Mit Fußballanalogien gewinnt man auch für das abstrakteste Konstrukt die Aufmerksamkeit des Publikums. „FCC, das ist zwar kein Fußballclub, aber eine Abkürzung, die in Frankfurt hoffentlich bald viel genutzt wird“, kündigt Felix Gaschick im Frankfurter Zoo an. Der Geschäftsführer dieses FCC, des Frankfurt Conservation Centers, spricht ein Jahr nach seinem Amtsantritt über eine Institution, die bisher aus Bauplänen für ein Gebäude und zwei Mitarbeitern besteht, bei der es aber um das große Ganze gehen soll: um Naturschutz und Biodiversität, „die Infrastruktur der Welt“, wie Gaschick sagt. Und um Geld, um Manpower, um Banken. Während Gaschick spricht, hangeln nebenan die Orang-Utans hinter ihrer Glasscheibe und kümmern sich herzlich wenig um die intellektuelle Exzellenz, die das Überleben ihrer Art sichern soll. Das Frankfurt Conservation Center hat sich große Ziele gesetzt: Als „globales Kompetenzzentrum für integrierten Naturschutz“ haben die Zoologische Gesellschaft Frankfurt (ZGF), die Senckenberg Gesellschaft für Naturforschung (SGN) und die Goethe-Universität das FCC bereits 2020 ins Leben gerufen. Mittlerweile sind zwölf Institutionen beteiligt, von der KfW-Stiftung bis zum Netzwerk Bio Frankfurt. Mit dem Bau eines fünfgeschossigen Neubaus im Osten des Zoos soll im nächsten Jahr begonnen werden, geplante Baukosten: 26 Millionen Euro. Zum „Vorreiter für Biodiversitäts- und Naturschutzlösungen in der EU“ soll Frankfurt so werden, verkündet die Website. Ein „Nukleus des integrierten Naturschutzes“, sagt FCC-Geschäftsführer Gaschick. Die Stadt übernimmt die Kosten für die Miete des Neubaus. Während die Aufmerksamkeit für Naturschutzthemen schwinde, sei es dringlicher denn je, Strukturen zu schaffen, die Wissenschaft, Praxiserfahrung und gesellschaftliche Akteure zusammenbringen, betont Ina Hartwig (SPD), die auch für den Zoo zuständige Kulturdezernentin der Stadt. Frankfurt biete als internationaler Finanzplatz, Verkehrsknotenpunkt und europäische Metropolregion besondere Voraussetzungen. „Einen Ort, an dem diese Spieler so wie in Frankfurt zusammenkommen, gibt es nirgendwo sonst auf der Welt. Da liegen extreme Wirkungsmöglichkeiten“, sagt Gaschick. „Wir müssen raus aus dem Naturschutzgebiet und rein in den Bankenturm.“ Als Vorbild diene die „Cambridge Conservation Initiative“, ein Zusammenschluss der dortigen Universität mit zehn führenden Naturschutzorganisationen, traditionell britisch unter der Schirmherrschaft des Naturfilmers Sir David Attenborough. „Wir müssen aufpassen, dass das FCC kein Gemüsegarten wird“ Ein paar Monate nach der offiziellen Eröffnung des Zentrums ist die Realität noch ernüchternd: ein Geschäftsführer und eine neue Mitarbeiterin hat das FCC. Und so viel mehr soll auch gar nicht mehr dazukommen. Das Zentrum selbst werde als schlanke Koordinationsstruktur aufgebaut. Gaschick spricht im Zoo von „einem kleinen Sekretariat noch“. Eine Bürgerin fragt: „Wer zieht denn dann auf die fünf Etagen Neubau?“ Tatsächlich werden die Räume wohl vor allem vom Zoo und der ZGF genutzt werden. Die beteiligten Organisationen sollen zwar „auf jeden Fall auf dem Türschild“ vertreten sein, vor allem plane man auf den oberen Etagen – jenseits des „kleinen Sekretariats“ – Meeting-Räume für gemeinsames Arbeiten, so Gaschick. „Wir sind wie eine Kammer, wie die Industrie- und Handelskammer“, sagt er. Ein Verteilzentrum für externe Anfragen, ein Dirigent für die beteiligten Institutionen, die „Solisten“, für selbst gesetzte Aufgaben. Das Gebäude mit den fünf Stockwerken sei dafür nur die Hülle. Im Foyer wird es schon konkreter, hier soll der Raum für die Eingangskasse und öffentliche Ausstellungen genutzt werden: „Der Besucher wird durch das FCC hindurch in den Zoo gehen.“ Das ist durchaus schlüssig, denn das FCC ist Teil des 2024 vorgestellten „Masterplans Zookunft2030+“, mit dem sich der traditionsreiche Frankfurter Tiergarten modernisieren will. Neben der Umgestaltung von Einzelgehege in Nachstellungen von Großlebensräumen wie der Serengeti wird der historische Nebeneingang saniert – und eben das FCC als wissenschaftlich vernetzende Säule aufgebaut. Es gehe darum, einen „Zoo der Zukunft“ zu schaffen. Spitzenforschung im Zoo der Zukunft „Zoos verstehen sich heute als Arten- und Naturschutzzentren“, ordnet Professor Paul Dierkes ein. An der Goethe-Universität Frankfurt lehrt und forscht Dierkes zur Didaktik der Biowissenschaften und Zootierbiologie. Auch auf gesellschaftlichen Druck hin habe sich die Sichtweise auf Zoos gewandelt und fließe in modernere Konzepte ein. „Aber die Tiere sind weiterhin der Dreh- und Angelpunkt, um Naturverbundenheit zu fördern“, erklärt Dierkes. Didaktische Konzepte, die die originale Begegnung mit Tieren beinhalten, seien deutlich erfolgreicher als indirekte Beobachtungen über Medien. Dass Bildungsprogramme in Zoos die Naturverbundenheit tatsächlich erhöhen, habe seine Arbeitsgruppe in einer erst im August veröffentlichten Studie gezeigt. Über viertausend Teilnehmer von Bildungsprogrammen in zwanzig europäischen Zoos wurden befragt, sagt Ko-Autor Matthias Kleespies. Auch das Frankfurt Conservation Center könne hier einen Beitrag leisten, sagt Dierkes: „Das FCC ist ein toller Ankerpunkt, um Projektarbeit vor Ort in Bildungsarbeit einfließen zu lassen. Aber das FCC steht noch am Anfang. Ich bin gespannt, wie es sich entwickelt.“ Oder wie „Chefkoch“ Gaschick sagt: „Die Töpfe stehen schon auf dem Herd.“
