FAZ 10.02.2026
15:42 Uhr

Neue Kommandostruktur: Weniger amerikanische, mehr deutsche Generäle in der NATO


Die Europäer sollen mehr Verantwortung in der NATO übernehmen. Das gilt insbesondere für Deutschland: Generalinspekteur Breuer könnte den Vorsitz im Militärausschuss übernehmen.

Neue Kommandostruktur: Weniger amerikanische, mehr deutsche Generäle in der NATO

Der für die NATO entscheidende Satz steht auf Seite 19 der neuen US-Verteidigungsstrategie, die Ende Januar veröffentlicht wurde. Das Pentagon, heißt es dort, „wird Anreize schaffen und die NATO-Verbündeten in die Lage versetzen, die Hauptverantwortung für die konventionelle Verteidigung Europas zu übernehmen, wobei die USA weiterhin eine wichtige, aber begrenztere Rolle spielen werden“. Die Kurzversion, die sich im Hauptquartier der Allianz dafür eingebürgert hat, lautet: Die NATO muss europäischer werden. Das betrifft die Streitkräfteplanung, die militärischen Fähigkeiten – und nun auch die Kommandostruktur. Am vorigen Freitag haben die 32 Mitgliedstaaten dazu einen weitreichenden Beschluss gefasst, wie die NATO bestätigte. „Die Bündnispartner haben sich auf eine neue Verteilung der Verantwortlichkeiten für ranghohe Offiziere innerhalb der NATO-Kommandostruktur geeinigt“, hieß es am Dienstag, „in der die europäischen Bündnispartner, einschließlich der neuesten NATO-Mitglieder, eine prominentere Rolle in der militärischen Führung des Bündnisses spielen werden.“ Das gilt insbesondere für Deutschland. Alle Posten in den Kommandostäben der Allianz werden nach einem nationalen Schlüssel verteilt. An der Spitze steht mit dem Oberkommandierenden für Europa, kurz SACEUR , immer ein amerikanischer General oder Admiral, der zugleich das US-Kommando für Europa leitet. Dabei bleibt es auch, weil amerikanische Truppen immer unter US-Befehl stehen sollen. Deutschland stellt hier den Chef des Stabes, ebenfalls eine Vier-Sterne-Position, derzeit ist das General Markus Laubenthal. Europäer an der Spitze Veränderungen gibt es auf den darunter liegenden Ebenen. Zunächst bei den drei operativen Regionalkommandos der Allianz, die jeweils die Verteidigung ihres Sektors organisieren. Hier werden künftig ausschließlich Europäer an der Spitze stehen, weil die USA zwei Posten abgeben. So fällt das Kommando für den Nordatlantik und den hohen Norden mit Sitz in Norfolk, Virginia, künftig an einen Briten, während das Kommando für den Süden in Neapel an einen Italiener geht. Im Kommando für die Mitte, das für die Ostflanke von der Ostsee bis zum Schwarzen Meer verantwortlich ist, wechseln sich Deutschland und Polen künftig miteinander ab, sowohl auf dem Chefposten, derzeit General Ingo Gerhartz, als auch auf der Position Chef des Stabes. Bisher sind Deutschland und Italien rotiert. Die nachgeordnete Kommandoebene betrifft die militärischen Komponenten: Land-, Luft- und Seestreitkräfte. Das ist der Truppenpool, aus dem sich die Regionalkommandos bedienen können. Hier führen die USA bisher die Kommandos für Landstreitkräfte (in Izmir) und für die Luftstreitkräfte (in Ramstein). Künftig werden sie auch das Kommando für die Seestreitkräfte im britischen Northwood übernehmen – und damit die operative Kontrolle über Einsätze behalten. Deutschland mit der höchsten Führungsverantwortung Tatsächlich reichen die Veränderungen noch tiefer in die Strukturen hinein. Im Ergebnis führe das dazu, wie es in NATO-Kreisen heißt, dass Deutschland die USA als Staat mit der höchsten Führungsverantwortung ablöse. Gerechnet wird dies in der Zahl goldener Sterne auf den Schulterklappen. Für Deutschland wird nun die Zielgröße von etwa 30 genannt, wenn die neue Postenvergabe mit den kommenden Rotationen umgesetzt ist. Damit verbindet sich nicht nur ein höherer Einfluss auf Führungsposten, sondern insgesamt in den militärischen Stäben. Bei der NATO gilt nämlich die Regel, dass ein Land für jeden goldenen Stern vierzig weitere Dienstposten übernimmt, vom erfahrenen Unteroffizier bis zum Generalstabsoffizier. Deutschland käme dann also auf 1200 Posten von insgesamt gut 7000. Dagegen werden die USA, wie schon im Januar berichtet wurde, etwa 200 Posten aufgeben – was den Rückschluss zulässt, dass sie fünf Sterne aufgeben. Bestätigt wird in NATO-Kreisen auch ein Bericht der „Welt“ vom Wochenende. Demnach gibt es eine Vorabsprache zwischen Deutschland, den USA und weiteren wichtigen Mitgliedstaaten darüber, dass der Generalinspekteur der Bundeswehr, Carsten Breuer, Mitte 2027 an die Spitze des Militärausschusses der Allianz treten soll, des höchsten militärpolitischen Gremiums, um der gewachsenen militärischen Bedeutung Deutschlands gerecht zu werden. Die Entscheidung fällt in diesem Fall allerdings bei einer Wahl – im September. Ob es dann einen Gegenkandidaten gibt, lässt sich noch nicht absehen.