Du kriegst den Mann aus der Region, aber die Region nicht aus dem Mann: Als Phillip Tietz am ersten Arbeitstag an seiner neuen Wirkungsstätte die Handvoll Journalisten begrüßt, benutzt er nicht das unter den Mainzer Profis übliche „Servus“. Er sagt: „Gude“. Vier Jahre im Rhein-Main-Gebiet, je zwei beim SV Wehen Wiesbaden und bei Darmstadt 98, haben offenbar nachhaltige Spuren hinterlassen. Genau dies soll Tietz von sofort an in Diensten des FSV Mainz 05 tun, und das bislang minimalistische Offensivspiel mit nur 13 Toren aus 15 Begegnungen – seltener hat kein Ligakonkurrent getroffen – auf ein höheres Niveau befördern. Dafür hat Sportdirektor Niko Bungert den Mittelstürmer für vier Millionen Euro plus möglichen 750.000 Euro an Bonuszahlungen vom FC Augsburg geholt und mit einem Vertrag bis Sommer 2028 ausgestattet. Seinem Trainer hat er damit schon mal einen ersten Gefallen im neuen Jahr getan. „Es freut mich, dass Phillip den Weg zu uns gefunden hat“, kommentiert Urs Fischer die Verpflichtung. Der 28-Jährige eröffne ihm mehr Variationsmöglichkeiten in vorderster Reihe. Zum einen kann Tietz helfen, die Lücke zu füllen, die der im Sommer nach Frankfurt gewechselte Jonathan Burkardt hinterlassen hat und die der junge Nelson Weiper zu schließen noch nicht in der Lage war. Zum anderen bietet es sich künftig an, mit zwei Spitzen aufzulaufen. „Er ist ein Strafraumspieler, er fühlt sich dort wohl“, sagt Fischer, „er zeigt sich aber auch solidarisch, wenn es um die Defensivarbeit geht.“ Gespräche mit Tietz habe er schon geführt, bevor Fischer das Traineramt von Bo Henriksen übernahm, berichtet Bungert. Der Angreifer passe in das Profil, mit dem die Sportliche Leitung einen anderen Spielertypen in den Kader bekommen wollte: erfahren, zweikampfstark, wuchtig und nachgewiesenermaßen torgefährlich. In der zweiten Bundesliga traf Tietz für die Wehener 16-mal, für die „Lilien“ 27-mal. In Augsburg absolvierte er in den zurückliegenden beiden Runden alle Bundesligaspiele – was auf eine gewisse Robustheit schließen lässt – und trug sich insgesamt 16-mal in die Torschützenliste ein. In der aktuellen Saison hatte Tietz seinen Stammplatz bei den Schwaben verloren und kam nur noch auf zehn Einwechslungen. Den Vertrag bei den Rheinhessen scheint er mit der gleichen Überzeugung unterschrieben zu haben wie Bungert. „Phillip war vom ersten Tag an Feuer und Flamme für Mainz“, betont der Sportvorstand. Tietz selbst spricht in einer Pressemitteilung des Klubs von „überragenden Gesprächen mit den Verantwortlichen. Der Verein passt sehr gut zu mir und meinem Charakter.“ Und nicht zuletzt freue sich seine Frau über den Umzug – „sie stammt aus der Region“. Verpflichten die 05er den Stuttgarter Angreifer Silas? Einem Tabellenletzten das Vertrauen zu schenken, sage viel über den jeweiligen Spieler – aber auch Trainer – aus, betont Bungert. „Sowohl Phillip als auch Urs hatten von Anfang an viel Lust auf Mainz 05.“ Der Sportdirektor lässt zudem durchblicken, dass ein weiterer Angreifer folgen könnte. „Grundsätzlich schauen wir beim gesamten Kader, wie wir es bestmöglich hinbekommen, eine schlagkräftige Truppe aufzubauen.“ Den vom TV-Sender „Sky“ ins Gespräch gebrachten Silas, der beim VfB Stuttgart noch bis Saisonende unter Vertrag steht, aber keine Rolle mehr spielt, kommentiert er lediglich mit einem süffisanten Grinsen. „Es geht immer darum, eine gute Mischung zwischen Größe und Geschwindigkeit zu haben“, sagt Urs Fischer. Zwischen Strafraumstürmern und Angreifern, deren Wirkungsfeld vor allem außerhalb des Sechzehners liegt. Tietz ist der Mann für vor das Tor, ein Spielertyp wie Silas würde das andere Kriterium erfüllen und hälfe, das durchaus vorhandene Geschwindigkeitsdefizit der Mainzer abzubauen. Verpflichten die 05er tatsächlich noch eine Offensivkraft, dürfte sich wohl auch die Ausgangstür öffnen. Zwar macht Bungert klar, der Verein wolle zunächst auf der Zugangsseite handeln, „bevor wir den Kader womöglich so verkleinern, dass wir Probleme kriegen“. Sprich: noch mehr Probleme.Gleichwohl dächten Sportvorstand Christian Heidel, Fischer und er auch über Abgänge nach. „Allerdings werden wir sicher keinen absoluten Stammspieler abgeben.“ Armindo Sieb käme also für einen Transfer infrage. Schon jetzt steht die Leihgabe des FC Bayern München in der Stürmerhierarchie so weit hinten, dass er in der Liga zwar zwölfmal zum Einsatz kam, jedoch zehnmal von der Bank, meist in der Schlussphase. Häufig gehe der Wechselwunsch ja von den Spielern aus, sagt Bungert dazu, von Akteuren, die unzufrieden mit ihrer Spielzeit seien, die eine größere Rolle einnehmen und ihrer Mannschaft mehr helfen wollten. Ob Sieb mit einem entsprechenden Anliegen an ihn herangetreten ist, verrät der Sportdirektor nicht. Nur so viel: „Wir hatten zuletzt zwei sehr ereignisreiche Wochen, Sieb wurde gegen St. Pauli ja auch eingewechselt.“ Die Gelegenheit, seinen Stellenwert zu steigern, verpasste der Angreifer freilich in der letzten Minute, als er das 1:0 auf dem Fuß hatte, aber an Torwart Nikola Vasilj scheiterte. „Wir müssen gucken, wie es sich entwickelt“, sagt Niko Bungert. „Erst mal verstärken wir uns, alles andere sehen wir danach.“ Etwas konkreter liege der Fall bei Konstantin Schopp. Für den im Sommer aus Graz gekommenen Innenverteidiger, der in fünf U-23-Spielen mitwirkte, bei den Profis hingegen ohne Pflichtspieleinsatz ist, lägen viele Anfragen vor. Eine Leihe bis Saisonende scheint sich anzubahnen, „damit er höherwertige Spielpraxis kriegt“.
