FAZ 12.12.2025
07:05 Uhr

Neue Daten: Zahl der ADHS-Diagnosen bei Erwachsenen verdreifacht


Bei immer mehr Menschen in Deutschland wurde in den vergangenen zehn Jahren ADHS festgestellt. Woran das liegen könnte.

Neue Daten: Zahl der ADHS-Diagnosen bei Erwachsenen verdreifacht

Mehr und mehr Erwachsene scheinen an ADHS zu leiden. Das belegen nun Abrechnungsdaten der Krankenkassen aus Deutschland, die Wissenschaftler ausgewertet haben. Die Zahl der Neudiagnosen hat sich demnach in den vergangenen zehn Jahren verdreifacht. ADHS ist vor allem als eine Störung im Kindesalter bekannt. Man denkt dabei an die typischen Zappelphilippe. Unter dem Begriff werden zwei Leiden zusammengefasst: die Aufmerksamkeitsdefizit-Hyperaktivitätsstörung und die Aufmerksamkeitsdefizit-Störung, wobei die Hippeligkeit und körperliche Unruhe wegfallen. Lange glaubte man, dass sich ADHS mit dem Alter gewissermaßen verwächst. Im Laufe des Lebens sinken die Beschwerden gewöhnlich, aber sie können auch im Erwachsenenalter fortbestehen. Wie häufig ADHS im Erwachsenenalter ist, lässt sich nicht mit letzter Gewissheit beziffern. Doch man geht davon aus, dass 2,5 Prozent der Volljährigen unter 45 Jahren betroffen sind. Woran erkennt man ADHS? Menschen mit ADHS haben Probleme, sich zu konzentrieren und Aufgaben zu Ende zu bringen. Betroffene sind oft zappelig, impulsiv und vergesslich. Sie lassen sich leicht ablenken und fallen anderen oft ins Wort. Das sind nur ein paar der vielen Diagnosekriterien aus den Bereichen Unaufmerksamkeit, Hyperaktivität und Impulsivität, an denen sich Ärztinnen und Ärzte orientieren. Die Symptome können unterschiedlich stark sein und müssen nicht alle gleichzeitig auftreten. Bei Mädchen wird ADHS häufiger übersehen, denn sie zeigen oft andere Symptome: Sie sind häufig nicht laut und hyperaktiv, sondern eher verträumt, in sich gekehrt und schusselig. Entscheidend für die Diagnose ist, dass die Symptome schon in der Kindheit aufgetreten sind und die Betroffenen in verschiedenen Bereichen im Alltag stören. ADHS ist angeboren und existiert auf einem Spektrum. Viele Betroffene und Psychologen sprechen darum nicht von einer Störung, sondern von Neurodiversität. Sie sind nicht krank, sondern denken einfach anders. Besonders betroffen sind junge Frauen Im „Deutschen Ärzteblatt International“ haben Wissenschaftler um Maria Ivanova vom Zentralinstitut für die kassenärztliche Versorgung untersucht, wie häufig die Diagnose ADHS von Ärztinnen und Ärzten bei Erwachsenen in den Jahren von 2015 bis 2024 gestellt wurde. Es geht dabei um neu aufgetretene Fälle. Dafür nutzten sie die Abrechnungsdaten der 17 Kassenärztlichen Vereinigungen in Deutschland. Demnach waren vor zehn Jahren 8,6 von 10.000 gesetzlich krankenversicherten Erwachsenen betroffen. 