Atemraubender zeigt sich der Winter selten. Während der arktische Kälteeinbruch in den Vereinigten Staaten selbst eher warme Regionen wie den Südstaat Florida mit Minustemperaturen, Schnee und Stromausfällen heimsucht, hat er die Niagarafälle im Nordosten des Landes in ein eisiges Naturschauspiel verwandelt. Bei Temperaturen von bis zu minus 45 Grad sind Teile der Wassermassen zu Eiszapfen erstarrt, haben sich zu Schneebergen getürmt und als Eisschollen bizarre Formationen gebildet. Der „Hufeisen-Fall“, die größte der Kaskaden an der amerikanisch-kanadischen Grenze, liegt unter einer festen Eisschicht. Nur einige Wasserströme drücken sich durch das Weiß. Dass das Wasser unter der überfrorenen Kruste weiterrauscht, erklären Meteorologen auch mit der Wassermenge. In den Wintermonaten fließen jede Minute etwa 85 Millionen Liter über die Felsvorsprünge der Niagarafälle. Die „Frozen Falls“, die seit Tagen Tausende Besucher in den Bundesstaat New York oder die kanadische Provinz Ontario ziehen, wirken zwar erstarrt, sie sind es aber nicht. Angela Berti, die Sprecherin des Niagara Falls State Park, erinnerte derweil an Winter, in denen der Frost noch schlimmer war. Im Jahr 1938 froren die American Falls, einer der drei Wasserfälle, auf der ganzen Breite zu. Auch zwei Jahre zuvor war das Rauschen der Kaskaden bei Minustemperaturen vorübergehend verstummt. „Das bemerkenswerteste Frosterlebnis gab es aber 1848. Damals froren alle drei Wasserfälle ein“, sagte Berti der Zeitung „USA Today“. Um die zur Stromgewinnung genutzten Wasserfälle vor gefrorenen Barrieren zu schützen, wurde Mitte der Sechziger zum ersten Mal der „Ice Boom“ installiert. Die mehr als 2,5 Kilometer lange Stahlkonstruktion verhindert, dass Eismassen aus dem Eriesee in den Niagara-Fluss und zu den Kaskaden wandern. Dennoch zählen die „Frozen Falls“ zu den eindrucksvollsten Winterlandschaften Amerikas – auch wenn sie nur fast zugefroren sind.
