FAZ 09.02.2026
15:40 Uhr

Neuer Präsident Seguro: Der leise Besieger von Portugals Rechtspopulisten


António José Seguro hatte sich vor Jahren frustriert aus der Politik zurückgezogen. Nun wird der eher farblose Sozialist mit einem Rekordergebnis neuer Präsident.

Neuer Präsident Seguro: Der leise Besieger von Portugals Rechtspopulisten

Den Politikpensionär hatte anfangs niemand auf der Rechnung. In den ersten Umfragen zur Präsidentenwahl wollten nur sechs Prozent der Portugiesen António José Seguro wählen. Doch in der zweiten Wahlrunde am Sonntag holte der Außenseiter mit 66 Prozent ein historisches Ergebnis. Nachdem Seguro als Vorsitzender der Sozialisten (PS) gescheitert war, hatte er sich zunächst frustriert in sein Heimatdorf zurückgezogen, produzierte Wein und Olivenöl. Jetzt feiert ihn seine Partei, die ihn anfangs gar nicht hatte unterstützen wollen. Nach 20 Jahren stellen die Sozialisten wieder den Staatspräsidenten. Trotz allem ein Triumph für die Chega-Partei Als Kandidat wirkte Seguro im Wahlkampf blass und mied die offene Konfrontation. Der 63 Jahre alte Politikveteran ließ sich nicht durch die aggressiven Attacken seines rechtspopulistischen Herausforderers André Ventura von der Chega-Partei provozieren. Für Ventura war die Niederlage dennoch ein Triumph. In Wirklichkeit interessiert er sich nicht für das Amt des Staatspräsidenten, das relativ wenig Macht bedeutet: Der Staatschef kann Neuwahlen ansetzen, hat sonst vor allem repräsentative Aufgaben. Ventura will aber Regierungschef werden. 33 Prozent der Wähler und damit 1,7 Millionen Portugiesen stimmten für den Vorsitzenden der Partei, die im Wahlkampf Stimmung gegen Migranten und Sinti und Roma gemacht hatte. Ventura hatte schon in der ersten Runde den Kandidaten der regierenden konservativen PSD mit nur elf Prozent weit hinter sich gelassen. Verlor 2014 Machtkampf gegen António Costa Am Ende traf aber Seguris unaufgeregter Ton die mehrheitliche Stimmung im Land. Schon in der ersten Wahlrunde sammelten sich die Portugiesen hinter dem Sozialisten: Sie wollten keinen Systemwechsel, sondern an der Spitze ihres Staates lieber eine bewährte Kraft. PS und die derzeit regierende PSD wechseln sich praktisch seit der Nelkenrevolution an der Macht ab. Als der Phönix Seguro politisch in der Asche lag, war er eigentlich schon in Vergessenheit geraten. Nur als Politikkommentator in einem Privatsender war er aufgetreten. Dabei reichten seine Ambitionen einst weiter. Er wollte Regierungschef werden – wie sein Rivale, der heutige EU-Ratspräsident António Costa, gegen den er 2014 in einem innerparteilichen Machtkampf unterlegen war. In seinem mittelalterlichen Heimatort Penamacor restaurierte Seguro historische Häuser, eröffnete eine Ferienunterkunft und einen Laden für regionale Produkte. Gleichzeitig lehrte er internationale Beziehungen. Will Lockerung von Kündigungsschutz blockieren „António José Seguro, einer von uns“, heißt seine Biographie. Seine Eltern besaßen ein Schreibwarengeschäft, er gründete eine Lokalzeitung, für die er den Staatspräsidenten interviewte. Den jungen Seguro faszinierte der spanische Sozialist Felipe González. Seguro wurde Vorsitzender der Parteijugend, war Abgeordneter in Portugals Parlament und im Europäischen Parlament. Sein politischer Mentor war der heutige UN-Generalsekretär António Guterres. Er war Staatssekretär und Staatsminister in dessen Büro, später auch stellvertretender Regierungschef. Die beiden großen Parteien gingen nicht freundlich mit Seguro um. Die regierende konservative PSD wollte ihn in der Stichwahl auch aus Rücksicht auf Venturas Chega-Partei nicht unterstützen. Diese Distanz könnte nun Seguros politische Unabhängigkeit stärken, die er als Nachfolger des populären Präsidenten Marcelo Rebelo de Sousa braucht. Nach Seguros Wahlsieg zeichnet sich schon der erste Konflikt ab. Seguro kündigte ein Veto gegen Montenegros Ar­beitsrechtsreform mit gelockertem Kündigungsschutz an, gegen die es schon einen Generalstreik gegeben hatte.