FAZ 01.12.2025
10:39 Uhr

Neue Labore: Biontech investiert Milliarden in Krebstherapie


Nach dem Ende der Corona-Pandemie ist es ruhig geworden um den Impfstoffhersteller Biontech. Doch die Mainzer haben noch viele Pfeile im Köcher.

Neue Labore: Biontech investiert Milliarden in Krebstherapie

Biontech baut aus. Das Unternehmen hat direkt gegenüber seinem Hauptgebäude in Mainz dessen Spiegelbild hochgezogen, ebenfalls vierstöckig mit einem fünfstöckigen Kopfbau. Dort werden weitere Labore und Büros eingerichtet. Zwar sind die Zeiten vorbei, in denen der Corona-Impfstoff-Hersteller mit Sitz An der Goldgrube passend zu seiner Anschrift Milliardengewinne einfuhr. Wie schon 2024 schreibt Biontech auch dieses Jahr rote Zahlen - aber das liegt nicht zuletzt daran, dass das Unternehmen viel Geld in die Entwicklung neuer Medikamente steckt. Die Gründer, Özlem Türeci und Uğur Şahin, wollen das mit den Erlösen für den Corona-Impfstoff Comirnaty angelegte Finanzpolster für die Entwicklung innovativer Therapien gegen Krebs nutzen. Während in der für Comirnaty eingerichteten Produktionsstätte in Marburg bis Ende 2027 rund 300 Stellen abgebaut werden sollen, schafft Biontech in Mainz neue Arbeitsplätze - 350 allein in diesem Jahr. „Initial“, wie eine Unternehmenssprecherin mitteilt. Denn nächstes Jahr könnte, wenn alles gut geht, das erste Krebsmedikament von Biontech auf den Markt kommen. Das Mainzer Unternehmen und ein chinesischer Partner, Duality Biologics, stehen dazu im Austausch mit der US-Arzneimittelbehörde FDA. „Vorbehaltlich der Rückmeldung der Behörde“ wollen sie 2026 einen Zulassungsantrag für ein gemeinsam entwickeltes Präparat namens Trastuzumab Pamirtecan stellen. So ist es in der jüngsten Quartalsmitteilung von Biontech zu lesen. Das Gründer-Paar arbeitet seit Jahrzehnten an Therapien gegen Krebs Nach dem Impfstoff-Erfolg wäre das ein weiterer Coup. Doch während das Corona-Vakzin in rekordverdächtigem Tempo entwickelt wurde - Biontech nannte das Projekt intern „Lightspeed“, zu Deutsch „Lichtgeschwindigkeit“ -, arbeiten Türeci und Şahin an Krebstherapien schon seit Jahrzehnten. Wie viele andere Wissenschaftler befassten sich die beiden Mediziner schon in den Neunzigerjahren mit der Frage, wie das Immunsystem befähigt werden kann, Tumorzellen zu bekämpfen. Das Ehepaar setzte dafür, vereinfacht gesagt, auf ein Training mit Strohpuppen oder Dummies: Dem Immunsystem werden Proteine präsentiert, die sich an der Oberfläche bestimmter Krebszellen befinden, auf gesunden Zellen hingegen nicht vorkommen. Um das Immunsystem eines Menschen genau auf diese Proteine - genannt Neoantigene - abzurichten, muss der Körper sie allerdings herstellen. Die Baupläne dafür liefert Biontech - in Form von mRNA. RNA, Ribonukleinsäuren, sind Moleküle, die sich in den Zellen aller Lebewesen finden. Die Boten- oder mRNA liest normalerweise aus dem Erbgut, der DNA, Informationen für den Bau der Proteine ab, die der jeweilige Zelltyp benötigt. Biochemiker können aber auch künstlich mRNA-Moleküle mit anderen Bauplänen herstellen. Bei Corona war der Dummy ein Spike-Protein Genau diesen Kniff nutzte Biontech auch für den Corona-Impfstoff. Die darin enthaltenen mRNA-Moleküle sind Baupläne für die Bildung von Spike-Proteinen – so heißen die spitzen Stacheln auf der Oberfläche des Coronavirus, deren Ähnlichkeit mit den Zacken einer Krone dem Erreger seinen Namen gab. Die Spike-Proteine, die auf Anweisung der mRNA-Moleküle aus dem Impfstoff im Körper produziert werden, erkennt das Immunsystem als fremd. Es bildet dann Antikörper und aktiviert T-Zellen, die im Falle einer Corona-Infektion das echte Virus bekämpfen können. Dass Biontech den Impfstoff 2020 in weniger als einem Jahr entwickelte und