FAZ 26.11.2025
10:22 Uhr

Neue AfD-Jugend: Smart und professionell, aber nicht weniger radikal


Die AfD gründet am Wochenende in Gießen eine neue Jugendorganisation, mit Blockaden und Massenprotesten wird gerechnet. Welche Ziele verfolgt die Partei mit der „Generation Deutschland“?

Neue AfD-Jugend: Smart und professionell, aber nicht weniger radikal

Kulturhalle Rödermark, im Februar 2024. Die hessische AfD hat zum politischen Aschermittwoch eingeladen. Organisiert haben den Abend die zwei Landtagsabgeordneten Jochen Roos und Michael Müger. Sie sind Mitglieder der Jungen Alternative, der Jugendorganisation der Partei. Auf der Bühne steht Matthias Helferich. Der AfD-Bundestagsabgeordnete ist wegen seiner besonderen Radikalität in der eigenen Partei umstritten, in einem Chat hatte er sich einmal als „das freundliche Gesicht des NS“ bezeichnet. Seine Rede in Rödermark kommt bei den rund 250 Besuchern gut an. „Millionenfache Remigration“, fordert Helferich – und der Saal jubelt. Während Helferichs Rede wird immer wieder der Refrain eines Musikstücks eingespielt: Gigi D’Agostinis Techno-Hit „L’amour toujours“. Das Partylied ist in den Monaten davor zu einer rechtsextremen Chiffre geworden. Auf Volksfesten grölen junge Menschen, wenn der Refrain läuft, „Ausländer raus, Deutschland den Deutschen, Ausländer raus“, auf Tiktok werden die Videos davon verbreitet. Dazu kommt es in Rödermark nicht. Einen Scherz kann sich der rechtsextreme Helferich trotzdem nicht verkneifen: „Ich bin froh, dass ihr alle den Liedtext vergessen habt“, sagt er in der Kulturhalle. Für Skandale und Provokationen wie diese war die Junge Alternative bekannt. In Hessen fiel die Jugendorganisation immer wieder durch ihre Nähe zur rechtsex­tremen Identitären Bewegung auf, in internen Chats hatte ein Vorstandsmitglied schon einmal die Todesstrafe für Politiker, „die ihr Volk verraten“, gefordert. Der Verfassungsschutz stufte die AfD-Jugend als rechtsextrem ein Der Verfassungsschutz beobachtete die AfD-Jugendorganisation bundesweit, stufte sie im April 2023 als „gesichert rechtsextremistisch“ ein. Da die Jugendorganisation als von der Partei unabhängiger Verein organisiert war, drohte ihr ein Verbot: Denn ein Durchgreifen gegen Vereine ist deutlich einfacher, als eine Partei zu verbieten. Sorgen hatte man in der AfD aber auch, dass die Einstufung der Jungen Alternative als rechtsextrem der gesamten Partei schaden und ein Verbotsverfahren gegen sie leichter machen könnte. In diesem Januar vollzog die AfD deshalb einen klaren Schnitt. Beim Bundesparteitag im sächsischen Riesa wurde mit Zweidrittelmehrheit die Gründung einer neuen Jugendorganisation beschlossen. Enger an die Partei angebunden soll diese Organisation sein, professioneller auftreten, weniger Skandale hervorrufen. Die wichtigste Änderung: Mitglied in der neuen Organisation kann nur werden, wer auch Mitglied in der AfD ist. Das war bei der Jungen Alternative nicht der Fall – und machte sie attraktiv für Identitäre und das rechtsextreme Vorfeld der Partei. An diesem Wochenende nun steht die Gründung der neuen AfD-Jugend an, „Generation Deutschland“ soll sie heißen. In der Gießener Messe wird der Gründungskongress laufen, knapp 2000 junge AfD-Mitglieder haben sich angemeldet. Die Parteivorsitzenden Alice Weidel und Tino Chrupalla werden erwartet, auch der Ehrenvorsitzende Alexander Gauland wird eine Rede halten. Massiver Gegenprotest wird erwartet Zu rechnen ist aber auch mit massiven Gegenprotesten. 40.000 Anti-AfD-Demonstranten könnten es werden, die nach Gießen kommen, schätzt die Polizei. Ein Teil von ihnen, organisiert in einem Bündnis mit dem Namen „Widersetzen“, will versuchen, die Gründungsversammlung durch Blockaden zu verhindern. Schweizer Antifa-Gruppen haben mit Gewalt gedroht. Gießen steht ein hitziges Wochenende bevor. Wenn man Reiner Becker fragt, warum die AfD-Führung die rasche Gründung einer neuen Jugendbewegung so forciert, antwortet er: „Die Mutterpartei will stärker durchgreifen.“ Becker leitet das Demokratiezentrum Hessen an der Philipps-Universität in Marburg, die rechte Szene beobachtet er seit vielen Jahren. Auch mit der Jungen Alternative hat er sich lange beschäftigt. Dass sie nun durch eine neue Organisation ersetzt wird, hat seiner Ansicht nach auch mit den 2026 anstehenden Wahlen in den ostdeutschen Bundesländern Sachsen-Anhalt und Mecklenburg-Vorpommern zu tun. In beiden Ländern hofft die AfD auf einen Wahlsieg und darauf, dort erstmals den Ministerpräsidenten stellen zu können. Skandale um ihre Jugendorganisation könnten dabei zu einem Problem werden. „Das will die Partei unbedingt vermeiden“, sagt Becker. Ziel sei es deshalb, die Mitglieder der neuen AfD-Jugend „eng an die Kandare zu nehmen“. Björn Höcke war gegen die Auflösung der Jungen Alternative Die Auflösung der Jungen Alternative war in der Organisation „nicht unumstritten“. Auch Björn Höcke, der Anführer des rechtsextremen „Flügels“ in der Partei hatte dagegen opponiert. Dass die neue Organisation nun doch kommt, hält der Leiter des Demokratiezentrums für eine taktische Entscheidung. „Die Generation Deutschland zahlt einen Preis dafür, Teil der AfD zu bleiben.