FAZ 10.12.2025
18:03 Uhr

Neue Strategie: Wie an Berlins Schulen und Kitas alles besser werden soll


Berlins Bildungspolitik krankte bislang daran, dass Projekte zu spontan und punktuell waren. Eine neue Qualitätsstrategie soll das ändern.

Neue Strategie: Wie an Berlins Schulen und Kitas alles besser werden soll

Auch wenn Berlin am meisten für einen Schüler ausgibt, landet es bei Vergleichsstudien seit Jahrzehnten auf einem der letzten Plätze. Meist ist es der vorletzte vor Bremen. Damit wollten sich schon frühere Bildungssenatoren nicht ab­finden und haben eine Qualitätskom­mission eingesetzt, die im Oktober 2020 ihre Empfehlungen vorgelegt hat. Ein Qualitätsbeirat sollte sich um die Umsetzung kümmern. Die zentrale Schwäche der Berliner Schulpolitik sah die Kommission in zu punktuellen, spon­tanen Aktionen und Projekten und in einer fehlenden Gesamtstrategie. Kurz vor Ablauf der verkürzten Legislaturperiode in Berlin hat die amtierende Bildungssenatorin Katharina Gün­ther-Wünsch (CDU) am Mittwoch an ei­ner Grundschule in Hellersdorf nun ei­ne Qualitätsstrategie vorgelegt, die sich zentral auf die Entwicklung sprachlicher und mathematischer Kompetenzen richtet. „Wir verlassen den Weg punktueller Einzelmaßnahmen und stellen die Qualitätsentwicklung von Kitas und Schulen erstmals auf eine gemeinsame, verläss­liche, datenbasierte Grundlage“, sagte Günther-Wünsch. Es habe lange gedauert, alle Akteure auf ein gemeinsames Ziel zu verpflichten. Die Qualitätsstrategie sei legislaturübergreifend angelegt, versicherte die Senatorin. Implementierung steht an Der Vorsitzende des Qualitätsbeirats, der frühere Leiter des Hamburger Instituts für Bildungsmonitoring und Qua­litätsentwicklung (IfBQ), Norbert Maritzen, sagte, es liege nun erstmals eine fokussierte, wesentliche Bildungsetappen umfassende und inhaltlich strukturierte Strategie vor, und nicht „wie zu häufig in der Vergangenheit eine Sammlung von Einzelmaßnahmen“. Der Beirat habe die Entwicklung intensiv begleitet und auch den Lernprozess in der Schulbehörde, in der es zwischenzeitlich ordentlich knirschte, angeleitet. Nun allerdings stehe die Implementierungsphase an. Nicht die Papiere entschieden über die Ergebnisse, sondern die zielgerichtete Im­plementierung sei zentral, so Maritzen. Man müsse sofort mit den Datenerhebungen beginnen, die dann auch Längsschnittbeobachtungen ermöglichten. Die Schulen müssten dabei unterstützt werden. Außerdem müsse die Datenin­frastruktur verlässlich funktionieren. Es komme darauf an, dass der Zusammenhang der Maßnahmen immer wieder neu hergestellt werde, mahnte Maritzen. Rund ein Drittel der Berliner Schüler kann nicht ausreichend lesen, schreiben und rechnen – und das trotz einer sechsjährigen Grundschulzeit. Der Wechsel nach vier Grundschuljahren auf ein Gymnasium ist nur bei besonderen Profilen, etwa einem humanistischen Gymnasium oder einem Sportgymnasium, möglich. Berlin will nun eine Verbesserung in der sprachlichen und mathematischen Bildung in allen Phasen der Bildungsbiographie erreichen und damit den Anteil der Kinder und Jugendlichen ständig erhöhen, der die Mindeststandards erfüllt. Übergänge gestalten Sowohl die Familie als auch Kitas und Kindergärten sind für die frühkindliche Bildung entscheidend. Künftig soll es ein bildungsphasenübergreifendes Vorgehen geben. Das bedeutet, dass sich alle Akteure von der frühkindlichen bis zur Erwachsenen-Bildung als Mitwirkende ei­nes Gesamtsystems verstehen müssen. Verbindlichkeit und Ergebnisorientierung sollen das Handeln leiten. Entscheidungen und Ressourcenzuweisungen sollen bedarfsorientiert und datengestützt vergeben werden. Besonders wichtig für eine Gesamtstrategie sind die Schnittstellen mit den Übergängen: der Übergang von der Kita zur Grundschule, von der Grundschule in die Sekundarstufe I und von der Sekundarstufe I in die berufliche oder gymnasiale Bildung. Was anderswo längst üblich ist, will sich nun auch