Ihren Durchbruch hatte die schwedische Schauspielerin Noomi Rapace mit der Rolle der Lisbeth Salander in der schwedischen Millennium-Trilogie. Die 45 Jahre alte Schauspielerin ist bekannt für ihre physische Hingabe, die emotionale Tiefe in ihrem Spiel und die Fähigkeit, verletzliche und unerschrockene Figuren zu verkörpern. In „Teresa – Ein Leben zwischen Licht und Schatten“, der seit Donnerstag im Kino läuft, spielt sie Mutter Teresa. Der Film von Teona Strugar Mitevska ist kein klassisches Biopic, sondern zeigt sieben Tage im Leben Mutter Teresas. 1948 in Kalkutta, als sie eine Woche lang bangt, ob sie ihr altes Leben verlassen und eine neue Ordensgemeinschaft gründen darf. „Teresa“ feierte seine Weltpremiere bei den Filmfestspielen in Venedig. Anna Wollner hat Noomi Rapace dort getroffen. Ihr Film hatte Weltpremiere beim Filmfestival in Venedig. Quasi, wie Sie selbst gesagt haben, im Herzen des Katholizismus. Haben Sie Angst vor der Reaktion der katholischen Kirche? Nein, ich würde vielmehr sehr gerne den Dialog mit ihnen suchen, ihre Meinung hören. Mir ging es in erster Linie darum, alle Facetten der Frau zu zeigen. Die Facetten eines Menschen, der etwas sehr Außergewöhnliches geleistet hat. Sie war nicht perfekt. Aber sie hat viel erreicht. Auch wenn sie Dinge getan hat, die fragwürdig waren. Aber jeder Mensch hat Schwächen und Unvollkommenheiten. Auch Mutter Teresa. Sind es genau diese Ambivalenzen, die Sie an der Rolle gereizt haben? Am Anfang war mir das gar nicht so klar. Erst als ich in ihre Biographie eingetaucht bin, mich näher mit ihr beschäftigt habe, habe ich gemerkt, dass sie auch kämpfen musste. Genau wie wir alle. Da einzutauchen und das Wesentliche ihrer Person zu verstehen, war für mich das Spannendste überhaupt. Wie haben Sie Ihre Version von ihr gefunden? Ich habe viel gelesen. Vor allem ihre Briefe. Es gibt zu viele Bücher, die sie nur loben, die all das Positive und das „Heilige“ an ihr herausarbeiten, die Wunder um sie herum. Aber sie hatte auch negative Seiten, sie musste viel Kritik einstecken. Ich wollte mich von all dem lösen und sie auf einer persönlichen Ebene kennenlernen. Da haben mir ihre Briefe eben sehr geholfen. Das waren ihre eigenen Worte, ihre eigenen Gedanken. Ich konnte sehen und verstehen, wo wir uns verbunden fühlten. Wo sich die Tentakel ihres Geistes mit meinen verbunden haben. Der Glaube als Motivator, die Bereitschaft, aus der vertrauten Sicherheit auszubrechen, das Kämpfen und Schmerzen zuzulassen. Gab es einen Moment während der Vorbereitungen oder sogar während der Dreharbeiten, in dem Sie dachten: Jetzt habe ich sie, das ist meine Mutter Teresa? Es gab definitiv einen Moment, in dem ich nicht mehr wusste, wo ich ende und sie anfängt. Wann war das? In Kalkutta. In der letzten Woche des Drehs habe ich jeden Tag geweint. Ich fühlte mich, als wäre ich zerbrochen und stark zugleich. Wir drehten mitten in den Slums der Stadt. An Orten, an denen Europäerinnen wie ich eher selten hinkommen. Ich wusste, dass das einmalig für mich sein wird. Meine Rückkehr nach London war ein ziemlicher Schock. Ich brauchte zwei Wochen, um wieder Fuß zu fassen, wieder ich selbst zu sein. Wie sind Sie Mutter Teresa wieder losgeworden? Ich war erst mal einfach nur wütend. Wütend auf die Welt, wütend auf die politischen Führer, ich gendere hier absichtlich nicht, denn es sind ausschließlich Männer. Männer, die Chaos und Krieg verursachen. Weiße, reiche Männer, die entscheiden. Wo sind all die Frauen? Erst langsam habe ich gemerkt, dass ich auch positive Gefühle mitgebracht habe. Ich war unglaublich dankbar. Diese Dankbarkeit begann in mir zu wachsen. Aber manchmal ist