ein Gegenangriff ins Rollen, verhinderten üble Pässe Torchancen. „Die Konter ärgern mich sehr“, sagte Polzin, „die müssen wir einfach besser ausspielen.“ In der 83. Minute hätte Philippe den freistehenden Fabio Vieira bedienen können, versuchte es aber mit dem linken Außenrist und verzog. „Wir müssen vor dem Tor gefährlicher werden“, forderte der tadellos haltende Torwart Daniel Heuer Fernandes. Nur 17-mal durften die HSV-Fans in dieser Aufstiegssaison bisher jubeln. Erspielte sich Polzins Team beim 0:0 gegen Borussia Mönchengladbach noch Möglichkeiten, war es am Millerntor ein kümmerlicher Auftritt – gleichgültig, wer spielte. Bis zum 2. Februar ist das Transferfenster geöffnet. Sportchef Claus Costa sucht. Dabei wirkt Leihe von Downs aus Southampton nicht wie eine Soforthilfe. Den Kompass Richtung Torgefahr verloren hat Königsdörffer. Wer nach Gutem fahndete, landete bei Abwehrchef Luka Vuskovic. Der Kroate lieferte Zweikampfstärke, Cleverness und Übersicht. Er hatte kurz nach der Pause auch die einzige echte HSV-Chance. Nikola Vasilj im Tor des FC St. Paulis wehrte ab. „So etwas habe ich noch nie erlebt“ Später sorgte er für den größten Moment der Aufregung: Während eines TV-Interviews auf dem Platz beleidigten St.-Pauli-Fans offenbar seinen wegen Dopings gesperrten Bruder Mario. Luka Vuskovic legte den Finger zur Geste des Schweigens an den Mund. Der Zorn war nicht verraucht; er soll im Kabinengang vor dem St.-Pauli-Trakt ausgespuckt haben, was wiederum Karol Mets vom FC erregte: „So etwas habe ich noch nie erlebt“, sagte der 31-Jährige. Polzin räumte das Thema später ab: „Wir reden über einen 18-jährigen Menschen, der sehr viel Last auf seinen Schultern für das trägt, was mit Mario passiert ist“, sagte er. Normalerweise stünden „auch der FC St. Pauli und seine Fans dafür, dass solche Themen sensibel behandelt werden und man Verständnis füreinander hat“, sagte Polzin weiter. „Ich kann Lukas Unmut nachvollziehen. Wenn man diese Sprüche, Worte, Aufforderungen und Gesten entgegengebracht bekommt, dann hat das nichts mit dem zu tun, wofür nicht nur beide Vereine und die Stadt Hamburg als weltoffene Stadt stehen sollten.“ Polzin riet, sich nicht zu lange damit aufzuhalten. Was allgemein ein gutes Fazit dieses Derbys war. Noch unzufriedener als der HSV musste der FC St. Pauli sein. Zwar hatte er nach dem 2:0 im Hinspiel die inoffizielle Stadtmeisterschaft errungen, gegen einen harmlosen Rivalen aber verpasst, Boden gutzumachen. Auch beim FC drückt der Schuh im Angriff. 16 Treffer sind schlechtester Wert. Eine Leihe Morgan Guilavoguis könnte helfen. Der beste Stürmer 2024/25 (sieben Tore) ist beim Tabellenzweiten RC Lens als erster Einwechselspieler unglücklich. Die Verhandlungen gestalten sich für St. Paulis Geschäftsleiter Sport allerdings zäh, Andreas Bornemann. Immerhin ein leichter Ruck ging durch das Team, als Jackson Irvine eingewechselt wurde, dessen Fußverletzung wohl weniger dramatisch war. Den 31 Jahre alten Australier braucht Trainer Alexander Blessin. Das übertünchte nicht den generellen Eindruck: „Für ein Derby war das zu wenig“, rügte Blessin, „ich hätte mehr erwartet.“ Schwach waren die Standards – hatte sich St. Pauli einen Eckball erkämpft, landete der Ball beim ersten HSV-Verteidiger. So galt am Ende für beide: Das Beste an diesem Duell war, einen Punkt mitgenommen zu haben.
