Junge Menschen lassen sich immer mehr Zeit: Sowohl der erste Kuss als auch der erste Sex finden inzwischen später statt. 2019 hatten bereits 70 Prozent der Fünfzehnjährigen ihren ersten Kuss erlebt. 2025 war es nur rund die Hälfte. Ähnlich verhält es sich beim ersten Geschlechtsverkehr: 2019 hatten 28 Prozent der Vierzehn- bis Siebzehnjährigen schon mindestens einmal Sex. 2025 waren es nur noch 18 Prozent. „Das ist kein Zufall“, sagt Mechthild Paul, die stellvertretende Leiterin des Bundesinstituts für Öffentliche Gesundheit (BIÖG). Seit einigen Jahrzehnten untersucht das BIÖG die Einstellungen und Verhaltensweisen in Bezug auf Sexualität, Verhütung und Sexualaufklärung von jungen Menschen. Für die aktuelle Studie wurden mehr als 5800 Personen zwischen 14 und 25 Jahren befragt. In den Ergebnissen sieht Paul den Beweis dafür, dass die Aufklärung in der Schule, im Elternhaus, in Beratungsstellen, in Arztpraxen und durch die Angebote des BIÖG wirke: „Umfassende Sexualaufklärung trägt dazu bei, dass Jugendliche und junge Erwachsene verantwortungsvoll, selbstbestimmt und gesundheitsbewusst mit Partnerschaft, Sexualität und Verhütung umgehen“, sagt Paul. Für zwei Drittel der Befragten fand der erste Sex „gerade zum richtigen Zeitpunkt“ statt. Junge Menschen sprechen selbstverständlich über Verhütung Die meisten jungen Menschen haben den ersten Sex inzwischen in einer festen Beziehung. Bei den Frauen sind es 65 Prozent, bei den Männern 53 Prozent. Nur sehr wenige kannten den Partner beim ersten Sex gar nicht oder nur flüchtig. In fast neun von zehn Beziehungen sprechen junge Menschen selbstverständlich über Verhütung. Zwei Drittel thematisieren auch den Schutz vor sexuell übertragbaren Infektionen. Insbesondere beim ersten Sex verhüten Jugendliche überwiegend mit Kondom. Mit zunehmender sexueller Erfahrung gewinnt dann die Pille an Bedeutung: Etwa die Hälfte der sexuell erfahrenen Jugendlichen und jungen Erwachsenen verwendet sie aktuell. Nur etwa sechs Prozent der Jugendlichen und jungen Erwachsenen gaben an, beim ersten Sex nicht verhütet zu haben. 2019 waren es noch acht Prozent. Neben mehr und besserer Aufklärung werden Jugendliche vermutlich auch aus anderen Gründen später sexuell aktiv. Laut der Psychologin Sara Scharmanski, die die Studie für das BIÖG durchgeführt hat, haben junge Menschen heutzutage ein hohes Bedürfnis nach Sicherheit, sind risikoaverser und gesundheitsbewusster. Jugendliche tränken heute beispielsweise weniger Alkohol und gerieten so auch seltener in Rauschzustände, in denen es ihnen schwerer fällt, ihre Grenzen zu artikulieren und durchzusetzen. Weibliche Sexualität ist selbstbestimmter Scharmanski sieht, dass Frauen ihre Sexualität heute eher nach ihrem eigenen Willen gestalten können und sich weniger unter Druck setzen lassen als noch vor einigen Jahren. Sie sagt: „Ich denke, aufgrund der Datenlage und Entwicklung können wir annehmen, dass Sexualität gerade von weiblicher Seite selbstbestimmter erfolgt.“ Auch der Umstand, dass Jugendliche weniger unverplante Freizeit hätten als früher, könnte dazu beitragen, dass sie später erste sexuelle Erfahrungen machen. „Es fehlt jungen Menschen auch einfach häufiger an Gelegenheiten“, sagt Scharmanski. Die Corona-Pandemie sei für diese Entwicklung ein Katalysator gewesen. Sexualaufklärung findet in der Schule und im Elternhaus statt Die Schule ist nach wie vor die wichtigste Quelle der Sexualaufklärung für Jugendliche: 78 Prozent der Jugendlichen gaben an, in der Schule Wissen über Sexualität und Verhütung erhalten zu haben. 2019 waren es 69 Prozent. Als Ansprechpersonen gewinnen Lehrkräfte sowie Eltern weiter an Bedeutung. Gleichaltrige und das Internet haben hingegen leicht an Bedeutung verloren. Aufklärungs- und Beratungsseiten wurden von den jungen Menschen als besonders vertrauenswürdig bewertet. Weniger Vertrauen bestand gegenüber KI-generierten Inhalten sowie sozialen Medien. Unter den Jugendlichen, die noch keine sexuellen Kontakte hatten, gab etwas mehr als die Hälfte an, dass bislang die passende Partnerin oder der passende Partner fehlte. 37 Prozent halten sich für „zu schüchtern“ und 41 Prozent für „zu jung“. Auffallend ist, dass deutlich mehr Mädchen als Jungen „Angst vor den Eltern“, „vor der Ehe nicht richtig“ und „unmoralisch“ als Grund angaben, weshalb sie bisher noch keinerlei engeren sexuellen Kontakt gehabt haben. Die Erhebung im Jahr 2019 hatte ergeben, dass muslimische Mädchen und junge Frauen deutlich seltener schon sexuelle Erfahrungen gemacht hatten als ihre Altersgenossinnen. Auch bei Jungen und jungen Männern ließen sich Zusammenhänge zwischen sexueller Zurückhaltung und religiöser Prägung oder kultureller Herkunft feststellen. Inwieweit dieser Zusammenhang weiterhin besteht, wird sich in den folgenden Monaten zeigen. Dann wird das BIÖG weitere Details zu seiner Erhebung veröffentlichen.