Wut auch gut! Auf jeden Fall. Ich habe definitiv noch immer genug davon. Inwiefern ist „Teresa“ ein feministischer Film? Jeder Film, der von einer Frau erzählt, die etwas getan hat, und sei es noch so profan, ist ein feministischer Film. War sie ein guter Mensch? War sie ein schlechter Mensch? Das spielt eigentlich keine Rolle. Sie klingen kämpferisch! Ich finde diese Diskussion um „starke“ Frauen fast töricht. Sie können sich nicht vorstellen, wie oft ich nach starken Frauenfiguren gefragt werde. Ich spiele in erster Linie Menschen, die zufällig Frauen sind. Wir brauchen viel mehr Filme, viel mehr Geschichten auf der Leinwand von Menschen, die zufällig Frauen sind. Frauen müssen nicht immer sympathisch und niedlich sein. Wir müssen uns vielmehr trauen, auch die Risse in Frauenbiographien zu erzählen. Haben Sie etwas von Mutter Teresas Eigenschaften behalten? Ihre Eigenschaft, sich entschuldigen zu können. Sie hatte eine unglaubliche Willenskraft, einen großen Glauben, sie hatte sich einer Mission verschrieben. Sie war in mancherlei Hinsicht sogar brutal. Aber sie hatte auch immer die Fähigkeit, sich zu entschuldigen. Das empfinde ich als ein großartiges Zeichen von Stärke. Als ich jünger war, hatte ich große Probleme damit, meine Verletzlichkeit zu zeigen. Ich bin in einer Familie aufgewachsen, in der wir nicht weinen durften. Wir durften nicht Entschuldigung sagen. Denn wenn man sich entschuldigt, so wurde mir eingetrichtert, dann ist man schwach. Und Schwäche darf man auf keinen Fall zeigen. Sie können sich heute besser entschuldigen? Ich arbeite dran. Was war das größte Opfer, das Sie jemals in Ihrem Leben gebracht haben? Der ständige Kampf zwischen meiner Rolle als Mutter und meiner Rolle als Künstlerin, Schauspielerin, Produzentin. Der ständige Drahtseilakt zwischen dem Wunsch, Geschichten zu erzählen, zu reisen, und dafür meinen Sohn zurücklassen zu müssen. Kein einmaliges Opfer; ein Opfer, das sich durch meine gesamte Karriere zieht. Ich habe auch heute noch keine perfekte Lösung gefunden. Das geht wohl vielen Müttern so. Ich verpasse jedes Jahr den Geburtstag meines Sohnes, weil ich immer auf einem Filmfestival bin. Er wird morgen fünf, ich sitze hier mit Ihnen, statt Kuchen zu backen. Ich bin wohl die schlechteste Mutter der Welt. Nein, das sind Sie nicht – denn Sie erkennen Ihr Dilemma. Und ich kann Ihr schlechtes Gewissen nur zu gut verstehen. Mein Sohn hatte letzte Woche Geburtstag. Er ist 22 geworden. Wir haben darüber gesprochen, wie viele seiner Geburtstage ich wohl verpasst habe. Aber das zählt nicht, es sind nur einzelne Tage. Er ist der wichtigste Mensch in meinem Leben. Ich weiß, dass er mich respektiert. Mittlerweile frage ich ihn nach beruflichen Tipps, wenn ich mir unsicher bin, ob ich etwas tun soll oder nicht. Je ehrlicher ich ihm gegenüber mit meinen inneren Konflikten bin, desto mehr ist er ein Teil von mir. Aber wie erklärt man seinem jüngeren Kind die Abwesenheit? Das Schlimmste ist, sich dafür zu schämen und sich direkt zu entschuldigen, wenn man nach Hause kommt. Das musste ich auch lernen. Wenn Sie nach unserem Interview nach Hause fahren, dann sagen Sie bitte nicht: „Es tut mir leid, dass ich weg war.“ Sagen Sie: „Es tut mir leid, dass ich deinen Geburtstag verpasst habe, aber ich bin froh, dass ich auf dem Filmfestival war, weil ich meine Arbeit liebe.“ Wenn man ständig für sein Kind einsteht und ihm vermittelt, dass man stolz auf das ist, was man selbst tut, dass man seine Arbeit liebt, dann gibt man ihm auch etwas zurück. Sie laden es zu etwas ein, das Sie selbst glücklich macht. Aber wenn Sie sich erst mal entschuldigen, dann ist das doppelt negativ.
