FAZ 07.03.2026
08:22 Uhr

Nichts wie raus!: Blühende Landschaften


Winter ade! Drei Landschaftsfotografen verraten, wo der Frühling in Deutschland und Europa besonders fotogen ist.

Nichts wie raus!: Blühende Landschaften

Deutschland: Nationalpark Hainich Seinen alten Buchenwäldern hat der Nationalpark Hainich in Thüringen den Weltnaturerbestatus zu verdanken, doch die heimlichen Stars im Wald sind die Frühblüher, die auf den nährstoffreichen Muschelkalkböden besonders üppig wachsen. Den Anfang machen die Märzenbecher, dann kommen weiße Buschwindröschen und blauviolette Leberblümchen dazu. Im April blüht millionenfach der violette und weiße Hohle Lerchensporn zwischen den Bäumen, von Mai an breiten sich weiße Bärlauchteppiche aus. Mit seinen großen Beständen an Frühblühern gehört das Schutzgebiet für den Landschaftsfotografen David Köster neben dem sächsischen Polenz- und dem Saale-Unstrut-Tal zu den schönsten Orten in Deutschland für alle, die möglichst fotogene Frühjahrsboten ablichten wollen. „Dabei ist es entscheidend, den richtigen Zeitpunkt abzupassen, denn oft währt der Blütenzauber nicht lange.“ Über den aktuellen Blühstatus der Pflanzen informiert der Nationalpark mit einem „Blüh- und Herbstfarbenkompass“ auf seiner Website. Außerdem werden Workshops und Wanderungen angeboten, vom Fotokurs Makrofotografie bis zur Bärlauch-Führung. Deutschland: Rügen Das Frühlingserwachen beginnt auf Rügen etwas später als im übrigen Deutschland, dafür aber spektakulär: Zu den ersten Boten gehören die Buschwindröschen, die den Boden der alten Buchenwälder im Nationalpark Jasmund im April in ein weißes Blütenmeer verwandeln. „Das hügelige Gelände, übersät mit Abertausenden dieser zarten Blüten und den dicken Buchenstämmen, die alle paar Meter zwischen den Blüten emporwachsen, wirkt beeindruckend und absolut fotogen“, sagt der 20-jährige Nachwuchsfotograf Luca Lorenz. „Für Landschafts- und Makro­fotografie ist es ein Traum.“ Zeitgleich sprießen die zarten Frühlingsblätter an den Bäumen, die Zugvögel kehren aus ihren Winterquartieren zurück, und die Kreideabbrüche an der Steilküste färben die Ostsee milchig, fast schon türkis ein. „Rügen ist im Frühling eine Insel voller Motive und Zauber“, schwärmt auch Fotografin Sandra Bartocha, die zugleich Vizepräsidentin der Gesellschaft für Naturfotografie e.V. ist. „Küchenschellen blühen auf den Dünen, in den Wäldern wird gebrütet, und die Rufe von Waldkäuzen und Schwarzspechten unterstreichen in den Abendstunden die mystische Atmosphäre.“ Um die besondere Stimmung in ihren Bildern einzufangen, nutzt Bartocha die Apps „The Photographer’s Ephemeris“ und „Viewfindr“. Damit lassen sich nicht nur Sonnen- und Mondstände ortsgenau ermitteln. Auch Wetterphänomene – von „goldenen Wolken“ über Nebel bis hin zu Polarlichtern, die sich im April noch über dem Meer zeigen können – lassen sich vorhersagen. Bei der Motivsuche kann der „Wanderfrühling“ helfen: Den ganzen April über werden auf der Insel verschiedene Naturführungen angeboten. Schweden: Öland Nicht nur die schwedische Königsfamilie verbringt gern ihren Urlaub auf Öland, auch für Sandra Bartocha ist die Ostseeinsel etwas ganz Besonderes. „Vielleicht liegt ihr Charme in den zahlreichen Laubwiesen mit Orchideen und anderen seltenen Pflanzen oder in den kilometerlangen Straßen, die von Wiesenkerbel und Flieder gesäumt sind“, versucht sich die Fotografin an einer Erklärung. Allein mehr als 30 verschiedene Orchideenarten, die auch im Rahmen von geführten Spaziergängen entdeckt werden können, färben Schwedens zweitgrößte Insel von April an lila und