FAZ 03.12.2025
12:11 Uhr

Neue Studie: Wie kommt es zu sexueller Gewalt an Schulen?


Im Klassenzimmer, in der Turnhalle, auf dem Schulweg: Eine neue Studie zeigt, wie sexuelle Gewalt an Schulen aussieht – und welche Ansätze es gibt, um sie zu verhindern.

Neue Studie: Wie kommt es zu sexueller Gewalt an Schulen?

Schule soll ein Ort sein, an dem sich Kinder und Jugendliche wohl und sicher fühlen. Doch nicht immer löst sie den Schutzauftrag ein, der ihr per Gesetz zugewiesen wird. Das zeigt eine Studie, die am Mittwoch in Berlin vorgestellt worden ist. Sie hat untersucht, wie es zu sexueller Gewalt an Schulen kommt und welche Folgen diese für Betroffene hat. Beauftragt wurde die Studie von der Unabhängigen Kommission des Bundes zur Aufarbeitung sexuellen Kindesmissbrauchs (UBSKM). Sie basiert auf 133 Schilderungen von Betroffenen, die sich mündlich oder schriftlich geäußert haben. Viele meldeten sich auf eine Kampagne hin, die die UBSKM im Jahr 2021 gestartet hatte. Die Kommission wurde 2016 eingesetzt und hat den Auftrag, sexuelle Gewalt in Deutschland aufzuarbeiten. Aufgrund der geringen Fallzahl und der Zusammensetzung der Stichprobe lassen sich die Ergebnisse nicht verallgemeinern. Doch sie geben Hinweise darauf, wie Täter vorgehen, was Betroffenen hilft – und wie Prävention aussehen kann. Von verbalen Äußerungen bis zu Vergewaltigung Sexuelle Gewalt an Schulen nimmt viele Formen an. Laut der Studie reichen sie von verbaler sexueller Belästigung bis hin zu Nötigung und Vergewaltigung. Meist handelte es sich nicht um einmalige Taten. Die Betroffenen nennen Zeiträume von mehreren Wochen bis zu einem Jahr. Die Gewalt geschieht in der Regel also nicht plötzlich, sondern bahnt sich über einen längeren Zeitraum hinweg an. Die Pädagogin Edith Glaser hat die Studie mit zwei Kolleginnen durchgeführt. Sie weist bei der Vorstellung auf den Zusammenhang zwischen sexualisierter Gewalt und anderen Gewaltformen hin, etwa Gewalt- und Suchterfahrungen in der Familie. Die in der Fallstudie benannten Täter waren fast ausnahmslos männlich. Lehrkräfte stellen die mit Abstand größte Gruppe dar. Aber auch Taten, die von Schülerinnen und Schülern ausgingen, wurden berichtet. Ihnen ging häufig Mobbing voraus. Eine Teilnehmerin schildert in der Studie, wie sie „begrapscht“ wurde Eine Teilnehmerin namens Sandra schilderte der Kommission, wie sie Ende der Achtzigerjahre von Mitschülern angegangen wurde – im Alter von 13 Jahren. Diese hätten ihr „an mehreren Tagen hintereinander aufgelauert, mich festgehalten und überall begrapscht“. Sie seien „immer zu dritt, einmal auch zu viert“ gewesen, und hätten „das sogar im Unterricht unter dem Tisch gemacht“. Die Mehrheit der Teilnehmer gehört zu den sogenannten Babyboomern, die zwischen 1956 und 1970 geboren sind. 56 Personen lassen sich dieser Gruppe zuordnen. Hinzu kommen weitere 61 Personen, die zwischen 1971 und 2010 geboren sind. Die Strategien, die die Täter einsetzen, verändern sich im Laufe der Zeit. In den Sechzigerjahren hat die Autorität der Lehrkräfte laut der Studie eine große Rolle gespielt. Diese hätten Gründe vorgetäuscht, um Entblößung und Anfassen zu