FAZ 08.12.2025
17:34 Uhr

Norris bricht mit Stereotypen: Der Triumph des netten Jungen in der Formel 1


Der neue Weltmeister Lando Norris bricht mit den Stereotypen der Formel 1. Motiviert hat sich der Rennfahrer auch durch Selbstkasteiung. Zum Glück hat er bei McLaren einen Chef, der damit umgehen kann.

Norris bricht mit Stereotypen: Der Triumph des netten Jungen in der Formel 1

Wer am Sonntagnachmittag nur zufällig in die Übertragung aus Abu Dhabi zappte, der wähnte sich nicht als Augenzeuge einer Krönungszeremonie in der Formel 1, sondern mitten in einem Familienprogramm. Ein kollektives Schluchzen war am Yas Marina Circuit zu vernehmen, nach der großen Hetzjagd sollte nur noch geherzt werden. Ein Vater, der seine glückbringenden verschiedenfarbigen Turnschuhe in jede Kamera zeigte, ein Mutter, die mit den Händen immer wieder ein Herzchen formte, ein McLaren-Boss, der froh war, endlich nicht mehr nur tröstend umarmen zu müssen. Es sind Szenen, die exakt dem 26 Jahre alten Rennfahrer entsprechen, der am Ende einer Grand-Prix-Saison mit vielen überraschenden Wendungen nichts anderes getan hat, als die Nerven zu behalten. Tatsächlich ist das, ohne sein sportliches Talent schmälern zu wollen, Lando Norris’ größte Leistung in diesem zugespitzten Finale gegen Max Verstappen und Oscar Piastri gewesen. Mehr noch als für den Fahrer selbst war es für die britischen Journalisten eine Gelegenheit, den Nationalstolz in die in diesem Sport so beliebten Zahlenspiele zu packen, erlöst von 1457 Tagen niederländischer Regentschaft. Norris ist nicht nur einer von nur 35 Fahrern, die Weltmeister in der Formel 1 werden konnten, er ist auch der erst elfte Brite, gleichwohl einer mit belgischer Doppelstaatsbürgerschaft. Die größte Genugtuung aber scheint die Tatsache, dass er seit Lewis Hamilton 2008 und Jenson Button den Titel in einem britischen Team geholt hat, jedoch mit deutscher Motorenkraft. „Habe gelernt, mich besser zu verstehen“ An so viel Pathos mag Lando Norris gar nicht denken. Mit seiner an den Tag gelegten Jungenhaftigkeit versuchte er lediglich, einen Moment auszukosten, an den er zur Mitte des Jahres nicht mehr zu glauben gewagt hatte. Um öffentlich eingestandene Selbstzweifel war der McLaren-Pilot noch nie verlegen, 110 Rennen bis zu seinem ersten Formel-1-Sieg waren ein für ihn qualvoller Anlauf. Doch seit jenem Tag in Miami im vergangenen Mai hatte er den Beweis, dass er doch für höchste Aufgaben taugen könnte. Vorausgesetzt, er würde sich nicht weiterhin zu nervös machen lassen, wenn ein Red-Bull-Rennwagen oder auch der seines internen Titelrivalen Oscar Piastri neben ihm auftauchen. Zwischenzeitlich wirkte die Selbstkritik, auch als es zu Beginn dieses Rennjahres nicht richtig laufen wollte, beinahe destruktiv. Aber wer genau hinhörte, der erkannte darin auch eine besondere Art, sich über die Selbstkasteiung zu motivieren. Durchaus mit der Gefahr, auch von der eigenen Unsicherheit zerfressen zu werden. In einem langen Monolog, der der Siegerehrung in Abu Dhabi folgte, erklärte Norris, wie er die mentale Wende ausgerechnet in jenem Moment im August schaffte, an dem er mit 34 Punkten Rückstand auf WM-Spitzenreiter Piastri fast aussichtslos zurücklag. „Ich muss verstehen, was ich denke und warum ich was denke“, erinnert er sich an den Therapieansatz, „warum ich meine Entscheidungen wie treffe. Geschwindigkeit war dabei nie mein Problem. Es ging um meine Unfähigkeit, die Dinge richtig zusammenzufügen.“ Er sei auf eine tiefere mentale Ebene eingetaucht: „So habe ich gelernt, mich selbst besser zu verstehen und auch, wie ich mich in einem Titelkampf verhalten muss.“ Weltmeister auf seine Art Im Schlussspurt habe er daher einfach getan, was habe getan werden müssen. Wohl wissend, dass er in der endenden Ära der Ground-Effect-Autos vielleicht seine beste oder gar die einzige Chance auf den Titelgewinn hat. Alle Champions nehmen für sich in Anspruch, Respekt vor den Kollegen zu haben. Lando Norris ergänzt das noch um Mitgefühl und Verständnis. Es gab Situationen und Rennen in diesem Jahr, in dem das beinahe naiv erschien. Dahinter steckte der Wille, Weltmeister zu werden, ohne sich zu verbiegen. Norris nennt das seinen Weg und konnte sich glücklich schätzen, dass er mit Andrea Stella den vielleicht empathischsten Teamchef der Formel 1 hinter sich wusste. Er hat ihn gelehrt, auf die innere Überzeugung zu setzen. So hat die Königsklasse jetzt einen Weltmeister bekommen, der sich immer auch fragt: Bin ich genug? Der Beweis, dass entgegen aller Vorurteile auch nette Jungs in der Formel 1 siegen können, ist damit erbracht. Das kommt offenbar gut an beim veränderten Publikum des Top-Motorsports. „Norris ist wie jeder von uns: ein Champion, der auch seine Schwächen akzeptiert“, lobt der italienische „Corriere della Sera“. Das spanische Sportblatt „Mundo deportivo“ findet sogar: „Er ist ein Weltmeister, der alle veralteten Stereotypen der Formel 1 bricht.“ Lando Norris ist ein Formel-1-Weltmeister auf seine Art und kann sich für den Augenblick ausgiebig seinen Emotionen hingeben, bevor er in 90 Tagen in Melbourne beweisen muss, dass er mehr ist als ein One-Hit-Wonder. Auf diese Reise will er alle mitnehmen. Immer wieder betont er, nicht nur für sich allein gesiegt zu haben: „Ich bin nicht stolz auf den Titel, aber stolz darauf, dass ich eine Menge anderer Menschen damit glücklich mache.“ Hauptsache, sich selbst auch ein bisschen.