Natürlich spielt in der Stadt des Jugendstils die Ästhetik eine wichtige Rolle, auch wenn es um ein pragmatisches Vorhaben wie den Bau einer Straßenbrücke geht. Wie könnte es anders sein, sind die Darmstädter doch stolz auf das Ensemble auf der Mathildenhöhe, das ein Stilgefühl der Frühmoderne widerspiegelt und augenfällig macht, wie der Architekt Joseph Maria Olbrich und die Mitglieder der von ihm angeführten Künstlerkolonie darum rangen, sich vom Historismus zu emanzipieren. Deshalb ist es kein Wunder, dass sich die Debatte, die derzeit um die Pläne für den Neubau der wichtigsten Brücke im Stadtgebiet, der maroden Rheinstraßenbrücke, geführt wird, um den Entwurf und seine ästhetische Wirkung dreht. Eine Gruppe von Architekten übt Kritik an dem Plan, er sei der Stadt nicht würdig. Lieber möchten die Gestalter einen älteren Entwurf wieder aufgreifen. Diesen aber hatte die Stadt aus guten Gründen fallen lassen. Unzuverlässigkeit der Bahn hat die Arbeiten schon verzögert Denn der ältere Entwurf, entstanden in einem Wettbewerb, war zwar schlicht und optisch ansprechend, hatte aber einen entscheidenden praktischen Nachteil. Er sah Stützen vor, um die Brücke zu tragen. Doch der Bau dieser Stützen zwischen den Gleisen, die von der Brücke überspannt werden, würde das Vorhaben sehr viel schwieriger machen, wie sich vor fast zwei Jahren gezeigt hat. Denn um zwischen den Schienen zu bauen, ist die Stadt noch mehr auf die Zusammenarbeit mit der Deutschen Bahn AG angewiesen. Und die Bahn ist unzuverlässig und hielt schon einmal eine Zusage nicht ein, weshalb der längst vorgesehene Abriss der alten Brücke noch nicht erfolgen konnte. Baudezernent Paul Georg Wandrey (CDU) ließ einen neuen Entwurf erstellen, der ohne Zwischenstützen auskommt, die Last wird stattdessen von einem Bogen aus Stahl getragen. So macht sich die Stadt wenigstens ein Stück weit unabhängig von der Bahn und ihren Zeitplänen. Auch so sind die Arbeiten für den Abriss der alten Brücke und den Neubau von Sperrungen der Bahnstrecke abhängig. Die Entscheidung von Wandrey hat vor einigen Monaten die Zustimmung einer breiten Mehrheit des Stadtparlaments gefunden und ist damit demokratisch legitimiert. Angesichts der Schwierigkeiten mit der Bahn ist es richtig, eine pragmatische Entscheidung zu treffen, auch wenn das nicht allen Architekten gefällt. Bei diesen Vorhaben gehen Schnelligkeit und Zuverlässigkeit vor. Die ästhetischen Spitzfindigkeiten einiger weniger sind nachrangig.
