FAZ 08.01.2026
14:08 Uhr

Neue Weltordnung: Europas harter Weg aus der Unmündigkeit


Der Ökonom Moritz Schularick zeigt, wie sich Europa in der neuen Weltordnung behaupten kann – wenn es seine Vasallenmentalität ablegt.

Neue Weltordnung: Europas harter Weg aus der Unmündigkeit

Von der Hoffnung der Neunzigerjahre, die Welt durch Handel zu befrieden und weltweit den Wohlstand zu mehren, hat das vergangene Jahr wenig übrig gelassen. In den Vereinigten Staaten wurde ein Mann zum zweiten Mal Präsident, der Politik primär als Instrument zur Durchsetzung ökonomischer Interessen versteht. Friedensverhandlungen wurden ökonomischen Gewinnerwartungen unterstellt, Staatschefs gewaltsam entmachtet, weil sie dem Ölgeschäft im Weg standen, oder der Zugang zu Rohstoffen und Technologien versperrt, um den Handelspartner politische Kompromisse abzuringen. Alles war wieder ein Deal. Deutschland und Europa trifft die Entwicklung unvorbereitet, obwohl sie sich lange angebahnt hat. Moritz Schularick, Präsident des Kieler Instituts für Weltwirtschaft, griff bei seinem Vortrag über die neue Geoökonomie in der Münchner Carl Friedrich von Siemens Stiftung auf die Polarisationstheorie Albert Hirschmans zurück, der schon in den Vierzigerjahren davor gewarnt hatte, dass globaler Handel Ungleichgewichte und Abhängigkeiten schaffe, die irgendwann politisch ausgenutzt würden. Nach dreißig Jahren der forcierten Globalisierung ist diese Phase erreicht. Das vergangene Jahr brachte Europa nicht nur die Erfahrung, dass ökonomische Macht knallhart ausgespielt wird, sondern auch, dass militärische Stärke zur Bedingung von ökonomischer Prosperität geworden ist. Die militärische Unmündigkeit ließ Europa im Zollstreit mit den Vereinigten Staaten einknicken und verurteilt es zur Zuschauerrolle beim Ausbau der Einflusssphären durch Russland, China und die Vereinigten Staaten. Das amerikanische Venezuela-Abenteuer ist zugleich eine Warnung an China, sich aus der amerikanischen Einflusssphäre herauszuhalten, und eine Einladung sich Taiwan einzuverleiben, womit dann auch der Zugang zu Hochleistungschips in chinesischer Hand wäre. Europa, dass den Anschluss an die neuen Technologien verloren hat, die in vielen industriellen Bereichen disruptive Fortschritte versprechen, träfe das besonders hart. Vielleicht findet sich ja ein freundlicher chinesischer Investor, der die deutschen Autobauer mit neuer Technologie ausstattet. Warten auf den großen Knall Schularick zeichnete ein schonungsloses Bild der Lage. Die Rohstoff-Abhängigkeit von China sei dramatisch, Europa müsse sich darauf einstellen, dass China auf seine Exporte nicht mehr angewiesen sei, weil es selbst billiger und schneller produziere und viel stärker in Forschung und Entwicklung investiere. Den Innovationsvorsprung sieht Schularick vor allem der Tatsache geschuldet, dass China sieben Tage die Woche im Drei-Schichten-Betrieb produziere, während Europa die Work-Life-Balance perfektioniere. Trotzdem hielt er die Lage nicht für hoffnungslos. Langfristig lasse sich die Abhängigkeit durch die Entkopplung und Diversifizierung der Handelsbeziehungen überwinden, was zunächst mit massiven Wohlstandsverlusten verbunden wäre – Schularick zog die Finanzkrise als Vergleich heran –, aber immerhin bewältigt werden könne. Was Schularick aus deutschen Ministerien berichtete, ließ aber eher darauf schließen, dass man harten Entscheidungen aus dem Weg gehen möchte und auf den großen Knall wartet, der dann freie Hand für eine Rhetorik der Alternativlosigkeit gibt. Im Prinzip hat Europa die ökonomische Potenz, um China und den Vereinigten Staaten die Stirn zu bieten. Es müsste aber Handel und Verteidigung vereinheitlichen, wofür es bislang kaum Anzeichen gibt. Man richtet sich in der Hoffnung ein, dass die Amerikaner wieder zur Vernunft kommen. Das Bewusstsein, dass die Verteidigung nicht mehr an die Vereinigten Staaten ausgelagert werden kann, ist zwar gewachsen. In keinem Bereich werden die Investitionen in Deutschland derart hochgeschraubt, was sich nach Schularick auch wirtschaftlich rentieren kann, wenn man es endlich schaffe, die Produktion industriell hoch zu skalieren, wovon derzeit keine Rede sein könne. Aktuell würden pro Monat drei Taurus-Marschflugkörper gefertigt, während Russland in selben Zeitraum zwölftausend Drohnen produziere. Das Sondervermögen sieht Schularick in teuren bemannten Panzerfahrzeugen versickern, die im autonomen Drohnen-Krieg der Gegenwart seltsam antiquiert wirken. Man werde in den nächsten fünf Jahren fünfhundert Milliarden Euro für Verteidigung ausgeben, prophezeite Schularick, um hinterher kein Stück unabhängiger zu sein, weil man weiterhin innerhalb der Nato-Strukturen plane und sich dort auf amerikanische Militärtechnologie verlasse. Nicht zum ersten Mal forderte Schularick einen Koordinator für Sicherheitspolitik, der die losen Fäden verbindet. Die Überlegung, dass er selbst ein Kandidat für den Posten wäre, drängte sich nach seiner unbequemen, aber nicht hoffnungslosen Analyse auf. Schularick vertrat einen Optimismus der harten Entscheidung: Wenn Europa tiefen Schnitten nicht aus dem Weg gehe, könne es seinen liberalen Kern wahren und in der neuen Weltordnung bestehen. Auf die Aussicht, dass der Spuk drei Jahren vorbei ist, sollte man sich lieber nicht verlassen.