Eines der schönsten Weihnachtsgeschenke der Weltliteratur wurde 1956 in New York gemacht. So zumindest scheint es in einer Anekdote, die Harper Lee 1961 im Magazin „McCall’s“ veröffentlichte. Die aus dem ländlichen Alabama in die Weltstadt Gezogene arbeitete 1956 noch tagsüber für eine Fluggesellschaft, in ihrer Freizeit machte sie Schreibversuche auf einer über zwei alte Apfelkisten gelegten Tür, oft bis tief in die Nacht. Die Tagesarbeit erlaubte ihr nicht, über Weihnachten wegzufahren, und im Rückblick darauf schreibt sie: „Für eine vertriebene Südstaatlerin kann Weihnachten in New York eine ziemlich melancholische Angelegenheit sein.“ Allerdings nicht nur aus Heimweh, sondern weil Weihnachten damals für sie nur noch eine Erinnerung an alte Lieben und leere Räume gewesen sei, etwas, „das ich mit der Vergangenheit begraben hatte und das einmal jährlich eine diffuse, schmerzhafte Wiederauferstehung erlebte“. Das Weihnachtsfest bei Joy und Michael Brown änderte das. Lee war bei dem befreundeten Paar zu Gast, und es war zu einer Tradition geworden, einander Spaßgeschenke zu machen – etwa ein für 35 Cent erstandenes Porträt eines „obskuren britischen Geistlichen“, wie die Literaturwissenschaftlerin Casey Cep schreibt. Diesmal war nach Bescherung der Kinder die junge Frau aus Alabama noch unbeschenkt und etwas enttäuscht. Am Weihnachtsbaum hing aber noch ein Umschlag für sie, dessen Botschaft kein Spaß war und Harper Lees Leben verändern sollte: „Du bist für ein Jahr von deiner Stelle befreit und kannst schreiben, was du willst. Frohe Weihnachten.“ So wich ein alter Schmerz für immer Die Browns versprachen Lee für ein Jahr hundert Dollar pro Monat – fünfmal so viel wie ihre Miete –, aus Vertrauen in ihr Talent. Nach kurzem Zögern nahm sie an, „verblüfft vom Wunder dieses Tages“. Und am Ende ihrer Anekdote „Weihnachten für mich“ schneit es in New York: „Die Dächer der Brownstone-Häuser wurden immer weißer. In den Lichtern der fernen Wolkenkratzer schimmerten die gelben Zeichen für in Einsamkeit endende Straßen, und während ich am Fenster stand und die Lichter und den Schnee betrachtete, wich der Schmerz einer alten Erinnerung für immer.“ So märchenhaft, wie diese Erzählung klingt, war die Wirkung des Weihnachtsgeschenks. Denn durch es konnte Harper Lee sich tatsächlich aufs Schreiben konzentrieren und ihren Debütroman „To Kill a Mockingbird“ fertigstellen, der 1960 im Original erschien, 1962 auf Deutsch („Wer die Nachtigall stört“). Das Buch über den Prozess gegen einen in den Südstaaten wegen Vergewaltigung angeklagten Schwarzen avancierte schnell zu einem Klassiker der amerikanischen Literatur und hat sich bis heute weltweit mehr als vierzig Millionen mal verkauft. Nach seinem Erscheinen aber verstummte Harper Lee für sage und schreibe 55 Jahre. Dann, 2015, wurde mit großem Aplomb ein zweiter Roman veröffentlicht: „Go Set a Watchman“ (Deutsch: „Gehe hin, stelle einen Wächter“) war indes kein ganz neues Werk, sondern die Vorstufe zur „Nachtigall“, die vom Verlag abgelehnt worden war und danach von Lee jahrelang überarbeitet wurde zu dem Buch, das alle Welt kennt. Sind es wirklich eigenständige Geschichten? Entsprechend gespalten war die Rezeption: Begeisterung einerseits, überhaupt noch etwas Neues von dieser Autorin zu lesen, und geteiltes Echo dazu, die Hauptfigur des Anwalts Atticus Finch hier ganz anders kennenzulernen, nämlich als moralisch weniger aufrechten, latent rassistischen Charakter – endlich könne man sich verabschieden vom „weißen Retter“ Finch, schrieb eine schwarze Juristin in der „New York Times“. Kritik andererseits: Die Veröffentlichung sei überflüssig oder gar gegen den Willen der Autorin erfolgt, die damals schon mit eingeschränkter Wahrnehmung in einem Heim lebte und bald darauf starb. Etwas zwiespältig erscheint auch die Veröffentlichung des nun vorliegenden Bandes mit „Storys und Essays“ von Harper Lee. Literarhistoriker dürfen fragen: Handelt es sich bei den Storys wirklich um eigenständige Geschichten oder vielmehr um Vorstufen, die auf die eine oder andere Weise Eingang in den „Nachtigall“-Roman oder dessen Vorstufe gefunden haben? Manches spricht für die zweite Möglichkeit, wie auch aus dem Vorwort von Casey Cep erhellt, das in der deutschen Übersetzung des Bandes durch Nicole Seifert ein Nachwort geworden ist. Und wie schon bei „Gehe hin . . .“ ist fraglich, ob die Veröffentlichung im Sinne Harper Lees gewesen wäre. Ohne Kenntnis der Hintergründe mögen die Erzählungen durchaus für sich stehen, wobei sie mehr oder weniger gelungen sind. Sie wirken großteils wie frühe Fingerübungen, so etwa „Der Wassertank“, über ein Mädchen, das sich schwanger glaubt und Suizid erwägt. Auch die übers Erwachsenenleben kultivieren einen verspielt-kindlichen Stil, der teils etwas überinstrumentiert und pathetisch wirkt. Die „Essays“ wirken zusammengekratzt und nicht allzu substanziell, betrachtet man etwa einen Buchclub-Newsletter über Truman Capote. Recht unterhaltsam ist die satirische Beobachtung über literarische Spiele im New Yorker Kinopublikum, in der Lee Hollywood einige Vorschläge für Filmtitel mit Doppelstruktur macht, darunter „Das Wasser und das Klosett“. Aber schon für die Titelgeschichte über die unerhörte Liberalisierung des Gottesdienstes im fiktiven Maycomb, Alabama, sowie für die auch hier enthaltene über das Weihnachtswunder von New York lohnt sich der Band. Harper Lee: „Das Land der süßen Ewigkeit“. Storys und Essays. Aus dem amerikanischen Englisch von Nicole Seifert. Penguin Verlag, München 2025. 207 S., geb., 25,– €.
