Gian van Veen wirkte überrumpelt. Er selbst soll nun die neue Nummer drei der Welt sein? Und bester Niederländer? „Das ist verrückt“, sagte der junge Darts-Profi nach seinem sensationellen 5:1-Sieg über Luke Humphries im Viertelfinale der Weltmeisterschaft in London. Doch tatsächlich hatte der Dreiundzwanzigjährige mit dem Sieg gegen den Champion von 2024 nicht nur das Halbfinale, sondern gleich mehrere Meilensteine erreicht. Mit den nun erspielten 200.000 Pfund (etwa 229.000 Euro) Preisgeld ist der Europameister und Junioren-Weltmeister van Veen in der Weltrangliste auf Platz drei vorgerückt – und liegt damit nun knapp vor dem bereits ausgeschiedenen Michael van Gerwen. Van Veen jedoch wollte die Verhältnisse aus seiner Sicht zurechtrücken: „So sehe ich das nicht. Natürlich bin ich im Moment die Nummer drei der Welt, was sich total verrückt anfühlt, wenn man es überhaupt ausspricht“, sagte er bei DAZN, aber: „Ich weiß, was Michael in den letzten 13 Jahren geleistet hat. Für mich wird es sich immer so anfühlen, als wäre Michael die Nummer eins der Niederlande. Egal, was die Rangliste sagt.“ Seit 2012 war van Gerwen die niederländische Nummer eins, untermauerte seinen Status mit den WM-Titeln 2014, 2017 und 2019. Von 2014 bis 2021 war „Mighty Mike“ Weltranglistenerster. Nach seinem Achtelfinal-Aus gegen den Schotten Gary Anderson steht nun van Veen im Fokus. Schon die jüngsten vier Duelle mit Humphries hatte van Veen für sich entschieden. Mit einem Average von 105,41 Punkten, einer Finish-Quote von 55,17 Prozent und einem „Big Fish“, dem höchstmöglichen Finish für 170 Punkte, spielte van Veen groß auf und steht erstmals im WM-Halbfinale. Dort geht es gegen Anderson. Dies sei „ein weiteres wichtiges Spiel“, sagte van Veen: „Gary Anderson, mein Idol! Ich freue mich schon riesig auf dieses Spiel.“ Im Finale könnte am Samstag Titelverteidiger Luke Littler warten – und der Siegerscheck in Höhe von einer Million Pfund. Littler gegen Gegner mit Sehschwäche Littler trifft derweil in seinem Halbfinale auf Ryan Searle. Der nutzte nach seinem Viertelfinal-Sieg die große WM-Bühne und machte auf seine seltene Augenerkrankung aufmerksam: Nach dem 5:2 über Jonny Clayton sagte er beim TV-Interview in London: „Ich habe eine Nachricht an die Menschen da draußen. Ganz offensichtlich kann ich nicht besonders gut sehen: Lasst euch nicht aufhalten! Ich möchte diesen Menschen eine Inspiration sein.“ Der 38 Jahre alte Engländer, der an diesem Freitagabend auf Weltmeister Littler trifft, leidet an einer autosomal dominanten Optikusatrophie, bei der der Sehnerv über die Zeit geschädigt wird und die Sehkraft dadurch nachlässt. „Es ist eine erbliche Erkrankung. Bei meinem Sohn ist es nicht so schlimm, aber bei meiner Tochter ist es sehr schlimm. Auf naher Distanz kann sie alles sehen, bis etwa 1,80 Meter. Aber danach wird ihr Sehvermögen wirklich schlecht“, schilderte Searle, der schon häufiger über seine Erkrankung gesprochen hat – allerdings noch nie in einem solch großen öffentlichen Fokus wie nun bei der WM. „Wenn ich viel Bewusstsein dafür schaffen und beitragen kann, ein Heilmittel zu finden, bedeutet mir das viel“, sagte Searle. Seine eigene Sehschwäche macht sich beim Darts vor allem dadurch bemerkbar, dass er den Schiedsrichter immer wieder fragen muss, welches Feld er erwischt hat. Searle steuert mit entsprechenden Kontaktlinsen dagegen. In WM-Runde drei hatte er den besten deutschen Profi Martin Schindler klar mit 4:0 besiegt.
