Marokko ist elektrisiert. Der bevorstehende 35. Afrika-Cup bewegt das Land, der Fußball war großes Thema in den vergangenen Wochen. Und nachdem in dieser Woche ein Sturm samt Unwetterkatastrophen das Land durchrüttelte, dürfte er es von diesem Sonntag (20.00 Uhr bei Sportdigital und DAZN) an wieder sein, wenn in Marokko mit dem Spiel der Gastgebermannschaft gegen die Komoren das größte Sportevent des Kontinents beginnt. Nicht nur die Mannschaft hat Ambitionen, für das nordafrikanische Königreich ist das Turnier zugleich der nächste Schritt auf einem schon länger ausgerufenen Weg: Das Land möchte eine Führungsrolle in Afrika übernehmen. Wirtschaftlich sowieso, speziell aber im Fußball. Der Afrika-Cup, der bis zum Finale am 18. Januar in sechs marokkanischen Städten über die Bühne geht, ist dabei nur ein kleiner Baustein. Es geht um Größeres, auch im Fußball: Marokko richtet 2030 gemeinsam mit den Nachbarländern Spanien und Portugal die WM aus. Das Ziel ist dann ganz klar: Marokko möchte als erste afrikanische Mannschaft Weltmeister werden. Man sieht sich selbst auf dem besten Weg dahin. Das Erreichen des WM-Halbfinale 2022 in Qatar hält man für mehr als nur einen Fingerzeig, dass dieser Erfolg nicht mehr weit entfernt ist. Um die führende Fußballrolle in Afrika zu übernehmen, wurden – auf königliches Geheiß – bereits vor einigen Jahren die Weichen gestellt. Viele Millionen US-Dollar flossen in einem ersten Schritt in die systematische Entwicklung des Fußballs im Land. Seit 2010 wurde ein Förderprogramm implementiert, das einzigartig in Afrika ist. Mit der Mohammed VI Football Academy entstand als Herzstück ein hochmodernes Trainingszentrum. Auf königliche Kosten ist dort Platz für 50 junge Fußballer geschaffen worden, die ein Vollstipendium mit Fußball- und Schulausbildung erhalten. „Wir wollen Krankenhäuser, keine Fußballstadien“ Die Akademie, die auf einem 2,5 Quadratkilometern großen Areal in Sallé, einem Außenbezirk am Rande der Hauptstadt Rabat liegt, ist baulich an das marokkanische Kulturerbe angelehnt. Die Form ähnelt einem traditionellen Douar – einer Siedlung mit einem zentralen Dorfplatz, der von fünf Gebäuden umgeben ist. Jedes Gebäude erfüllt eine bestimmte Funktion: Unterkunft, Bildung, medizinische Einrichtung und Kantine. Eine Schule mit zehn Klassenräumen sowie einem Sprach- und Informatikraum bietet ein dreistufiges Programm für die Auszubildenden an. Eingebettet in die Anlage wurden vier nach Richtlinien des Weltfußballverbands FIFA erbaute Stadien sowie ein Kunstrasenfeld, ein Kleinfeld, vier Umkleideräume und ein spezieller Trainingsbereich für Torhüter. Die ersten Auszubildenden in der Academy wurden 2010 aus der Region rund um Rabat zusammengezogen und fortan systematisch gefördert. Zudem wurde das Gelände als permanenter Campus für Trainingslager der Männer- und Frauen-Nationalmannschaft genutzt. Ähnliche Anlagen entstanden anschließend bis 2015 in Agadir, Tanger und Saidia. Das erste Zentrum bei Rabat kostete umgerechnet rund 33 Millionen Euro. Anschließend investierte Marokko mit dem Neubau und der Renovierung von insgesamt neun Stadien im Hinblick auf den Afrika-Cup und die WM 2030 ein Vielfaches in den Neubau und Renovierung der nötigen Stadien. Dies alles nur für Fußball, was vor allem die jüngere Bevölkerung des Königreichs auf den Plan gerufen hat. „Keine