Berlin zu eigen machen: Es soll künftig stärker überprüft werden, ob verbindliche Vorgaben wie Testungen auch wirklich eingehalten werden und die Förderung Wirkung hat. Ressourcen will die Schulbehörde künftig dort einsetzen, wo sie die größte Wirksamkeit für die Stärkung der sprachlichen und mathematischen Kompetenzen erzielen und wo der Bedarf am größten ist. Um gezielt vorgehen zu können, sind genaue Kenntnisse der Lernausgangslage nötig. Es braucht Diagnostik, auf die Beratung, Unterstützung und Ressourcenzuweisung abgestimmt sind. Ab Mitte 2027 (wenn eine neue Berliner Regierung im Amt ist) sollen alle Einrichtungen im frühkindlichen Bereich verpflichtend das wissenschaftlich fundierte und an die Grundschule anschlussfähige Instrument zur Beobachtung und Dokumentation, BeoKiz, einsetzen. Zugang zu Kitas vereinfachen Kinder, die keine Kita besuchen, sollen durch neue Verfahren des Datenaustauschs zuverlässig identifiziert werden und sollen verpflichtend an Sprachstandsfeststellungen im Alter von viereinhalb Jahren teilnehmen. „Bei Feststellung eines Sprachförderbedarfs ist der Besuch einer Kindertageseinrichtung für 18 Monate vor der Grundschule im Umfang von 7 Stunden pro Tag verpflichtend“, heißt es in der Strategie. Au­ßerdem soll der Zugang zu Kindertageseinrichtungen durch die antragslose Versendung eines Kitagutscheins an alle Kinder im Alter von drei Jahren vereinfacht werden, um mehr Kinder zu fördern. Die Einrichtungsaufsicht für Kitas soll gestärkt werden, um die pädagogische Qualität durch gezielte Beratung und Überprüfung und datengestütztes Monitoring zu gewährleisten. Vom kommenden Schuljahr 2026/27 an sollen die Vergleichstests Vera 3 und Vera 8 verpflichtend werden und im Folgejahr als weitere Testungen zur Ermittlung des Lernverlaufs wiederholt werden. Beim Wiederholungstest soll sich zeigen, ob die Förderung wirksam war. Für die Klassen 5 und 6 will Berlin ein eigenes Testinstrument entwickeln. Zum Schuljahr 2027/28 wird zusätzlich zu den Tests in der ersten Jahrgangsstufe StarS („Stark in die Grundschule starten“) eingeführt, damit Lernausgangs­lagen analysiert und Daten zur Lernentwicklung zum Beginn des zweiten Schuljahrs für sprachliche und mathemati­sche Fähigkeiten zur Verfügung stehen. Lehrer müssen die Daten kennen Die Schulaufsicht soll vor allem Strategien zur Steigerung der Bildungsqua­lität berücksichtigen. Qualifizierungs- und Unterstützungsangebote sollen bedarfsorientiert am Berliner Landesinstitut für Qualifizierung und Qualitätsentwicklung an Schulen (BLiQ) bereitgestellt werden. Denn die Lehrer müssen wissen, welche Daten sie haben und wie sie diese interpretieren müssen. Durch die Weiterentwicklung des Schulvertrags soll an den Startchancen-Schulen ein Instrument der datengestützten Schulentwicklung erprobt werden, das vom Schuljahr 2026/27 auf alle Schulen ausgeweitet wird. Es wird dann datengestützte Zielvereinbarungen zwischen den Schulen und der operativen Schulaufsicht zur Schul- und Unterrichtsentwicklung geben, die mit konkreten Maßnahmen zur Förderung von Schülern hinterlegt sind. Um sprachliche und mathematische Fähigkeiten gezielt zu fördern, muss der Unterricht besser werden, und Lernzuwächse müssen ständig überprüft werden. Für Kitas soll es eine altersgerechte und altersinte­grierte sprachliche und mathematische Bildung geben. Hinzu kommen Fortbildungen, ein überarbeiteter Rahmenlehrplan für Spracherzieher sowie die Einführung des Lese- und Mathebandes. An Grundschulen sollen Fachleitungen für Deutsch und Mathematik besetzt werden, das Landesinstitut soll sich auf Angebote der Schul- und Unterrichtsentwicklung in Sprache und Mathematik konzentrieren. Kitas, Schulen, Jugendhilfe, Familien und weitere Partner sollen enger zusammenarbeiten. „Besonders in sozial herausfordernden Lagen werden Ressourcen gebündelt, um Kindern verlässliche Lern- und Entwicklungsbedingungen zu sichern“, hieß es in Hellersdorf.