FAZ 03.02.2026
16:44 Uhr

Norwegens Königshaus in der Krise: Drohung ja, Vergewaltigung nein, Beruf „nichts“


Vergewaltigung, Drogen, Körperverletzung: Der Sohn der norwegischen Kronprinzessin ist in 38 Punkten angeklagt. Und seine Mutter soll eine innige Beziehung zum Sexualstraftäter Epstein gepflegt haben. Was bedeuten die Vorwürfe für das Königshaus?

Norwegens Königshaus in der Krise: Drohung ja, Vergewaltigung nein, Beruf „nichts“

Mit „nichts“ antwortete Marius Borg Høiby, Sohn der norwegischen Kronprinzessin Mette-Marit, am Dienstagmorgen vor dem Osloer Amtsgericht auf die Frage nach seinem Beruf oder seiner Position. Als der Staatsanwalt begann, die Anklagepunkte zu verlesen, schaute Høiby zu Boden. 38 Punkte umfasst die Anklageschrift, in 24 davon gestand er Berichten norwegischer Medien zufolge seine Schuld ein, nicht jedoch im Falle der gravierendsten – den Vorwürfen der Vergewaltigungen. Vier Frauen soll er laut Anklage vergewaltigt haben. Sie sollen bewusstlos gewesen sein. Für schuldig bekannte sich der Neunundzwanzigjährige zumindest teilweise im Falle der schweren Körperverletzung, weiterhin gestand er eine Drohung ein, den Vorwurf des rücksichtslosen Ver­hal­tens, der Sachbeschädigung, drei Fälle von Verstößen gegen das Kontaktverbot, Geschwindigkeitsüberschreitungen, das Fahren ohne Führerschein sowie einen schweren Drogenverstoß. So gab er zu, 3,5 Kilogramm Marihuana an jemand anderen übergeben zu haben. Nicht offiziell Teil der Königsfamilie Kronprinzessin Mette-Marit hatte Marius Borg Høiby mit in die Ehe mit Kronprinz Haakon gebracht. Er ist offiziell nicht Teil der Königsfamilie, erhielt jedoch seit jeher viel Aufmerksamkeit. Vor Gericht erinnerte Staatsanwalt Sturla Henriksbø am Dienstag daran, dass der Grundsatz der Gleichheit auch im Falle Høibys zu gelten habe. Dass er der Sohn von Kronprinzessin Mette-Marit sei, dürfe keinen Einfluss auf die Beurteilung des Gerichts haben. „Er darf aufgrund seiner familiären Zugehörigkeit weder strenger noch milder behandelt werden“, sagte Henriksbø. Für den Prozess sind sieben Wochen angesetzt, viele Zeugen sollen vernommen werden, unter ihnen die neun Geschädigten. Sechs davon sind Frauen, die anderen drei Männer, unter ihnen zwei Polizisten. Zudem sollen unter Ausschluss der Öffentlichkeit Videos der mutmaß­lichen sexuellen Übergriffe abgespielt werden. Daten einer Pulsuhr ei­ner der geschädigten Frauen sollen laut Anklage die Vorwürfe untermauern. Dass er die Frauen heimlich gefilmt haben soll, bestritt Høiby am Dienstag. Er soll im Gerichtssaal einen Rosenkranz zwischen seinen Händen gehalten haben. Am Nachmittag sagte das erste mutmaßliche Opfer aus: „Das ist das Letzte, das ich mir wünsche“, sagte die Frau der norwegischen Nachrichtenagentur NTB zufolge über ihren Auftritt vor Gericht. „Ich finde das alles surreal und bin ziemlich überfordert.“ Es sei unangenehm und ungerecht, in den Fall hineingezogen zu werden, sagte sie demnach weiter. „Ich sitze hier und zittere.“ „Wir hatten einige Sekunden lang Sex“ An einem Abend im Dezember 2018 soll Høiby die Frau nach einer Party in Oslo gemeinsam mit mehreren anderen Freunden in die Residenz des Kronprinzenpaares – Schloss Skaugum – eingeladen haben. Dort habe sie Alkohol getrunken, sagte die Frau dem norwegischen Fernsehen zufolge. In dieser Nacht sei der Norweger ihr auf die Toilette gefolgt, erzählte sie laut NRK vor Gericht. „Wir hatten einige Sekunden lang Sex, aber dann habe ich abgebrochen“, sagte die Frau demnach. Høiby habe die Toilette verlassen, und auch sie sei kurz darauf zu den anderen Gästen zurückgekehrt. Die Zeit danach sei für sie wie ein „großes schwarzes Loch“: Das Nächste, an das sie sich erinnere, sei, wie jemand ein Taxi für sie bestellt habe, sagte sie laut NRK. Sie habe Skaugum aber in guter Stimmung verlassen. Unter den Beweisen, die die Staatsanwaltschaft in diesem Fall gegen Høiby anführt, ist ein Video, das der Norweger in dieser Nacht von dem mutmaßlichen Opfer gemacht haben soll. Darauf soll zu sehen sein, wie er die Frau im Geschlechtsbereich berührt. „Aufgrund dessen, wie sie in diesem Video wirkt – und ihrer Aussage – geht die Staatsanwaltschaft davon aus, dass sie zum Zeitpunkt des Vorfalls schlief“, hatte Staatsanwalt Sturla Henriksbø zum Auftakt des Prozesses erklärt. Die Aussage der Frau fand hinter verschlossenen Türen statt. Sie darf weder identifiziert noch fotografiert werden. Nur wenige norwegische Medien durften im Gerichtssaal mithören. Auch der Angeklagte musste den Raum verlassen. Schwerste Krise für das Königshaus Kronprinz Haakon hatte vor Prozess­beginn angekündigt, er, aber auch