2024 kamen 25,7 ADHS-Diagnosen auf 10.000 Versicherte, also fast dreimal so viele. Besonders stark nahm die Zahl seit 2020 zu. Es waren vor allem junge Erwachsene betroffen. Insgesamt wurde ADHS häufiger bei Männern festgestellt, doch gerade bei jungen Frauen gab es einen großen Anstieg, sodass die Unterschiede in dieser Altersgruppe nahezu verschwinden. In der Altersgruppe zwischen 18 und 24 Jahren wurde bei 72,8 von 10.000 Frauen ADHS festgestellt und bei 72,9 von 10.000 Männern. Ähnliche Entwicklungen sieht man in vielen Ländern: In der kanadischen Provinz Ontario zum Beispiel ist die Zahl der jährlichen Verschreibungen von ADHS-Medikamenten zwischen 2015 und 2023 um 157 Prozent gestiegen. Was sind die Gründe für den Anstieg? Die Autoren der aktuellen Untersuchung können keine definitive Erklärung geben, handelt es sich doch nur um eine Auswertung von Versicherungsdaten. Eine Möglichkeit ist ihrer Ansicht nach aber die größere gesellschaftliche Sensibilisierung für ADHS – dass also schlicht immer mehr Menschen über ADHS Bescheid wissen. Neue oder erneute Diagnose? Eine Einschränkung, die die neue Studie machen muss, ist, dass als neue Diagnose gewertet wurde, wenn in den zwei Jahren zuvor kein ADHS in der Akte vermerkt wurde. „Es ist bekannt, dass viele Patienten zwischen Jugend- und Erwachsenenalter aus der Versorgung ‚herausfallen‘“, sagt Andreas Reif, Direktor der Klinik für Psychiatrie, Psychosomatik und Psychotherapie an der Goethe-Universität in Frankfurt. „Daher dürfte es sich bei einem nicht kleinen Teil der Patienten um erneute, aber nicht ‚neue‘ Diagnosen handeln.“ Geht man davon aus, dass knapp drei Prozent der Erwachsenen von ADHS betroffen sind, liegen auch die angestiegenen Diagnosezahlen noch immer darunter, wie Reif gegenüber dem Science Media Center erklärt. „Die Zunahme ist meines Erachtens am ehesten auf eine vermehrte Sensibilität zurückzuführen“, sagt er. Das Krankheitsbild „adultes ADHS“ sei bei Patienten wie auch bei Ärzten und Psychologen zunehmend bekannt und akzeptiert. „Das führt zu einer steigenden Diagnoserate.“ Ob diese in Zukunft weiter zunimmt, hängt auch davon ab, inwieweit Patienten im Kindesalter korrekt identifiziert würden. Viele Fälle sind verspätete Diagnosen Psychiaterin Swantje Matthies vom Universitätsklinikum Freiburg glaubt, dass es sich bei vielen der diagnostizierten Fälle um verspätete Diagnosen handelt. Sie leitet die Arbeitsgruppe ADHS und Borderline-Persönlichkeitsstörung im Erwachsenenalter. „Die Betroffenen waren bereits im Kindesalter betroffen, wurden aber nicht diagnostiziert. Nun kommen sie zum Beispiel aufgrund zunehmender Sensibilität für das Thema ADHS ‚verspätet‘ im Erwachsenenalter zur Diagnostik.“ Dass sie erst im Erwachsenenalter eine Erstdiagnose erhielten, sei für Mädchen und Frauen besonders plausibel, die in der Kindheit häufig übersehen würden. Experten sehen Influencer in sozialen Medien als Problem, die häufig unscharfe oder falsche Kriterien von ADHS beschreiben. In den Medien bekomme die Krankheit viel Aufmerksamkeit, findet auch Matthies. „Dabei besteht auch die Gefahr, dass das Konzept ,verwässert‘ wird. Es ist möglich, dass Menschen sich mit ADHS-typischen Eigenschaften, Merkmalen und Erfahrungsberichten identifizieren, obgleich sie nicht die diagnostischen Kriterien erfüllen.“ Eine Diagnose erfordere eine ausführliche Anamnese und Beurteilung durch Fachleute. Experten bemängeln, dass es zu wenige Möglichkeiten zur Therapie und Diagnostik für ADHS-Betroffene gibt. Die Fachambulanzen sind überlaufen, auf Termine wartet man Monate. „Hier ist dringend eine Verbesserung angezeigt“, sagt Psychiater Reif. Bei Patienten, die unter ihren Symptomen im Alltag leiden, sind Medikamente die Therapie der ersten Wahl.