Weltmeisterschaft, Gesundheit geht vor“ und „Wir wollen Krankenhäuser, keine Fußballstadien“ skandierten im Oktober die Demonstranten der „Generation Z“-Bewegung, die Marokko ein paar Tage lang erschütterte. „GenZ ist wie eine riesige Flutwelle über Marokko hinweggeschwappt“, schrieb die marokkanische Tageszeitung „Atalayar“. Experten warnen vor Bildungsnotstand Gutachten und Schätzungen kommen zu unterschiedlichen Ergebnissen, was die Höhe der Investitionen betrifft. Sie werden irgendwo zwischen zwei und drei Milliarden Euro liegen. Viele der Jugendlichen empfinden diese Priorisierung der Ausgaben als ungerecht, weil es in manchen Regionen Marokkos nicht einmal Krankenhäuser gibt. Auch das öffentliche Bildungssystem ist marode. Wer Geld hat, schickt seine Kinder in Marokko auf private Schulen. Das kann sich die Mehrheit nicht leisten, so lernen viele Schüler in überfüllten Klassen und maroden Schulgebäuden. Bildungsexperten wie Azeddine Akesbi von der Universität Rabat warnen seit Jahren vor einem Bildungsnotstand. Die Zahl der Schulabbrecher und Analphabeten sei unter jungen Menschen sehr hoch. Betroffen seien in ländlichen Gebieten oft vor allem Mädchen. König Mohammed VI hat den Demonstranten teilweise Recht gegeben und Verbesserungen versprochen. Letztlich hat der marokkanische König stets das letzte Wort, wenn es um wichtige Entscheidungen im Land geht. Zwar werden die Alltagsgeschäfte Marokko von einer gewählten parlamentarischen Regierung geleitet, doch wenn es um weitreichende außenpolitische Entscheidungen und Beschlüsse geht, zählt das Urteil von Mohammed VI. Die Demonstrationen der „GenZ“ waren in Marokko im Übrigen so plötzlich wieder vorbei, wie sie aufgeflammt waren. Zumindest in der Hauptstadt Rabat wurden sie nahtlos abgelöst von Jubelfeiern nach einem Fußballerfolg: Als die U-20-Nationalmannschat Mitte Oktober mit dem Weltmeistertitel in der Tasche aus Chile zurückkehrte, wurde sie von zehntausenden Jubelnden empfangen. Enorme Entwicklung des Frauen-Nationalteams Die Resultate der Fußball-Investitionen sind nicht zu übersehen: Es gab die enorme Entwicklung des Frauen-Nationalteams, das sich 2023 erstmals für eine WM qualifizierte und bei den Afrikameisterschaften 2022 und 2025 jeweils Zweiter wurde. Schließlich folgte jüngst der Triumph der U-20-Auswahl bei der WM 2025 in Chile, als sich Marokkos Nachwuchs erstaunlicherweise den Titel sicherte. Die Spieler des U-20-WM-Teams, die Brasilien, Spanien, Frankreich und im Finale Argentinien hinter sich ließen, wurden allesamt in der Academy in Salé vor den Toren Rabats ausgebildet. Spätestens nach dem Afrika-Cup, der vorrangig noch von der „alten Garde“ bestritten wird, werden sie den Kern des marokkanischen Nationalteams bilden. International sind sie schon heute höchst begehrt. WM-Torschützenkönig Yassir Zabiri, Mittelfeldmotor Othmane Maamma und Linksaußen Ilias Boumassaoudi sind ins Visier der größten europäischen Klubs geraten, auch Torhüter Ibrahim Gomis und Verteidiger Taha Majni dürften sich in den nächsten Jahren unter vielen interessierten Vereinsmannschaften eine aussuchen können. Beim bevorstehenden Eröffnungsspiel gegen die Außenseiter von den Komoren werden sie sich allerdings noch unter den vielen Zuschauern befinden. Die erwarten in Marokko alle das Gleiche: den Titelgewinn ihres Teams. Als Vorgeschmack für 2030.