andere Mitglieder des Königshauses, würden im Gerichtssaal nicht anwesend sein. Das Königshaus erlebt derzeit seine historisch wohl schwerste Krise. Einerseits aufgrund des Falls Høiby, vor allem aber wegen der Vorwürfe gegen seine Mutter Mette-Marit im Zusammenhang mit ih­rem engen Austausch mit dem verurteilten Sexualstraftäter Jeffrey Epstein. Täglich publizieren derzeit norwegische Medien neue Aus­züge aus dem E-Mail-Verkehr. Diese zeigen, wie eng die beiden offenbar über Jahre verbunden waren. Und sie legen nahe, dass die Kron­prinzessin die Norweger über ihre Be­ziehung zu Epstein getäuscht hat. Auch zeigen sie, dass Mette-Marit vermutlich sehr wohl wusste, mit wem sie es zu tun hatte. So wurde nun etwa bekannt, dass Ep­stein sie mindestens zweimal auf seine Karibikinsel eingeladen haben soll, auf der wiederholt Minderjährige missbraucht worden sein sollen. Mette-Marit schrieb Epstein einmal, sie vermisse ihn, ihren „verrückten Freund“. Einmal schrieb sie ihm: „Was hast Du sonst vor, außer mich zu sehen??????“. Auch zeigen die E-Mails, dass Mette-Marit nach einem Familienurlaub auf der Karibikinsel St. Barth, als der Kronprinz und die Kinder nach Hause flogen, selbst nach Florida in Epsteins Villa ging, offenbar zum Meditieren. Danach schrieb sie ihm dankbar, sie habe seit langer Zeit nicht mehr so viel „Frieden“ in sich gespürt. Später, auch das zeigen die E-Mails, kontaktierte eine unbekannte Person Epstein wegen „unangemessener“ Bilder von ei­ner „Mette“. Debatte über Abschaffung der Monarchie Parallel zur Prozesseröffnung haben die Abgeordneten des norwegischen Parlaments am Dienstag über die Abschaf­fung der Monarchie debattiert. Den entsprechenden Antrag bringen Abgeord­nete linker Parteien in Norwegen rituell nach jeder Parlamentswahl ein. So hatten auch dieses Mal mehrere Abgeordnete vorgeschlagen, die Monarchie in Nor­wegen abzuschaffen und eine Republik einzu­führen. Dies geschah, bevor die jüngsten Ep­stein-Dokumente öffentlich wurden. Dass über den Gesetzentwurf just nun diskutiert wird, ist Zufall. Dem Gesetzentwurf zufolge soll eine Volksabstimmung stattfinden, sollte das Parlament beschließen, eine Republik einzuführen. In diesem Jahr erhielt der Antrag aufgrund der Vorwürfe gegen Mette-Marit und ihren Sohn Høiby deutlich mehr Aufmerksamkeit als sonst. Doch in der Debatte sprach sich die Mehrzahl der Abgeordneten für die Krone aus. Die mögliche Täuschung des nor­we­gischen Volks durch die Kronprinzessin dürfe nicht den lebenslangen Dienst überschatten, den der König für Norwegen geleistet hat, sagte etwa Per-Willy Amundsen von der Fortschrittspartei. „Es sind schwierige Tage für unsere Königsfamilie, aber darum geht es in der heutigen De­batte nicht“, sagte auch Geir Pollestad von der Zentrumspartei. Die Rolle des Königs sei gerade bei Regierungswechseln sehr wichtig. Abgeordnete der sozialdemo­kra­tischen Arbeiterpartei und der Grünen zeigten sich hingegen gespalten. Am Ende stimmte mit 141 Abgeordneten die Mehrzahl für eine Beibehaltung der Monarchie, 26 votierten für die Einführung einer Republik. Der norwegische König gilt eigentlich als einigende Figur Die norwegische Verfassung weist dem König eine zentrale Rolle zu, er ernennt demnach die obersten Beamten und Richter, ist Exekutive und Legislative zugleich. Doch die Verfassungswirklichkeit ist eine andere, in der parlamentarischen Demokratie hat der König faktisch eine Rolle, die jener eines Bundespräsidenten hier­zulande ähnelt. Trotzdem gilt der König als zentrale, einigende Figur, gerade angesichts der politischen Instabilität durch die vielen Minderheitsregierungen in der Geschichte des Landes. Der bald 89 Jahre alte König Harald V. hat diese Rolle nach Meinung vieler im Land gut erfüllt. Er ist im Land beliebt, genauso wie sein Sohn, Kronprinz Haakon. Vor allem ihm war es gelungen, den Zuspruch für das Königshaus zu stabilisieren, nachdem dieser angesichts der Vorwürfe gegen Høiby, aber auch wegen der Es­kapaden von seiner Schwester, Prinzessin Märtha Louise, gelitten hatte. Kronprinz Haakon dürfte einen guten König abgeben, ist man sich im Land weitgehend einig. Doch wird angesichts des aktuellen Skandals um ihren Austausch mit Epstein nun gefragt, ob seine Frau Mette-Marit wirklich Königin werden sollte. Einer jüngsten Umfrage des Senders TV2 zu­folge lehnt fast die Hälfte der Befragten ab, dass Mette-Marit Königin wird. Der Umfrage zufolge, die am Montag erhoben wurde, antworteten knapp 48 Prozent der Befragten mit Nein auf die Frage, ob Mette-Marit nächste Königin Norwegens werden solle. Nur knapp 29 Prozent sprachen sich dafür aus, 23,5 Prozent waren unschlüssig.