FAZ 27.12.2025
15:28 Uhr

Neue Ideen für Immobilien: Ein Mann für gewisse Bauten


Das Massif Central war der Beginn. Inzwischen sorgt Florian Joeckel in vier Gebäuden der Stadt für kreatives Leben. Sein nächstes Projekt im Frankfurter Bahnhofsviertel ist schon in Planung.

Neue Ideen für Immobilien: Ein Mann für gewisse Bauten

An einer gemusterten Kordel zieht Florian Joeckel einen Schlüsselbund aus der Tasche seiner Fleecejacke. Er ist faustgroß und sieht mit der Vielzahl von Schlüsseln so aus wie der eines Hausmeisters. Der Begriff passt zu Joeckel, zumindest ein wenig, denn er gilt inzwischen als Meister darin, Gebäuden, die eigentlich niemand mehr will, neues Leben zu geben. Sein Gesellenstück war 2021 das erste Massif Central, eine zum Abriss bestimmte ehemalige Druckerei unweit des Frankfurter Zentrums. Das Gebäude mit seinen Loftetagen wurde zu einer Mischung aus Café, Fahrradwerkstatt, Weinhandlung und Co-Working-Space für Leute aus der Mode- und Medienbranche, aus Kunst und Sport. Hohe Investitionen, edles Design? Fehlanzeige. Schließlich sollte es nur eine Zwischenlösung für etwa ein Jahr sein. Stattdessen gab es kreative Ideen: Vintage-Sofas und -Sessel, Schriftzüge aus gesammelten alten Leuchtreklamebuchstaben, eine Bar und Tische aus dem Holz von Bauzäunen - aber eine luxuriöse italienische Espressomaschine. Joeckel weiß, worauf es wirklich ankommt. Straßengrafitti mit Team Guilty76 Nach der Eröffnung 2021 war das Massif schnell ein Treffpunkt; ein Fels in der Brandung zu einer Zeit, als die Corona-Regeln manches Projekt untergehen ließen. Ohne die Pandemie aber hätte Joeckel seine Idee wohl gar nicht in Angriff genommen. Bis dahin bestand sein Leben aus 250 Reisetagen im Jahr - „das war Speed-Tourism zu den coolsten Locations in Moskau, Tokio, Paris oder Bielefeld“, sagte er einmal. Doch weil sein Geschäft als Agent für Musiker wie Shantel durch die Corona-Einschränkungen ins Stocken geraten war, blieb Zeit, sich einen lang gehegten Traum zu erfüllen: die Eröffnung eines Cafés für Radenthusiasten. Solche wie Joeckel einer ist, der mit seinen Freunden aus dem Team Guilty76 nicht nur selbst gerne auf das Rad steigt, sondern vor allem Profis wie John Degenkolb bei den großen Rennen mit riesigen Straßengrafitti unterstützt, vor allem auf den Gebirgsstrecken der Tour de France im französischen Massif Central. Weil der geplante Abrisstermin für das Gebäude an der Eschersheimer Landstraße näher rückte, brauchte das Massif, das durch die Fassadengestaltung des israelischen Streetart-Künstlers Pesh zu einem Leuchtturm in der Gegend geworden war, 2023 ein neues Domizil. Denn nach gut einem Jahr war klar, dass die entstandene Community auch weiterhin zusammen arbeiten und Kaffee trinken wollte. Ohne dass es geplant gewesen wäre, war durch die Mischung der Mieter die Keimzelle für ein Kreativzentrum entstanden. Seit Juni 2023 ist das Massif Central im Bethmannhof Ganz ohne öffentliche Gelder, wie Joeckel gerne hervorhebt. „Wir zeigen, dass es mit einfachen Mitteln und guten Ideen marktwirtschaftlich funktionieren kann“, sagt er und verweist darauf, dass er selbstverständlich Miete und Nebenkosten zahle. Denn auch wenn er mit langer Mähne und Vollbart, Designerbrille, Tattoos und unkonventionellen Klamotten eher wie ein Künstler wirkt, so ist der vom Bodensee stammende Sohn eines Deutschen und einer Französin nicht nur der Ausbildung nach ein schwäbischer Kaufmann. Das Massif Central hat seit Juni 2023 seinen neuen Sitz im Bethmannhof in den Räumen der früheren Privatbank neben dem Frankfurter Römer. Der ehemalige Kassenraum ist zu einem multifunktionalen Ort mit Bar, Küche, Bibliothek und Flipper-Lounge geworden. In einem Seitenflügel