auf den Markt brachte, lag nicht nur daran, dass wegen der verheerenden Folgen der Pandemie die Zulassungsverfahren beschleunigt wurden. Das Unternehmen profitierte auch von seinen Erfahrungen mit der mRNA-Technologie. Weil die Entwickler bei Biontech die Moleküle schon lange nutzen, um typische Merkmale von Tumorzellen nachzubilden, wissen sie: Um eine Immunantwort auszulösen, kommen in der Regel mehrere Proteinstrukturen infrage. Bei der Entwicklung des Corona-Impfstoffs entschied Biontech daher, mehrere Kandidaten parallel zu testen – was den Prozess erheblich beschleunigte. Ein harter Gegner Doch Krebs ist ein schwierigerer Gegner. Tumorzellen sind komplexer als Viren - und vielfältig. Sie unterscheiden sich nicht nur danach, ob sie etwa in der Lunge oder im Darm wuchern, sondern auch von Patient zu Patient. Zwei Menschen mit der gleichen Krebserkrankung können unterschiedliche Tumorzellen aufweisen, und selbst innerhalb eines Tumors kann es mehrere Varianten entarteter Zellen geben. Biontech arbeitet deshalb an individua-lisierten Krebstherapien. Dafür wird Tumorgewebe von Patienten darauf hin untersucht, welche Abweichungen von gesunden Zellen - die erwähnten Neoantigene - sich am besten als Angriffspunkte für das Immunsystem eignen. Auf eben diese Neoantigene wird dann die mRNA-Therapie individuell zugeschnitten. Biontech brauche dafür aktuell sechs bis acht Wochen, sagt Michael Wenger, der als Vice President Clinical Development für die klinischen Studien zuständig ist. Vor zehn Jahren habe der Prozess noch sechs bis acht Monate gedauert. „Wir wollen noch schneller werden.“ Die individualisierten Therapien sind zunächst vor allem dazu gedacht, nach Bestrahlung und Entfernung eines Tumors das Rückfallrisiko zu vermindern. Indem das Immunsystem trainiert wird, auf die Merkmale des beseitigten Tumors zu reagieren, soll verhindert werden, dass verbleibende Tumorschnipsel streuen und neue Krebsherde entstehen. Wenn sich dagegen bereits Metastasen gebildet haben oder ein Tumor selbst nach Bestrahlung nicht operativ entfernt werden kann, könnte ein ganzer Werkzeugkasten zum Einsatz kommen. Für solche ganz besonders zeitkritischen Fälle evaluiert Biontech standardisierte mRNA-Therapeutika, die vorproduziert werden können. Parallel dazu arbeiten die Mainzer gemeinsam mit anderen Unternehmen noch an ganz anderen Instrumenten. So basiert das eingangs erwähnte Krebsmedikament Trastuzumab Pamirtecan, für das Biontech und der chinesische Partner Duality Biologics nächstes Jahr einen Zulassungsantrag stellen wollen, nicht auf mRNA. Es handelt sich vielmehr um einen Antikörper, der einen Giftstoff zu Krebszellen transportieren und damit ihre Vermehrung verhindern soll. Praktisch ist das eine gezielte Form der Chemotherapie, die im Vergleich zur klassischen Variante weniger Nebenwirkungen mit sich bringt, weil sie gesunde Körperzellen nicht angreift. Antikörper-Wirkstoff-Konjugat (ADC) lautet der Fachbegriff für diesen Therapieansatz. Biontech will den langjährigen Rivalen Curevac kaufen Die Rechte zur Vermarktung von Trastuzumab Pamirtecan hat Biontech 2023 von Duality Biologics erworben. Ein weiteres ADC sicherten sich die Mainzer vor einem Jahr durch die Übernahme des chinesischen Unternehmens Biotheus. Diesen Sommer schließlich kündigte Biontech an, den langjährigen Rivalen Curevac zu kaufen – das Unternehmen aus Tübingen ist ebenfalls ein Pionier der mRNA-Forschung. Unruhe an den Börsen löste Mitte November die Nachricht aus, dass der langjährige Partner Pfizer – mit dem US-Konzern zusammen hatten die Mainzer den Corona-Impfstoff auf den Markt gebracht – seine verbleibenden Biontech-Aktien verkaufen will. Allerdings lag der Anteil zuletzt nur noch bei 1,5 Prozent.