Ohne Zweifel ist Deutschland eines der lebenswertesten Länder. Ganz allgemein gesprochen. Wird es konkret, sollte man freilich vorsichtig mit Ranglisten sein. So kämpft Berlin vielleicht in puncto Sexyness um den Weltmeistertitel, aber eher nicht in Sachen Sicherheit, Sauberkeit, Freundlichkeit und Funktionsfähigkeit der Verwaltung. Und der Ruf Stuttgarts ist seit Jahrzehnten auf geradezu tragische Weise mit der Zahl 21 verbunden. Nur die Älteren wissen noch, dass das einst das Zieljahr eines großen Bahnhofs sein sollte, um das Mindeste zu sagen. Das unselige Projekt dauert nicht zuletzt wegen umfassender Bürgerbeteiligung so lange, dass, als die Bagger anrückten, sich schon die nächste Generation mit einem Riesenloch konfrontiert sah. Man hat sich leider daran gewöhnt Nun, da das Jahr 2025 zur Neige geht, will die neue Bahn-Chefin lieber kein neues Enddatum nennen. Sie kann nichts mehr versprechen. Immerhin: Noch haben die mutmaßlichen Kosten die Zwölf-Milliarden-Marke nicht überschritten. Dabei ist Stuttgart 21 nicht nur ein Bahn-Problem, so wie der langjährige Problem-(BER-)Flughafen Berlin Brandenburg zwar gut in den märkischen Sand passt, aber auch für mehr steht. Man hat sich daran gewöhnt, aber das macht die Sache nicht besser: Große Infrastrukturprojekte sind Weltwunder geworden – in Sachen Planung, Dauer, Verfahren. Das größte Wunder wäre eine fristgerechte und einwandfreie Fertigstellung. Das liegt an einer Fülle von Vorgaben, die von deutschen Volksvertretern mitbeschlossen worden sind, auch soweit sie aus Brüssel kommen, an ihre pflichtgemäßeste Umsetzung und unabhängigste Überprüfung. Das Ergebnis ist dann (vermeintlich) sicher, aber sicher ist keineswegs, dass es überhaupt ein Ergebnis gibt. Dieses gordische Knotengebirge lässt sich nicht mit einem Hieb zerschlagen. Nötig sind jedenfalls nicht mehr Entbürokratisierungsminister und -beamte und Normenkontrollräte, sondern der richtige Geist. Vielleicht kann ja auch einmal ein Politiker oder Wirtschaftsführer sein Schicksal im Amt mit einem Projekt verbinden.
