Intendanten des öffentlich-rechtlichen Rundfunks sind nicht unbedingt die dankbarsten Interviewpartner. In der Regel halten sie es wie Politiker. Sie wollen eine Botschaft loswerden, etwa dass sie viel zu wenig Geld haben, oder dass die Politik sie durch Staatsverträge in Bredouille bringt und die Demokratie bedroht ist, wenn der Rundfunkbeitrag nicht steigt. Bei kritischen Fragen driften sie gerne ins Allgemeine, sagen mit vielen Worten wenig bis nichts und whataboutisieren. „Mein Thema ist nicht links, rechts“ In diese Richtung geht auch das Gespräch, das der neue Intendant des Norddeutschen Rundfunks, Hendrik Lünenborg, gerade mit dem Evangelischen Pressedienst geführt hat. Er äußert sich nach dem Motto „allen wohl und niemandem wehe“, präsentiert sich als Vollblutjournalist und Volksversteher. „Mein Thema ist nicht links, rechts, konservativ, progressiv oder was auch immer, mein Thema ist: Haben wir genug Leidenschaft für die Wirklichkeit?“, sagt der NDR-Intendant. „Haben wir genug Perspektivenvielfalt? Sind wir in der Lage, die Themen zu entdecken, die die Menschen umtreiben?“ Lünenborg meint, beim NDR sei das so, er habe dazu früher – er war zuletzt Chef des Landesfunkhauses Hamburg – schon viele Projekte entwickelt. Vielfalt, nach außen und nach innen? Die Interviewer rufen den Fall des vermeintlich konservativ gestrickten Magazins „Klar“ und der Moderatorin Julia Ruhs auf. „Klar“ wurde von einer herrschenden Linksclique im Sender derart bekämpft, dass Mitarbeiter der zuständigen Redaktion ob des massiven Mobbings gar nicht mehr am Arbeitsplatz erscheinen wollten. Das dürfte Lünenborg, der seit dem 1. September Intendant ist, bekannt sein, schließlich gab sein Sender zwei Wochen nach seinem Amtsantritt eine für den öffentlich-rechtlichen Rundfunk typische Entscheidung bekannt: Wir machen mit „Klar“ weiter, aber – im Gegensatz zu dem an der Sendung beteiligten Bayerischen Rundfunk – nicht mit Julia Ruhs, sondern, wie man erst einen Tag später zu verkünden in der Lage war, mit der früheren „Bild“-Chefredakteurin und „Focus“-Autorin Tanit Koch. Nicht Fisch, nicht Fleisch, wasch mir den Pelz, aber mach mich nicht nass Das sah so aus, als gäben die Chefs dem Druck der Anti-Ruhs-Lobby im Sender nach, stünden aber wenigstens zu der Sendung, die es unter anderem gewagt hatte, sich mit den Themen Zuwanderung und Kriminalität zu beschäftigen. Nicht Fisch, nicht Fleisch, wasch mir den Pelz, aber mach mich nicht nass, schien das Motto zu sein. Der Rücktritt des Programmdirektors Frank Beckmann wäre nach unserem Dafürhalten an der Stelle fällig gewesen. Also, was war das? Die „redaktionellen Zuständigkeiten“ seien nicht klar geregelt gewesen, sagt der Intendant Lünenborg, und die Kommunikation sei unglücklich gewesen. So heißt es immer, wenn bei den Öffentlich-Rechtlichen etwas schiefgeht. Entscheidungen zu fällen und zu diesen zu stehen, das ist in diesem Anstaltssystem nicht die Regel. Hat sich Julia Ruhs denn auch schön „loyal“ verhalten? Bemerkenswert ist indes, wie die Interviewer des Evangelischen Pressedienstes (epd medien), bei dem Julia Ruhs nie gut wegkam und als „Systemsprengerin“ bezeichnet wurde, nach der ganzen Angelegenheit fragen. Wie sei das denn, fragen sie, wenn sich jemand „offensichtlich illoyal“ verhalte und Informationen aus dem Sender nach außen trage? Habe er nicht Grund, Julia Ruhs, die ein Buch über die „linksgrüne Meinungsmacht“ bei den Öffentlich-Rechtlichen geschrieben hat, „zu fragen, warum sie überhaupt beim NDR arbeiten wollte?“ Habe sie sich „loyal“ verhalten? Da klingt irgendwie durch, dass man das mit dem Magazin „Klar“ und Julia Ruhs doch besser von Anfang an gelassen hätte und sie zurecht aussortiert worden sei. Und da sind wir dann doch lieber bei dem so gefällig formulierenden NDR-Chef, der selbstverständlich auch hier ausweicht, der die Debattenkultur pflegen und eine „Perspektivenvielfalt plus“ erreichen möchte: Man brauche kontroverse interne Debatten in der Redaktion und die dafür nötigen geschützten Räume. Im Fall von „Klar“ seien die Diskussion „irgendwann überhitzt“ gewesen, nach seinem Eindruck hätten „alle verstanden, dass es so nicht geht“. Er sei „ein Freund von Maß und Mitte und auch des altdeutschen Wortes der Besonnenheit“ sagt er. Das könnten „journalistische Betriebe gut gebrauchen“. „Einmal runterzuzählen von zehn auf null und zu überlegen, statt sofort eine Meinung oder eine Reaktion zu haben“, diese Zeit wolle er sich selbst und den Redaktionen geben. Wie der von ihm empfohlene Countdown im NDR läuft, werden wir spätestens sehen, wenn „Klar“ mit Tanit Koch beginnt.
