FAZ 28.12.2025
12:30 Uhr

Neues Kochbuch von Samin Nosrat: „Ich betrachte Rezepte nicht mehr als rigide Vorschriften“


Kann man seine Freunde zum Essen einladen und dabei nicht als gestresster Koch in der Küche landen? Samin Nosrat gibt dazu Tipps in ihrem neuen Kochbuch „Etwas Gutes“.

Neues Kochbuch von Samin Nosrat: „Ich betrachte Rezepte nicht mehr als rigide Vorschriften“

Normale Kochbücher zu schreiben, liegt Samin Nosrat nicht. Die Köchin, Autorin und Podcasterin hat schon 2018 mit „Salz. Fett. Säure. Hitze“ ein Buch vorgelegt, das weniger Kochbuch ist als Kochlehrbuch; mit Tipps, Tricks und Erklärungen, die dabei helfen sollen, dass der geneigte Hobbykoch auch wirklich versteht, was er (oder sie) in der Küche macht. „Etwas Gutes“ heißt Nosrats neuester Streich. Das Buch legt nach und geht mit seinem sympathischen Mix aus Lebensweisheiten, Rezepten und Tipps und Tricks weit über die Grenzen der Küche hinaus. „Etwas Gutes“ ist im Grunde ein sehr gelungener Ratgeber darüber, wie man sich und seinen Freunden etwas Gutes tun kann, indem man sie zum Essen einlädt und für sie kocht. Damit das nicht in übertriebene Haute Cuisine ausartet, hat Nosrat verschiedene, allesamt vergleichsweise simple Rezepte zusammengetragen, die sicherstellen, dass man als Gastgeber nicht zum Koch degradiert wird. Ein Kapitel widmet sich etwa verschiedenen, vielseitigen Salatdressings; eines dreht sich darum, wie man das Beste aus seinen Vorräten rausholen kann; ein weiteres ist voll von Rezepten mit Hühnchen. Schwer sind die Kochanleitungen in diesem Buch allesamt nicht, Nosrat legt viel Wert darauf, dass man als Gastgeber auch noch genug Zeit hat, sich mit seinen Gästen zu unterhalten. Sie empfand Rezepte als „Zwangsjacke“ Dass Nosrat nach eigenem Bekunden lange mit Rezepten gehadert hat, sie als „Zwangsjacke“ empfand, wie sie schreibt, merkt man dem Buch durchaus an. Wie schon in „Salz. Fett. Säure. Hitze“ sind die Rezepte hier weniger strikte Anleitungen, wie etwas zu kochen ist (so kann man sie natürlich auch lesen), sondern eher ein freundlicher Schubser, sich mit bestimmten Zutaten und Aromen zu beschäftigen. Sie können jederzeit variiert und angepasst werden, je nachdem, worauf man gerade Lust hat. „Ich betrachte Rezepte nicht mehr als rigide Vorschriften, sondern als Rituale, die Transformation versprechen“, schreibt Nosrat dazu in der Einleitung. Damit bleibt sie ganz der ihr eigenen, unkonventionellen Art treu. Unkonventionell war schon die Art, wie Nosrat überhaupt zum Kochen gekommen ist. Eigentlich hat sie Literatur studiert, bis zu einem Tag im Jahr 2000, als sie ihr Erspartes für einen Besuch in Alice Waters’ Restaurant Chez Panisse in Berkeley auf den Kopf haute. Nach dem Essen – so die Geschichte – habe sie sich sofort um eine Stelle als Geschirrabräumerin in dem Restaurant beworben, mit einem Brief und einer detaillierten Beschreibung des Essens. Im Panisse arbeitete sie sich langsam in der Küchenhierarchie hoch und schnappte nebenbei das Wissen auf, das ihr erstes Kochbuch „Salz. Fett. Säure. Hitze“ zu so einem wertvollen Bestandteil eines jeden Kochbuchregals macht. Kochen als Akt der Fürsorge In „Etwas Gutes“ kommt Nosrat manchmal vielleicht etwas kalifornisch-esoterisch daher, aber eigentlich steht hinter diesem Buch eine sehr klare und sympathische Philosophie: Kochen ist ein Akt der Fürsorge und der Pflege von Beziehungen – für sich selbst, aber vor allem für andere. Deshalb gibt es auch einen schönen Text, in dem die Köchin beschreibt, wie sie mit ihrem Freundeskreis einmal pro Woche Abendessen veranstaltet. Dabei erzählt sie auch von den vielen kleinen Schrauben, mit denen sichergestellt werden kann, dass