Je länger Kinder und Jugendliche muslimischen Glaubens den bekenntnisorientierten islamischen Religionsunterricht in Nordrhein-Westfalen besuchen, desto weniger empfänglich sind sie für Antisemitismus, Frauenfeindlichkeit oder Homophobie. Das ist der Kernbefund einer Studie des Instituts für Islamische Theologie an der Universität Münster unter der Leitung von Mouhanad Khorchide. Der in deutscher Sprache, nach klar definierten Lehrplänen und unter Aufsicht der Schulbehörden erteilte Unterricht leistet nach den Worten des Wissenschaftlers einen wesentlichen Beitrag, dass „demokratische Grundwerte als Teil der islamischen Lehre verstanden werden“. Anders als in manchen Moscheegemeinden, in denen die Gläubigen oft nur passive Teilnehmer seien, stärke der Islamische Religionsunterricht (IRU) die Religionsmündigkeit und die Bereitschaft, Vielfalt anzuerkennen. Schulministerin Dorothee Feller (CDU), deren Haus die Untersuchung in Auftrag gegeben hat, sieht im staatlich verantworteten IRU ein wichtiges Gegengewicht zu religiösen Inhalten in den sozialen Medien. „Denn es macht einen erheblichen Unterschied, ob religiöse Identitätsbildung in der Schule oder auf Tiktok stattfindet.“ Vor zehn Jahren 8300, heute 32.000 Schüler Die Identitätsbildung nicht der Beliebigkeit zu überlassen und Tür und Tor für den Einfluss von Hasspredigern, Fundamentalisten und religiösen Extremisten zu öffnen, sei mit Blick auf jede Konfession die Verantwortung aller Demokraten. Entsprechend empfehlen die Studienautoren, den IRU „flächendeckend an allen Schulformen“ im bevölkerungsreichsten Bundesland einzuführen. Der Weg dorthin ist noch weit. Zwar nimmt die Zahl der Teilnehmer am IRU – der im Schuljahr 2012/2023 zunächst an einigen Grundschulen begann, seit 2013/2014 dann auch in der Sekundarstufe I und seit 2016/2017 in der Oberstufe angeboten werden kann – kontinuierlich zu: vor zehn Jahren waren es lediglich 8300, im laufenden Schuljahr sind es 32.000. Doch derzeit werden mit dem Angebot, das es im laufenden Schuljahr an 247 der rund 5400 Schulen in Nordrhein-Westfalen gibt, immer noch lediglich rund sechs Prozent der mehr als 500.000 muslimischen Schülerinnen und Schüler erreicht. Ein weiteres Problem ist: Bis genügend Lehrer für den Islamunterricht vorhanden sind, werden noch einige Jahre vergehen. Immerhin gibt es neben Khorchides Zentrum für Islamische Theologie seit Ende 2022 mit der Universität Paderborn eine zweite akademische Ausbildungsstätte in NRW. Staatsrechtlich ist die Lage kompliziert Auch wenn Schulministerin Feller wie alle ihre Vorgängerinnen die Aufklärungsarbeit hervorhebt, die mit dem islamischen Religionsunterricht geleistet werden soll, lässt sich das Angebot keinesfalls auf eine Maßnahme gegen Radikalisierung verengen. Vielmehr ist Religionsunterricht ein Grundrecht, das muslimischen Schülern ebenso zusteht wie evangelischen und katholischen. Schon mit dem Aufbau einer entsprechenden Grundversorgung zu beginnen, war jedoch wegen komplexer staatskirchlicher Fragen eine Herausforderung. Denn die muslimischen Verbände sind nicht als Religionsgemeinschaften anerkannt. Nur ihnen steht aber die staatsrechtliche Begünstigung für Religionsunterricht zu. Der Kniff, um mit dem Projekt 2012 zu beginnen, war die Einführung eines staatsunabhängigen Beirats, der ersatzweise die Funktion einer Religionsgemeinschaft einnahm und unter anderem über die Zulassung von Schulbüchern und die Erteilung der Lehrerlaubnis entschied. Kritik gab es an dem Gremium, weil die in ihm vertretenen Verbände wie der Zentralrat der Muslime oder die Türkisch-Islamische Union der Anstalt für Religion (DİTİB) nur einen kleinen Teil der in Deutschland lebenden Muslime repräsentieren und für einen konservativen, türkisch-sunnitischen Islam stehen, während andere ethnische muslimische Gruppen und auch liberale Muslime nicht im Beirat saßen. Im Frühjahr 2021 wurde der Beirat durch eine Kommission ersetzt, deren Mitgliederzahl auch deshalb nicht mehr begrenzt ist, damit solche Gruppen dort ebenfalls vertreten sein können. Doch auch einige Teilnehmer der Khorchide-Studie monieren, dass die „religiöse und kulturelle Vielfalt der muslimischen Gemeinschaft in Nordrhein-Westfalen“ noch immer nicht adäquat abgebildet sei. Als Khorchide die Studie jüngst im Schulausschuss des Landtags vorstellte, gab es auch Zweifel und Kritik. Die FDP, die den IRU früher befürwortete, mittlerweile aber seine Abschaffung zugunsten eines verpflichtenden Fachs Ethik oder Praktische Philosophie sehen möchte, wies auf eine frühere Untersuchung der Universität Münster zu angehenden Islam-Lehrkräften hin. Sie hatte ergeben, dass jeder dritte Befragte Juden als Feinde ansieht und jeder fünfte kundtat, Frauen stünden weniger Rechte zu als Männern. Khorchide legte Wert auf den Hinweis, dass die Studie auch ergeben habe, dass solche inakzeptablen Einstellungen mit fortschreitender Studiendauer immer mehr abnähmen. „Unsere Aufgabe ist es, im Studium aufzuklären, und das gelingt uns.“ Ähnlich sei es im islamischen Religionsunterricht. Der IRU sei ein Raum, in dem Schüler lernen könnten, „ihren Glauben reflektiert, verantwortungsbewusst und im Einklang mit demokratischen Werten zu leben“, heißt es in der Studie. Durch eine längere Teilnahme nehme auch der Konsum einschlägiger Social-Media-Inhalte der Schüler ab. Gleichwohl empfiehlt das Khorchide-Team, den Unterricht weiterzuentwickeln. Ein noch stärkerer Fokus auf Medienkompetenz und gesellschaftlich relevante Themen wie Geschlechtergerechtigkeit und Antisemitismusprävention sei ebenso notwendig wie die verstärkte Fortbildung von Lehrkräften, „insbesondere auch im Bezug auf interreligiöse Dialogkompetenz“.
