FAZ 27.01.2026
12:23 Uhr

„Nie wieder“ Auschwitz: „Jeder Pedaltritt ist eine Verweigerung“


Lukáš Klement legt vom Konzentrationslager Auschwitz-Birkenau 1000 Kilometer zurück und schreibt mit GPS-Daten den Schriftzug „Nie wieder“. Im Interview spricht er über seine Aktion bei eisiger Kälte.

„Nie wieder“ Auschwitz: „Jeder Pedaltritt ist eine Verweigerung“

Lukáš Klement ist Ultradistanzradsportler aus Kouřim in Tschechien. Er hat sich auf Rennen ohne begleitende Unterstützung spezialisiert. Anlässlich des internationalen Tags des Gedenkens an die Opfer des Holocausts am Tag der Befreiung des Konzentrationslagers Auschwitz-Birkenau am 27. Januar hat er in der vergangenen Woche knapp 47 Stunden vom „Todestor“ in Auschwitz-Birkenau ausgehend 1000 Kilometer auf dem Rad zurückgelegt, um anhand von GPS-Daten den Schriftzug „Never Again“ (dt.: Nie wieder) auf die digitale Landkarte zu schreiben. Herr Klement, warum haben Sie sich auf Rennen spezialisiert, bei denen Sie allein unterwegs sind? Suchen Sie die Einsamkeit? Mich hat der Massenauftrieb des modernen Sportbetriebs immer abgestoßen. Ich brauche weder ein Teamfahrzeug noch Zuschauer am Straßenrand. Vor acht Jahren habe ich entdeckt, dass eine lange, einsame Straße und komplette Eigenverantwortung für mich Glück bedeuten. Es ist gar nicht so sehr das Radfahren, es ist die Form des Reisens: Die Entfernung ist der Lehrmeister. Beschreiben Sie die Atmosphäre, als Sie vor dem Tor des ehemaligen Konzentrationslagers Auschwitz-Birkenau standen. Über dem nassen Schnee hing ein dichter Nebel. Die Temperatur war bei knapp über null Grad, und die Gebäude sahen aus wie vor über achtzig Jahren – als sei die Zeit eingefroren. Es war still, es waren keine Touristen dort. Ich habe die Geister der Vergangenheit gespürt. Sie sind dann 1000 Kilometer gefahren bei winterlichen Temperaturen. Wie halten Sie das durch? Um drei Uhr morgens, als der Frost wirklich biss und mir die Erschöpfung zusetzte, habe ich mir gesagt: Das ist nichts. Mein Zittern ist ein Luxus. Das Leid derjenigen, die nach Auschwitz kamen, ist unbeschreiblich. Ihre Schatten waren schwerer als meine Erschöpfung. Diese Sicht ist ein starker Antrieb. Wenn die Psyche durchhält, macht der Körper auch mit. Was bedeutet die Botschaft der Worte „Never Again“, nie wieder, wenn Sie mit dem Rad unterwegs sind? Ich habe mir die Audioaufnahmen von Überlebenden, ihre Zeitzeugenberichte angehört, während ich unterwegs war. Ihre Stimmen haben die Stille gefüllt. Ich habe darüber nachgedacht, wie die Menschheit in diese Düsternis stürzen konnte. Ich habe die Geschichte eines Mannes aus Tschechien gehört, der die Hölle von Birkenau und Auschwitz überlebt hat und nach fünf Jahren nach Hause zurückkehrt, wo seine Freundin auf ihn wartete. Mein Fahren ist eine Meditation zu diesem Leid und dieser Widerstandskraft. Und jeder Pedaltritt die Verweigerung, diese Geschichte dem Vergessen anheimfallen zu lassen. Spricht eine GPS-Spur jüngere Generationen mehr an als ein Geschichtsbuch? Ich bin Radsportler, nicht Marketingspezialist. Aber ich glaube schon, dass ein „aktives Denkmal“ eine gewisse Kraft hat, Menschen zu erreichen, die glauben, in Geschichtsbücher steht etwas, was lange her ist. Wenn sich jemand anstrengt, schwitzt, um eine Botschaft auf diesem Kontinent zu hinterlassen, kann das schon eine Wirkung haben. Insofern soll mein „Never Again“ ein Funken sein – die Gedanken dazu muss sich jeder für sich machen. Aus dem Englischen übersetzt von Christoph Becker