alle sich bei diesen regelmäßigen Einladungen wohlfühlen: Wer steuert wie viel Geld bei, wer bringt was mit und – ganz wichtig – wer kümmert sich um den Abwasch? Das erfordere Kommunikation, schreibt Nosrat, man müsse sich regelmäßig austauschen, ob alle auch (noch) das geben können, was erwartet wird. Wenn nicht, wird kurzerhand angepasst. All das liest sich wie banale Offensichtlichkeiten, aber wer schon mal das Vergnügen hatte, mit Freunden gemeinsam ein Ferienhaus zu mieten und das gemeinschaftliche Abendessen zu organisieren, der kennt die Diskussionen um Finanzielles, Gemüseschnippeln und den Abwasch. Sich durchzulesen, wie andere das regeln, kann ganz hilfreich sein. Und wie auch bei ihren Rezepten gilt: Nosrats Ratschläge muss man ja nicht eins zu eins umsetzen. Es ist überhaupt bemerkenswert, wie Nosrat es schafft, dass sich die freundliche Stimmung schon beim bloßen Durchblättern des Buchs direkt überträgt. Einen Teil tragen sicherlich Aya Bracketts wunderschöne, unprätentiöse Fotos bei, die nicht nur die Gerichte in bestem Licht zeigen, sondern auch immer wieder Nosrat bei der Arbeit in ihrer Küche und mit ihren Freunden am Tisch. Lediglich typographisch hätte das Buch ein wenig mehr Klarheit (und eine Schriftart weniger) vertragen können. Gleichzeitig passt die unruhige Gestaltung aber auch sehr zum Inhalt, etwa wenn Nosrat von den vielen Kindern erzählt, die Teil ihrer regelmäßigen Essen sind. Die freudige Energie, die Verbundenheit und die Lebendigkeit spürt man direkt durch die Seiten (und möchte selbst gern mal eingeladen werden). Unkomplizierte Kochanleitungen Kern des Buchs bilden aber – Zwangsjacke hin oder her – die Rezepte. Die sind hier erstaunlich unkompliziert und machen dem Vorsatz, nicht zu viel Zeit in der Küche zu verbringen, alle Ehre. Von einfachen Snacks, die sich gut vorbereiten lassen (zum Beispiel geröstete Mandeln mit frittiertem Salbei), bis hin zu komplexeren Rezepten (Hühnchen mit Harissa und Aprikosen) ist alles in diesem Buch auch von weniger versierten Köchen gut zuzubereiten. Mit fleischhaltigen Rezepten hält sich „Etwas Gutes“ angenehm zurück, sodass auch Vegetarier voll auf ihre Kosten kommen. Nosrats Küche ist stark von levantinischen und persischen Einflüssen geprägt. Die Aromen sind frisch und würzig, aber die Rezepte lassen stets etwas Spielraum, um sie nach eigenem Gusto anzupassen. Daneben finden sich auch aber auch Einflüsse aus der Texmex-Küche wieder – ein Rezept für Tortilla Soup etwa und ein Popcorn-Rezept lässt keinen Zweifel daran, dass wir es hier mit einer amerikanischen Köchin zu tun haben. Es ist beeindruckend, wie fein Nosrat die Rezepte in ihrem Buch kalibriert hat: Sie treffen genau den Sweet Spot zwischen „Gäste beeindrucken“ und „Zeit für Gespräche und gemeinsames Beisammensein haben“. Der lockere, kalifornische Vibe, der das Buch durchzieht, von der Gestaltung bis zur Küche, ist einladend und macht Lust, selbst ein Dinner für Freunde auf die Beine zu stellen. Einzig bei den Ratgebern zum Einkauf hätte die Übersetzung stellenweise etwas regionalisieren können. Koscheres Salz (grobe Meersalzflocken ohne Zusätze) gibt es beispielsweise in Deutschland unter diesem Namen nicht wirklich im Supermarkt. Dafür sind die meisten anderen Zutaten problemlos zu beschaffen, wobei ein arabischer Supermarkt in der Nähe ganz hilfreich ist, wenn man Labneh oder Ähnliches braucht. Alles in allem ist „Etwas Gutes“ aber trotzdem ein durchweg gelungenes Kochbuch, mit starken Rezepten, einer wunderschönen Gestaltung und einer tollen Leichtigkeit. Fast, als würde einem eine gute Freundin Kochen beibringen. Samin Nosrat: Etwas Gutes. Kunstmann Verlag, 464 S., geb., 44,– Euro.