bietet ein Concept-Store Männermode, Accessoires und Sonderkollektionen von USM Haller an. Zu den Mietern, die mitgezogen sind, haben sich weitere hinzugesellt: Designer, Agenturen und das niederländische Architekturbüro UN Studio. Der Bethmannhof sei inzwischen bis unter das Dach vermietet, sagt Joeckel. Dabei ist auch dieses Domizil nur eine Zwischennutzung, denn auf dem Gelände soll ein Neubau entstehen, nur wann, das ist noch unklar. Einstweilen ist das einstige Bank-Palais mit seiner Cantina Social zum mittäglichen Treffpunkt neben dem Römer geworden. Zudem finden hier Empfänge, Produktpräsentationen und Tagungen statt, ebenso wie Frankfurts erste Digital und Gaming-Conference. Wenn Frankfurt von Januar an als World Design Capital firmiert, soll das Massif Central zu einem zentralen Treffpunkt werden, wünscht sich Joeckel. E-Kinos mit einem kleinen Team wiederbelebt Der kunterbunte Schriftzug ebenso wie Peshs farbenfrohe Wandgemälde sind zum Markenzeichen des Massif-Kosmos geworden. Denn der Bethmannhof ist nicht mehr Joeckels einziges Projekt. Das ehemalige Gebäude in der Eschersheimer Landstraße, das immer noch nicht abgerissen ist, heißt jetzt Massif Arts. Dort finden Events auch zu den von Joeckel initiierten Modetagen „Frankfurt Secret“ im Frühjahr und Herbst statt. Im Sommer gab es im Hof einen Biergarten unter dem Titel Massif-Naïv. Ganz nach Joeckels Motto: „Bevor es leer steht, wird etwas gemacht.“ Das gilt auch für die zwei jüngsten Projekte, die in diesem Jahr hinzugekommen sind: das Massif E in den ehemaligen E-Kinos und das Massif W (wie Work) an der Taunusstraße. Mit einem der vielen Schlüssel öffnet Joeckel den Kinopalast der Familie Jaeger an der Hauptwache. Auch hier prägen Peshs Wandbilder, Fotowände und Flipper das Bild. Die Popcorn-Theke ist einer Bar aus bunten USM-Haller-Elementen gewichen. Gläser, die vom letzten Event stehen geblieben sind, räumt Joeckel schnell weg. Auch diese Räume hat er mit seinem kleinen Team wiederbelebt. Nur sieben Leute seien das, mit denen er auch in seinem Musikbusiness zusammenarbeite und die schnell alles, was nötig sei, möglich machten - selbst wenn es fast unmöglich erscheine. „Das ist schnelles Pingpong, Homeoffice gibt es bei uns nicht.“ Ebenso wichtig ist sein Netzwerk, das neben der Kulturszene von Eintracht-Ultras bis zu Entscheidern aus der Finanz- und Immobilenwirtschaft reicht. Nun geht er ein Gebäude im Bahnhofsviertel an In weniger als drei Monaten hat er im Massif E das erste Frankfurter Sportfilmfestival organisiert. Joeckel sieht es als „den Start von etwas ganz Großem“. Im Hauptsaal gab es schon Musikveranstaltungen. Lesungen oder Release-Partys für Computerspiele kann er sich ebenfalls vorstellen. Das Objekt sei „eine Herzensangelegenheit, die wir für die Stadt machen wollen“. Längst ist Joeckel ein gefragter Experte, wenn es um die Belebung von Innenstädten geht. Leerstand ist für ihn ein Grundübel. Er gehört aber nicht zu denjenigen, die nach öffentlichen Geld rufen. Für ihn geht es um stimmige Konzepte und einen kuratierten Mix. Den soll es auch im jüngsten Objekt im Bahnhofsviertel geben, einem Gründerzeithaus mit Sandsteinfassade vorn und Backsteinwänden zum Hof. Die verlassenen Büros sind zum Teil schon gefüllt, beispielsweise mit der Zentrale von Zino's Spritz. Eine Etage bauen die Betreiber eines Hyrox-Studios gerade aus. „Trendig, jung, multiplikant“, lautet das Konzept für den Bau in dem Viertel, das manche abschreckt. Doch Joeckel ist sicher, die richtigen Mieter zu finden. Er, der oft als „Placemaker“ bezeichnet wird, sieht sich als Kurator. Und das ist wohl der Schlüssel zum Erfolg seiner Projekte - einer, der ihm noch einige Türen aufschließen könnte.