rechtfertigen. Seit den Siebzigerjahren gebe es eine Häufung von „vermeintlich romantischen Beziehungen mit körperlich-sexuellem Kontakt“. Dabei sei es häufig so, dass Lehrkräfte sich über einen längeren Zeitraum hinweg verständnisvoll zeigen und versuchen, Vertrauen aufzubauen. „Und dann hat er irgendwann so doppeldeutig geschrieben“ Von Kommunikationskanälen wie WhatsApp geht laut dem Bericht ein Risiko für sexuelle Grenzüberschreitungen aus. Erwähnt wird die Aussage einer Betroffenen namens Luisa. Sie erzählt, wie ihr Lehrer ihr zum 16. Geburtstag gratulierte und sich die Kommunikation nach und nach veränderte: „Und dann hat er irgendwann so doppeldeutig geschrieben“, wird sie im Bericht zitiert. Klassenzimmer, Sport- und Schwimmhallen, nicht einsehbare Räume, Schultoiletten – all diese Räume wurden von den Betroffenen als Tatorte benannt. „Körperbetonte Unterrichtsfächer haben sexuelle Übergriffe begünstigt“, heißt es im Bericht – etwa bei Hilfestellungen im Sportunterricht. Auch bei Ausflügen und Klassenfahrten sowie auf Schulwegen haben die ehemaligen Schülerinnen und Schüler Gewalt erlebt. Wenn eine vermeintlich romantische Beziehung einer Lehrkraft mit einem Schüler/einer Schülerin initiiert wurde, wurden auch deren Auto oder Wohnung zum Tatort. „Viele Betroffene haben geschwiegen, weil sie die Taten vergessen wollten, sich schämten oder von den Tätern bedroht wurden“, sagt Edith Glaser bei der Vorstellung der Studie. Häufig hätten ihnen die Worte gefehlt, um das Geschehene zu benennen. Es habe sexuelle Bildung gefehlt, um die Gewalt als solche erkennen zu können. Der Bericht zeigt: Wenn sich Betroffene äußerten, wurden sie oft nicht gehört. Viele Reaktionen seien als „ernüchternd“ erlebt worden. In 48 Fällen, so die Studie, haben Personen im Schulkontext keine Hilfe geleistet oder Unterstützung verweigert. „Kollegiale Loyalität hatte offensichtlich Vorrang“, so Edith Glaser. Wie es nach den Gewaltvorfällen weiterging, ist bisher nur wenig erforscht. Glaser spricht von einer „Black Box“. Es seien ihr zwei Studien bekannt, die sich mit der Aufarbeitung an staatlichen Schulen befassen. Im Rahmen der aktuellen Studie habe sich gezeigt, dass einige Betroffene zu „Selbsthilfestrategien“ griffen, weil sie nicht gehört wurden. Sie hätten die Klasse wiederholt, den Schulbesuch verweigert, die Schule gewechselt. Die Studie zeigt: Es braucht mehr Wissen über sexuelle Gewalt an Kindern und Jugendlichen – nicht nur bei Lehrerinnen und Lehrern, auch bei Schulleitungen und in den Verwaltungen. Julia Gebrande, Professorin für Soziale Arbeit und Mitglied der USBKM, fordert Stellen auf in der Verwaltung, „die Fälle entgegennehmen und eine Aufarbeitung in die Wege leiten“. In den Schulleitungen sieht sie eine „Schlüsselstelle“. Sie müssten auf das Thema vorbereitet werden. Um zu verhindern, dass Gewalt gar nicht erst entsteht, so der Bericht, braucht es an jeder Schule ein Schutzkonzept, also Ansprechpersonen für (Verdachts-)Fälle, die allen Schülerinnen und Schülern sowie Eltern bekannt sind, und Handlungsanweisungen, wie diese vorgehen. Auch eine externe Anlaufstelle müsse für die Betroffenen erreichbar sein.