FAZ 23.09.2026
20:24 Uhr

Neuer Aufsichtsratschef Teyssen: „Lufthansa ist viel deutscher, als ich erwartet habe“


Gemessen an Geschäftszahlen habe Lufthansa den Anschluss zu den Besten verloren, bemängelt der neue Aufsichtsratsvorsitzende. Er schließt weitere Sparanstrengungen nicht aus und mahnt kulturelle Veränderungen an.

Neuer Aufsichtsratschef Teyssen: „Lufthansa ist viel deutscher, als ich erwartet habe“

Der neue Aufsichtsratsvorsitzende der Deutschen Lufthansa, Johannes Teyssen, stimmt die Beschäftigten auf mehr Anstrengungen ein, um den Konzern in die Weltspitze der Flugbranche zu führen. „Wir wollen doch mit den Besten konkurrieren. Und da haben wir, erkennbar an den letzten Quartalsergebnissen, den Anschluss verloren“, sagte Teyssen in einem intern für das Lufthansa-Personal veröffentlichten Interview, das der F.A.Z. vorliegt. „Ich bin davon überzeugt, dass wir alle den Ehrgeiz in uns tragen, nicht das Schlusslicht der Airline-Industrie sein zu wollen.“ Lufthansa waren in den Monaten April bis Juni mit 346 Millionen Euro bloß etwas mehr als drei Prozent vom Umsatz als operativer Gewinn vor Zinsen und Steuern geblieben. Dabei profitierte der Konzern noch von höheren Margen im Wartungs- und im Frachtgeschäft. Der Rivale Air France-KLM schaffte hingegen eine Marge von mehr als fünf Prozent, der IAG-Konzern mit British Airways und Iberia landete sogar oberhalb von 10 Prozent. Die Kernmarke Lufthansa sei weiterhin das „größte Sorgenkind“, sagte Teyssen. Im zweiten Quartal war dort ein Verlust von mehr als 300 Millionen Euro vor Zinsen und Steuern angefallen. Um Lufthansa zurück zum Glanz zu führen, hat der Konzern schon das Programm „Turnaround“ gestartet. Es soll bis 2028 Einsparungen von 2,5 Milliarden Euro liefern. Teyssen sagte, er würde „nicht ausschließen, dass dort noch größere Anstrengungen notwendig sind.“ Es sei zwar schon viel verändert worden. „Aber leider hat es noch nicht die Wirkung erbracht, die wir uns erhoffen.“ Der Vorstand um den Vorsitzenden Carsten Spohr hatte Anfang August zur Vorstellung der Zahlen für das zweite Quartal erklärt, man sei mit dem Sanierungsprogramm „auf Kurs“. „Wir sollten das Fenster nach draußen stärker öffnen“ Für die Zukunft könnten mehr internationale Anstöße hilfreich sein. „Lufthansa ist so viel deutscher, als ich erwartet habe“, sagte Teyssen über seine ersten Monate im Konzern. Er war von der Hauptversammlung im Mai in den Aufsichtsrat gewählt worden. „In keinem der Unternehmen, wo ich bisher gearbeitet habe, begegnete mir so viel deutsche Kultur und wird auch so wenig Englisch geredet“, sagte der frühere Eon-Vorstandsvorsitzende. „Ich glaube, dass wir das Fenster nach draußen stärker öffnen sollten, um Impulse zu erhalten.“ Lufthansa sei international in dem Sinne, dass man wegfliege und immer wieder komme. „Aber wenn ich mir die Essenz anschaue, die Struktur, die Menschen, die sie tragen, ist sie schon sehr deutsch.“ Die fachliche Qualität, die Leistungskraft und die Sicherheitskultur unter den Beschäftigten hätten ihn beeindruckt. „Nicht auf dem gleichen Niveau liegen die ökonomische Leistungskraft und die Bereitschaft, sich immer mit den Besten zu messen“, mahnte er. Teyssen stellte zudem die Frage, ob eine ingenieursgetriebene Kultur manchmal lähme. „Beim Fliegen ist es richtig und unabdingbar, keine Fehler zu machen. Bei unternehmerischen Entscheidungen ist aber Geschwindigkeit manchmal wichtiger als Genauigkeit. Sonst kommt man immer zu spät“, sagte Teyssen. „Schwarze-Peter-Spiele führen nicht weiter“ Mit Blick auf die Tarifkonflikte, die rund um die Feier zur Lufthansa-Gründung vor 100 Jahren zu Streiks, danach zu andauernden Verhandlungen und Schlichtungen geführt haben, zeigte sich Teyssen versöhnlich. Er erlebe nicht grundsätzlich unterschiedliche Interessen, sondern Differenzen zum richtigen Weg. Er forderte Kompromissbereitschaft. „Schwarze-Peter-Spiele führen nicht weiter. Wir müssen verstehen, dass jeder seinen Beitrag zu erbringen hat.“ Teyssen äußerte sich auch zu den jüngsten Vertragsverlängerungen für drei Vorstände. Dabei war aufgefallen, dass Finanzvorstand Till Streichert und Vertriebsvorstand Dieter Vranckx um fünf Jahre verlängerte Verträge erhalten hatten, Technikvorstandsfrau Grazia Vittadini aber nur für drei Jahre. Vittadini ist zum Ablauf ihrer Amtszeit dann 60 Jahre alt, lange war es üblich, dass Lufthansa-Vorstände in diesem Alter in den Ruhestand gehen. Teyssen bezeichnete solche Altersgrenzen als nicht mehr zeitgemäß, die alte Regelung dazu sei auch aufgehoben. Nun gelte aber, dass Vorstandsverträge, die bis zum 60. Geburtstag oder darüber hinaus reichen, auf drei Jahre begrenzt würden. Eine abermalige Verlängerung sei aber möglich. Vittadini, Streichert und Vranckx waren 2024 im Zuge eines Großumbaus des damals als zerstritten geltenden Vorstands in das Gremium gekommen, vier Vorstände schieden damals aus und wurden vom Aufsichtsrat unter Teyssens Vorgänger Karl-Ludwig Kley durch drei neue ersetzt. Nur Vorstandschef Carsten Spohr und Personalvorstand Michael Niggemann blieben damals. Nun habe man Stabilität und Kontinuität signalisieren wollen, sagte Teyssen. Der aktuelle Vorstand sei ein „eingespieltes“ Team, das den Konzern erfolgreich in die Zukunft führen könne.