Die Mitteilung des Vatikans kam unerwartet: Papst Leo XIV. habe den Amtsverzicht des New Yorker Erzbischofs Timothy Dolan angenommen. Unerwartet war sie, weil Dolan erst im Februar 75 Jahre alt geworden ist. Ortsbischöfe im Kardinalsrang müssen zu diesem Zeitpunkt zwar ihr Rücktrittsgesuch einreichen, vom Papst werden sie in der Regel aber noch einige Jahre länger im Amt belassen, im Höchstfall fünf, bis zur Vollendung des achtzigsten Lebensjahres. Erst dann ist nach dem Kirchenrecht endgültig Schluss. Besondere Aufmerksamkeit erregte die Personalie, weil Dolan nicht nur seit 2009 das bedeutendste katholische Bistum der Vereinigten Staaten leitet, sondern auch als ein Freund von Donald Trump gilt. Kein anderer katholischer Bischof hat dessen Nähe derart gesucht wie Dolan. Das nährte Spekulationen, der amerikanische Papst könnte sich eines missliebigen Bischofs vorzeitig entledigt haben, dessen Nähe zum Trump ihm ein Dorn im Auge sei. Zumal Dolans Nachfolger offenbar aus einem anderen Holz geschnitzt ist, als sein erzkonservativer Vorgänger, der im politischen Washington in republikanischen Kreisen als bestens vernetzt gilt. Dolans Nachfolger war bisher unauffällig Der 58 Jahre alte Ronald Aldon Hicks wuchs wie Leo in Chicago auf, verbrachte einige Jahre in Lateinamerika und war von 2018 bis 2020 Weihbischof im Bistum Chicago, an dessen Spitze der Franziskus-Anhänger Blase Cupich steht. Seit 2020 war Hicks Bischof des kleinen Bistums Joliet in Illinois. Leo XIV. begegnete er nach eigenen Angaben zum ersten Mal im vergangenen Jahr. Mit kirchenpolitischen Einlassungen oder Äußerungen zu Trumps Politik ist Hicks bisher nicht aufgefallen. Der erste amerikanische Papst hat bisher zwar nicht die persönliche Konfrontation mit Trump gesucht, sich aber in der Sache unmissverständlich geäußert. Im Sommer kritisierte er in seinem ersten Interview Trumps Migrationspolitik. Zuletzt sagte in der vergangenen Woche mit Blick auf dessen Verhältnis zu Europa, ohne den amerikanischen Präsidenten namentlich zu nennen: „Die Äußerungen über Europa, auch in den jüngsten Interviews, versuchen meiner Meinung nach, das zu zerstören, was ich für ein sehr wichtiges Bündnis heute und in Zukunft halte“. Dolan und Trump pflegten in der Öffentlichkeit das Bild ihrer Freundschaft. Dolan scherzte 2020, er telefoniere häufiger mit Trump als mit seiner eigenen Mutter in Missouri. Während der beiden Amtseinführungszeremonien sprach Dolan für Trump jeweils ein Gebet. Dolan war im Frühjahr Trumps erklärter Favorit für die Nachfolge von Franziskus. Er selbst sei seine „erste Wahl“, aber es gebe in New York einen Bischof, der „sehr gut“ sei, antwortete der amerikanische Präsident Ende April auf die Frage, wen er sich als neuen Papst vorstellen könne. Dolan hingegen rügte Trump kurz darauf, als dieser ein KI-generiertes Foto veröffentlichte, das ihn im Papstgewand zeigte. Auch in der Migrationspolitik war Dolan anfangs nicht auf Trump-Linie, in dessen zweiter Amtszeit schwieg Dolan allerdings dazu weitgehend. Womöglich gibt es aber auch noch eine andere Erklärung für die auffallend frühe Annahme von Dolans Amtsverzicht. Dolan wäre nach dieser Lesart das erste prominente Opfer einer neuen Personalpolitik des Papstes, der vor seiner Wahl die Bischofsbehörde im Vatikan leitete. Vor gut einem Monat hatte eine Äußerung Leos zur Altersgrenze für Bischöfe vor der Italienischen Bischofskonferenz in kirchlichen Kreisen aufhorchen lassen: Es sei gut, dass die Regel als Ortsbischof nach 75 Jahren seinen Rücktritt einzureichen, eingehalten werde, sagte er am 20. November in Assisi. Für Kardinäle könne man gegebenenfalls eine Verlängerung für zwei weitere Jahre in Erwägung ziehen. Das ließ sich als Ankündigung einer restriktiveren Praxis deuten. Die Kirche müsse sich ständig erneuern, sagte Leo XIV. Es gelte daher die Haltung zu pflegen, die Franziskus als „Lernen, Abschied zu nehmen“ bezeichnet habe.
