FAZ 25.09.2026
15:28 Uhr

„Nicht unser Militär“: Schüler streiken gegen Wehrpflicht


Zum „Schulstreik gegen die Wehrpflicht“ kommen rund 200 Schüler auf den Opernplatz. Die Organisatoren meinen: „Junge Menschen haben in diesem Land nur einen Wert, wenn sie bereit sind, dafür zu sterben.“

„Nicht unser Militär“: Schüler streiken gegen Wehrpflicht

Es ist ein bunter Haufen, der sich am Freitagmittag vor der Alten Oper in Frankfurt versammelt hat. Fahnen der Revolutionären Kommunistischen Partei mischen sich mit solchen von Pax Christi, der Linken und der Internationalen Jugend. Ein Rollstuhlfahrer wirbt für ein Nachtflugverbot. Einige Schüler tragen die Kufija, also das „Palästinensertuch“, um den Hals. Auch viele Rentner sind zu sehen. Ein älterer Herr trägt ein Schild, auf dem Donald Trump und Benjamin Netanjahu mit Blut besudelt sind. Dazu der Spruch „Kindermörder Satanyahu“. Auf den selbstgemachten Pappschildern der Schüler stehen Botschaften wie „Keine Kinder im Krieg“, „Eure Kriege ohne uns“ und „Es könnte dein Vater Bruder Kind sein“. Ein Schüler am Megaphon stellt die Bildungsausgaben ins Verhältnis zu den Investitionen in die Bundeswehr. Die Regierung setze die falschen Prioritäten, meint er. Die Menge antwortet: „Nicht unser Krieg, nicht unser Militär.“ Etwa 200 Schüler sind dem Aufruf gefolgt, mit einem „Schulstreik“ ein Zeichen gegen die Wiedereinführung der Wehrpflicht zu setzen. Nevada und Minou, 15 und 16 Jahre alt, sind aus Offenbach zum Schulstreik gekommen und besuchen in der Nachbarstadt die Rudolf-Koch-Schule. „Wir wollen nicht für ein Land kämpfen, das gegen uns ist“, sagen sie. Die Politik interessiere sich nicht für Jugendliche und spare an der Bildung. „Das ist ein Zeichen, dass wir es nicht wert sind“, meinen die Mädchen. Der Streik ist ihnen eine Fehlstunde im Zeugnis wert Das erinnert an die Einladung des „Schulstreikkomitees“: Die Politik spiele mit der Zukunft der jungen Menschen, heißt es dort. Sie kürze Bildungsausgaben und „verbrenne“ jeden fünften Euro für die Bundeswehr. „Junge Menschen haben in diesem Land nur einen Wert, wenn sie bereit sind, dafür zu sterben“, heißt es. Viele Schüler haben sich für den Schulstreik eine Entschuldigung der Eltern besorgt. Andere riskieren eine unentschuldigte Fehlstunde auf dem Zeugnis. Fragt man sie, warum sie das in Kauf nehmen, hört man oft: „Das ist es mir wert.“ Eine Sechzehnjährige aus der elften Klasse des Adorno-Gymnasiums meint, der Wehrdienst solle freiwillig bleiben. Über die Frage, ob Deutschland eine starke Armee zur Abschreckung Russlands braucht, will sie noch einmal in Ruhe nachdenken. Bijan, 18, von der Musterschule, hat darauf schon seine Antwort gefunden. „Ich würde lieber in Unfreiheit leben, als zu sterben“, sagt er. Seine Mitschülerin Isabella macht sich generell Sorgen um die Zukunft und hält es für ungerecht, falls die Dienstpflicht wieder eingeführt würde und junge Leute ein Jahr ihrer „kostbaren Zeit“ für einen Wehr- oder Ersatzdienst „opfern“ müssten. Barbara Lautermilch geht nicht mehr zur Schule. Sie ist 72 Jahre alt und engagiert sich seit Jahrzehnten in der DKP. „Die Friedensfrage ist zentral in meinem Leben“, sagt sie. Die Schüler seien mutig und machten ihr „ein bisschen Hoffnung“. Lautermilch meint, man könne nicht Sozialabbau betreiben und die Rüstung „ins Exorbitante steigern“. Und sie zitiert Rosa Luxemburg: „Die Dividenden steigen, und die Proletarier fallen.“ Eine Mutter hält ein Schild hoch mit dem Artikel 4, Absatz 3 des Grundgesetzes: Niemand darf gegen sein Gewissen zum Kriegsdienst mit der Waffe gezwungen werden. Die Mutter meint, dass es im Ernstfall doch so weit kommen könnte und junge Männer eingezogen würden. „Ich traue unserer Regierung alles zu“, sagt sie. Das will sie ihrem Sohn, der erst vier Jahre alt ist, ersparen. Zur Abschreckung gebe es bessere Wege als die Wehrpflicht. Zum Beispiel eine europäische Berufsarmee.