Diese Baustelle hätte sich die Frankfurter Eintracht gerne erspart, sie hat schon genug Reparaturarbeiten in ihrem Kader bis zum Bundesligastart in knapp zwei Wochen bei Union Berlin. Aber nach dem 0:7 am Samstag im Test gegen Brentford und der Torwartleistung von Kauã Santos wäre es schon fahrlässig von der Sportlichen Leitung der Frankfurter, sich nicht mit dem Thema der Nummer eins zu beschäftigen. In den öffentlichen Kommentaren wird dem 23 Jahre alten Brasilianer weiterhin uneingeschränkt das Vertrauen ausgesprochen. Aber im Hintergrund sollen nach Informationen des Fachmagazins „Kicker“, die sich mit denen der F.A.Z. decken, Erkundigungen über den Freiburger Torwart Noah Atubolu eingezogen werden. Nicht, dass der 24 Jahre alte Freiburger ein unbeschriebenes Blatt wäre. Er hat sich bei seinem Heimatverein, den er bisher noch nie verlassen hat, zu einem der besten deutschen Torhüter entwickelt. Er gehört zum erweiterten Kreis der Nationalmannschaft. Es wird überprüft, unter welchen Umständen und zu welchen Bedingungen ein Wechsel an den Main möglich sein könnte. Atubolu sieht seine Zukunft eigentlich in der Premier League Im Prinzip ist die Lage ganz einfach, Atubolu ist frei. Von seinem Berater angestachelt, hatte der 22-malige U21-Juniorennationalspieler gegen Ende der vergangenen Saison die Freiburger wissen lassen, dass er seine Zukunft in der Premier League sehe. Die Breisgauer reagierten darauf umgehend mit der Verpflichtung des Bremer Talents Mio Backhaus für zwölf Millionen Euro Ablöse, um sich von jedem Verhandlungsdruck gegenüber dem Spieler und interessierten Klubs zu befreien. Zwar fanden auch Transfergespräche mit Interessenten statt, aber so heiß, wie der Berater es vorgegeben hatte, war die Nachfrage für den Torwart auf dem Markt dann doch nicht. Auf jeden Fall ist Atubolu bis auf den heutigen Tag in Freiburg. Mittlerweile wieder als Trainingsgast, nachdem er freigestellt war, aber weder durfte er ins Trainingslager mitreisen noch an den Testspielen mitwirken. Sein Vertrag läuft noch bis einschließlich 1. Juli 2027. Kann sich die Eintracht Atubolu leisten? Wenn die Eintracht bereit wäre, eine relativ hohe Ablöse und ein relativ hohes Gehalt zu zahlen, wäre der Wechselfall schnell erledigt. Aber es ist komplizierter. Einerseits ist die Eintracht immer noch vom Potential von Kauã Santos überzeugt und will ihm nicht unbedingt eine neue Nummer eins vor die Nase setzen. Andererseits schwimmt die Eintracht trotz hoher Transfereinnahmen für Nathaniel Brown, Aurèle Amenda und Rasmus Kristensen nicht gerade im Geld. Beträchtliche Ausgaben für die Torhüterposition würde den Investitionsspielraum für einen weiteren Stürmer, einen weiteren Innenverteidiger und eventuell einen weiteren Außenverteidiger stark einschränken. Dass er Nachbesserungsbedarf in diesen Regionen des Spielfelds sieht, hat Trainer Adi Hütter schon deutlich gemacht. Der Marktwert Atubolus wiederum wird auf circa 25 Millionen Euro taxiert. Die Situation für die Frankfurter ist also komplex: Welches Problem auf welcher Position sieht sie als das akuteste an, welches Problem wäre angemessen und dennoch kostengünstig durch eine Leihe zu lösen, welche Einnahmen lassen sich durch die angestrebten Transfers von Arthur Theate, Ellyes Skhiri, Farès Chaibi und Elye Wahi noch realisieren? Zumindest das Gehalt von Michy Batshuayi kann sich die Eintracht künftig sparen, am Montag verkündete der Klub dessen Weggang zu Abha Club in Saudi-Arabien. Der Kernpunkt bleibt jedoch die Bewertung der Leistungsfähigkeit von Kauã Santos. Die überragende Begabung des Südamerikaners gilt als unbestritten, viele sagen ihm ein Weltklassepotential nach. Aber es ist mittlerweile zwei Jahre her, dass Auftritte von ihm auf dem Spielfeld Belege für die hoch greifenden Einschätzungen lieferten. Immer wieder warfen ihn Verletzungen zurück, immer wieder verhinderten grobe Schnitzer von ihm, aber auch von den Abwehrkollegen, dass er sein Selbstvertrauen und Selbstverständnis zurückholen konnte. Von der Lockerheit und Unbeschwertheit seines ersten Jahres in Frankfurt ist nach einer zwischenzeitlichen Flut von Gegentoren nicht mehr viel übrig geblieben. Seine Berater sahen Kauã Santos schon als nächsten brasilianischen Nationaltorwart (und er sich wohl auch). Umso schwieriger ist es für ihn, die Kette von Rückschlägen immer weiter zu ertragen. War Brentford der letzte Fehlschlag vor seiner glänzenden Zukunft bei der Eintracht oder der eine Fehlschlag zu viel, der ihm die Zukunft in Frankfurt verbaut?