rosa. Gebirgspflanzen treffen hier auf südeuropäische und endemische Arten wie das Öland-Sonnenröschen, Teppiche aus weißen und blauen Seggen auf windgepeitschte Kiefernwälder. Im Norden und Süden der 137 Kilometer langen, schmalen Insel machen im April und Mai auch Tausende Zugvögel halt. Naturfotografin Bartocha ist aber eher von der Weite der Landschaft fasziniert. Besonders gern fotografiert sie auf Öland in den frühen Morgenstunden, „wenn Tau und sanftes Licht über Wiesen und Eichenwäldern liegen“. Tatsächlich inspiriert das sogenannte „Öland-Licht“ schon lange Künstler jeglicher Couleur: Die flache, karge Landschaft, die nur an der rauen Nordküste auf üppige Wälder trifft, bietet wenig Schatten, die Nähe zum Meer sorgt für klares, intensives Licht und erzeugt besonders im Frühling eine einzigartige Stimmung. Italien: Südtirol Mit Obstblüten vor den schneebedeckten Gipfeln der Dolomiten, tosenden Wasserfällen und klaren Sternennächten ist Südtirol eine wahre Allround-Region für alle, die im Frühling auf Motivsuche sind. Allein 7000 Apfelbauern bewirtschaften die Wiesen im Süden, im Vinschgau und dem Meraner Land. So sind die Talsohlen zur Apfelblüte im April in weiß-rosa Wolken gehüllt, während auf den Hochalmwiesen je nach Lage bis in den Juni hinein ein Meer aus lila und weißen Krokussen blüht. „Wundervoll sind auch die bunten Blütenteppiche mit Bergblumen, die man in den Alpen ab April, Mai findet“, weiß David Köster. Veranstaltungen wie die Frühlingswanderwoche in Tramin (13.–17. April) oder der Themenmonat „Lana blüht“ (April) feiern die bunten Frühlingsboten, Themenwege und Kutschfahrten führen durch die Obstgärten. Aber auch Wasserfälle wie die Ganderbachfälle, die mit acht Kaskaden über eine 200 Meter hohe Felsstufe stürzen, strotzen nach der Schneeschmelze „vor Kraft und Dynamik“, sagt Köster. Um die Bewegung des Wassers „schön seidig“ einzufangen, empfiehlt der Fotograf längere Belichtungszeiten zwischen einer halben und zwei Sekunden, ein Stativ und einen leichten Graufilter. Spanien: Teneriffa Wer das Fotografieren im Frühling nur mit farbenfroher Blütenpracht assoziiert, sollte mal einen Blick in den Nachthimmel riskieren. Denn Ende März beginnt die Milchstraßensaison: „Dann ist das fotografisch interessante galaktische Zentrum unserer Heimatgalaxie erstmals wieder zu sehen. In den Wintermonaten war es in unseren Breiten hinter dem Horizont versteckt“, weiß David Köster. Er empfiehlt sogenannte Light Pollution Maps, um möglichst dunkle Standorte für gute Sternenfotos auszumachen. Der europäische Hotspot für Astrofotografen – mit sauberer Luft, einem strengen Lichtschutzgesetz und einem Klima, das für viele klare Nächte sorgt – liegt aber auf der Kanareninsel Teneriffa. Über dem Nationalpark El Teide, in einer durchschnittlichen Höhe von 2000 Metern über dem Meeresspiegel, leuchtet das galaktische Zentrum der Milchstraße zwischen März und September besonders intensiv. Der Teide ist als „Starlight Tourist Destination“ zertifiziert, das Kanarische Institut für Astrophysik hat hier seinen Sitz. Vor allem in der Zeit um Neumond herrschen am höchsten Berg Spaniens perfekte Bedingungen, um die Milchstraße zu fotografieren – über einer Vulkanlandschaft, die mit markanten Felsformationen, offenen Ebenen und Lavazungen eine vielfältige Bildgestaltung ermöglicht. „Das bunte Band der Milchstraße steht im Frühjahr relativ flach am Himmel, kann also gut in die Bildkomposition integriert werden“, sagt Köster. Einen Überblick über die besten Orte zur Sternenbeobachtung und über spezialisierte Anbieter von Touren gibt die Website der Insel.