An der Einstellung lag es nicht. Der Wille, sich gegen die drohende Niederlage zu stemmen, war bis zum Schluss vorhanden. Doch die DFB-Frauen fanden keine Lösungen mehr, um das, was sie in den drei Halbzeiten davor versäumt hatten, zu erreichen: ein Tor zu schießen. Stattdessen nutzten die Weltmeisterinnen wie schon beim 1:0 im EM-Halbfinale jeden noch so kleinen Fehler, den die DFB-Frauen machten. Wieder einmal verlor Deutschland gegen Spanien. „Es ist ärgerlich, wenn man so viel investiert und sich nicht belohnt“, sagte Kapitänin Giulia Gwinn. „Dann ist Spanien so eine spielstarke Mannschaft, die das bestraft.“ Es gibt Niederlagen, die lange nachwirken, weil sie mehr aufzeigen als nur das Ergebnis. Das 0:3 der deutschen Fußball-Nationalmannschaft im Rückspiel des Nations-League-Finales gegen Spanien war solch eine Niederlage: ein Abbild des Status quo – und zugleich ein Wegweiser, wohin sich die DFB-Frauen entwickeln müssen, wenn sie dauerhaft um Titel spielen wollen. Mehr als 150 Minuten brauchte dieses Finale für seinen ersten Treffer. Nach dem 0:0 im Hinspiel, das die DFB-Frauen vom ersten Titel seit dem Olympiasieg 2016 träumen ließ, konnten sie auch im Rückspiel fast eine Stunde mithalten. Doch dann dribbelte Spaniens Claudia Pina ungehindert durch die deutsche Abwehrreihe. Ann-Katrin Berger konnte den Schuss nicht mehr entscheidend abwehren (61. Minute), und plötzlich war ein Finale, das Deutschland bis dahin offen gestaltet hatte, aus dem Gleichgewicht. Bundestrainer Christian Wück wollte die Szene nicht als einen einzelnen Fehler abtun. Denn nur Minuten später passierte es wieder, und wieder. Jener Zugriff, den die DFB-Frauen im Hinspiel hatten, fehlte diesmal in den entscheidenden Momenten. „Das ist das, was uns im Spiel in Kaiserslautern ausgezeichnet hat: Dass wir eben nicht nur begleiten, sondern aktiv versucht haben, die Bälle zu erobern.“ Das sei den DFB-Frauen in der zweiten Halbzeit abhandengekommen, sagte Wück: „Wir machen Fehler, die wir nicht machen dürfen.“ Spanische Effizienz vor dem Tor Als Vicky López in der 68. Minute den Ball ins lange Eck schlenzte und Pina in der 74. Minute mit einem Distanzschuss nachlegte, war das Spiel entschieden – und Deutschland hatte eine Lehrstunde in Sachen Effizienz erhalten. Die Spanierinnen verwandelten in beiden Spielen neun Torschüsse in drei Treffer, während die Deutschen aus acht Torschüssen keinen erzielen konnten. Die mangelnde Chancenverwertung war im Hinspiel noch als ein bedauerliches Detail verbucht worden. „Es steht und fällt alles mit der Effizienz vor dem Tor“, hatte Wück mit Blick auf das Rückspiel gesagt: „Da müssen wir uns verbessern, wenn wir diesen Titel holen wollen.“ Nach dem Nations-League-Finale zeigt sich: Die Offensive bleibt Deutschlands größtes Problem. Die Abläufe wirken zwar flüssiger als noch vor einigen Monaten, aber den DFB-Frauen fehlt eine Stürmerin, die Chancen nicht nur erspielt, sondern auch vollendet. Selina Cerci blieb auf dem rechten Flügel wirkungslos. Klara Bühl probierte auf dem linken Flügel zwar viel, aber kam nur selten in die Positionen, um gefährlich zu werden. Jule Brand konnte als Spielmacherin kaum Akzente setzen. Und Nicole Anyomi arbeitete zwar viel nach hinten, trat nach vorne aber zu selten in Erscheinung. Der Abstand zu Spanien bleibt groß Und wenn sie es tat, dann waren ihre Aktionen oftmals unglücklich: Vor der Pause hatte sie das 1:0 auf dem Fuß, schoss aber Zentimeter am rechten Pfosten vorbei (45.+2). In der zweiten Halbzeit hätte sie eine Flanke von Gwinn mit dem ersten Kontakt verwandeln können, aber ließ den Ball verspringen (56.). Trotzdem wäre es falsch, dieses Finale als einen Rückschritt zu sehen. Die deutsche Auswahl spielte über weite Strecken so, wie es sich Wück vorstellt. Unter dem 53-Jährigen haben die DFB-Frauen mehr Struktur, sind mutiger im Pressing und freier in ihren Entscheidungen. Sein Team wisse nun, dass es sich gegen eine Mannschaft wie Spanien nicht nur gut schlagen, sondern auch das eigene Spiel durchziehen könne, sagte Wück nach dem Hinspiel. „Das ist schon eine Entwicklung, die uns die Wenigsten zugetraut hätten.“ Zur Erkenntnis dieses Finales gehört aber ebenso: Der Abstand zu Spanien bleibt groß. Wenn die Weltmeisterinnen so spielen, wie man es von ihnen gewohnt ist, sind sie in Sachen Handlungsschnelligkeit und technischer Präzision auch ohne ihre beste Spielerin Aitana Bonmatí weit voraus. Deutschland kann an einem guten Tag zwar mit ihnen mithalten, aber (noch) nicht dauerhaft konkurrieren. Nicht, solange Spielerinnen wie Claudia Pina auf der einen und falsche Entscheidungen sowie fehlende Präzision auf der anderen Seite stehen. „Wir haben drei Halbzeiten auf Augenhöhe gespielt“, resümierte Sportdirektorin Nia Künzer nach den beiden Spielen. „Und die vierte Halbzeit zeigt einfach, dass – wenn wir ein Stück nachlassen – Spanien eine brutale Qualität hat.“ Trotz allem war es ein gutes Jahr für die DFB-Frauen. Bei der EM sind sie bis ins Halbfinale gekommen, in der Nations League haben sie Frankreich geschlagen und Spanien in Hin- und Rückspiel über weite Strecken gefordert. Wück betonte nach dem Spiel: „Wir werden durch solche Endspiele wachsen.“ Bis zur WM 2027 in Brasilien bleibt dafür Zeit. Dann zeigt sich, wie nah Deutschland tatsächlich an die Weltspitze heranrücken kann.
