FAZ 12.12.2025
15:45 Uhr

Neue Musik von Oehl: Weihnachtslieder? Lieben wir!


Welcher Indie-Sänger nimmt denn freiwillig ein Weihnachtsalbum auf? Der Österreicher Oehl hat es trotzdem getan: Kitschfrei, entrückt und manchmal sogar nicht zum Mitsingen: „Dunkle Magie“.

Neue Musik von Oehl: Weihnachtslieder? Lieben wir!

Das „Weihnachtsalbum“, noch dazu deutschsprachig, ist eine heikle Sache. Zwischen Kirchenchor und der Schlagerwelt, in der Helene Fischer andächtige Lieder mit Orchester interpretiert, mäandert Rolf Zuckowski durch die Weihnachtsbäckerei. Einen Indie-Musiker wie den Österreicher Ariel Oehl würde man in diesem Genre weniger erwarten. Oehl, wie er sich als Künstler nennt, hat in dieser Woche aber „Dunkle Magie“ (Grönland Records) herausgebracht, ein Album, das wenig mit klischeehaften Vorstellungen von Weihnachten zu tun hat und deswegen so gut ist. Statt leuchtender Kinderaugen gibt es in „Dunkle Magie“, dem titelgebenden ersten Lied des Albums, „zu viele Geschenke für ein Einzelkind“, für das sich alle Erwachsenen zusammenreißen. Auf melancholische Klaviertöne besingt Oehl einen Nachteil des Erwachsenwerdens: „Diese Magie wird immer weniger mit der Zeit, ja die Magie wird irgendwann dunkle Erinnerung sein.“ Der Salzburger Oehl, 38, lebt schon lang in Wien. Dort hat er seine Musikerkarriere im Duo mit dem Multiinstrumentalisten Hjörtur Hjörleifsson ge­startet, bis vor drei Jahren machten sie zusammen verträumten, elektronischen Indie-Pop und tourten als Vorband für Herbert Grönemeyer. Oehl ist nun allein Oehl. Zumeist geht es bei ihm um die Liebe, inspiriert von Rilke und Goethe, um Alltagsleben und seine Risse. Zu hören etwa im Ohrwurm der Platte „Bad Cannstatt“ ist ein Duett mit Oehls Musikerfreund, dem Chansonnier und Feuilleton-Liebling Tristan Brusch. Als der kürzlich ein Konzert in Berlin spielte, kam Oehl für „Bad Cannstatt“ auf die Bühne und erzählte die Legende, die beiden seien in dieselbe Frau verliebt gewesen, die aus dem besagten Stutt­garter Stadtteil stammen soll, im Song wohl wohnhaft „in einem gelblich-grauen Haus“. Adventszeit ist Liebeskummerzeit, doch: „Ist schon okay, leise rieselt hier der Schnee, Glühweinstand-Saison ist bald passé und dann tut’s auch nicht mehr weh“, heißt es im Refrain. Diesmal akustisch, nicht elektronisch „Das Fest (Demo)“ bringt es mit seiner beschwingten, wabernden Instrumentalisierung fertig, gleichzeitig weihnachtlich und hawaiianisch zu klingen. Der Sänger interpretiert sich hier selbst neu, das Stück stammt von seinem letzten Album „lieben wir“, statt elektronisch hat Oehl es nun akustisch aufgenommen. „Ich halte mich an deiner Liebe fest“, singt er mit heiterer Melancholie, „auch wenn du mich nicht halten lässt“. Das ist eine Stärke von „Dunkle Magie“: Oehls entrückter Gesang, der ihn so zerbrechlich klingen lässt und nicht nur die Flüchtigkeit der Weihnachtszeit, sondern auch der Liebe transportiert. Dazu kommt Oehls notorisch undeutliche Artikulation. Das Überraschendste und wahrscheinlich Beste der dreizehn Stücke der Platte ist „Pobozno Jodlanje“, ein „Andachtsjodler“. Die sind traditioneller Bestandteil der Christmette in Südtirol. Oehl und seine Musiker haben daraus einen psyche­delischen, verruchten Track gemacht, der nach Kippe im Mundwinkel auf der Fahrt in einem alten Auto klingt. Der Vibe: Re­tro-Roadmovie statt „Driving Home For Christmas“. Bei diesem Lied singt Oehl keinen Text. Und es wird deutlich, weshalb „Dunkle Magie“ so nah anmutet – auch wenn er nicht zu hören ist: Die Ins­trumente klingen unvermittelt, nicht po­liert wie eine glänzende Christbaumkugel, sondern texturiert. Manchmal knistert es, die Effektgeräte wie Kompresso­ren stammen aus den 1960er- und 1970er-Jahren. Mit Oehl spielen unter anderem der Pianist Angel Vassilev, mit dem er seinen eigenen Song „In Drei Leben (Re­prise)“ neu interpretiert, mit einem schmerzhaft sehnsuchtsvollen Ton. Er wünscht „Oehliz Navidad“ Klassische und popkulturelle Weihnachtsmotive variiert Oehl mal düster (die Bläser auf „Maria durch ein Dornwald ging“ klingen fast depressiv), mal humorvoll. Satt Kevin ist „Erwin Allein Zuhaus“, der alte Mann sitzt bei Eierlikör und „Suppe mit Würschtln“, im Hintergrund intoniert eine Frau „You are all I ever need“. Angemessen hatte Oehl auch sein Weihnachtsalbum angekündigt: „Oehliz Navidad“ und „Oehl I want for Christmas is you“ waren die Slogans. Das Album schließt Stella Sommer, die Gründerin des Bandprojekts Die Heiterkeit, mit ihrer markanten, dunklen Stimme: „Zärtlich werd ich dich verlassen“. In diesen Feature-Songs holt Oehl das Beste aus seinen Gästen raus. Tristan Brusch singt den Ortsnamen „Bad Cannstatt“ einmal so zärtlich wie den Namen einer Geliebten, Sommer moduliert mit beinah boshafter Präzision, dagegen wirkt Oehls Genuschel in den anderen Songs, so sehnsuchtsvoll es auch sein mag („Hätt ich drei Leben, würde ich dich in zwei lieben und in dem dritten wär ich auch recht zufrieden“), wie eine tröstende Wolke. „Dunkle Magie“ ist ein Geschenk.