“ Dass ihre Mitglieder deshalb gemäßigter auftreten werden, daran hat Becker große Zweifel. Tatsächlich war es bei der AfD nie anders als bei anderen Jugendorganisationen von Parteien: Sie alle treten eine Spur radikaler, entschlossener und angriffslustiger auf als ihre Mutterparteien. Bei der Jungen Alternative habe sich das vor allem dadurch gezeigt, dass sie „offener ins rechte Vorfeld vernetzt“ war, meint Becker. Ihre Kontakte in die rechtsextremistische Szene habe sie meist nicht verheimlicht. Daran, glaubt er, werde sich aber auch mit der neuen Organisation nichts ändern. Diese Vermutung stützt auch eine von NDR und WDR publik gemachte Liste mit Initiativen und Influencern, die von der neuen Parteijugend eingeladen wurden, um sich in der Gießener Messe mit einem Stand zu präsentieren. Darauf zu finden ist mit der „Sezession“ etwa das zentrale publizistische Organ der „Neuen Rechten“ um den Verleger Götz Kubitschek und seinen Mitstreiter Erik Lehnert. Eingeladen wurde auch der Jungeuropa-Verlag von Philip Stein. Der frühere Burschenschaftler betreibt den vom Bundesamt für Verfassungsschutz als gesichert rechtsextrem und verfassungsfeindlich eingestuften Verein Ein Prozent. Aufgefordert, sich in Gießen zu zeigen, wurde auch der christlich-fundamentalistische Influencer „Ketzer der Neuzeit“, dem enge Verbindungen zur amerikanischen MAGA-Bewegung nachgesagt werden. Diese Namen würden deutlich machen, dass die AfD-Jugend sich weiter als „Knotenpunkt in einem rechten Netzwerk“ sehe, sagt Demokratiezentrum-Leiter Becker. „Sie tritt in diesem Netz sichtbar und selbstbewusst auf.“ Was macht den Rechtsextremismus so attraktiv für junge Menschen? Die AfD feiert bei jungen Wählern derzeit große Erfolge. Bei der Bundestagswahl stimmen 21 Prozent der Jungwähler für die Partei, erfolgreicher in dieser Altersgruppe war nur die Linke. Beobachtet wird aber auch, dass sich wieder mehr Jugendliche in offen rechtsextremistischen Gruppen zusammenfinden. Die Hemmnis, Gewalt anzuwenden, sinkt. Für Schlagzeilen sorgte die Razzia gegen die „Letzte Verteidigungswelle“, eine Gruppe minderjähriger Rechtsterroristen, die in Brandenburg und Thüringen Brandanschläge verübt haben sollen. Unter den Festgenommenen war auch ein Vierzehnjähriger aus dem hessischen Lahn-Dill-Kreis. Was macht den Rechtsextremismus für junge Menschen so attraktiv? Vor allem junge Männer, die „das Gefühl haben, ihnen wird etwas genommen“, würden heute erfolgreich „von Rechtsextremen adressiert“, sagt Reiner Becker. Die Jugend sei „verunsichert“ und empfinde sich häufig von der Politik „verraten“. Diese Verunsicherung werde von der AfD geschickt aufgegriffen. Mit der „Emotionalisierung gesellschaftlicher Probleme“ reagiere sie auf die Krisenstimmung. „Das verfängt“, auch wenn die Partei auf die Probleme der Zeit „gar keine echten Antworten liefert“. Schuld an diesem Erfolg hätten auch die Parteien der Mitte. „Zentrale Themen von jungen Menschen wie der Klimawandel, die Finanzierbarkeit der Renten, die Staatsschulden oder die Bildungsungerechtigkeit spielen immer weniger eine Rolle“, sagt Becker. Jugendliche hätten heute „immer weniger eine Lobby“. Und sie würden besonders oft zu Opfer des Schuldendrucks, unter dem der Staat ächzt – etwa wenn Kommunen ihre Jugendzentren aus Kostengründen schließen. Becker hält deshalb gar nichts davon, „den Zeigefinger nun allein auf die jungen Menschen zu richten“. Für falsch hält er auch die „Überholversuche“ von Parteien der Mitte, die eine schärfe Migrationspolitik fordern und darauf hoffen, der AfD damit zu schaden. Bislang hätten diese Initiativen immer nur der AfD genützt – und das gesellschaftliche Klima vergiftet. „Wir sprechen anders über Minderheiten als noch vor einigen Jahren, nicht nur die AfD, sondern auch andere in der Gesellschaft“, sagt Becker. Die „Generation Deutschland“ soll zur Kaderschmiede werden Die neue Jugendorganisation der AfD soll eine Kaderschmiede werden: So sieht es Jean-Pascal Hohm, der sich am Wochenende zum ersten Vorsitzenden der „Generation Deutschland“ wählen lassen will – und dabei von der Parteiführung unterstützt wird. Hohm sitzt für die AfD in Brandenburg im Landtag, in Cottbus konnte er ein Direktmandat gewinnen. Zwischen 2014 und 2016 leitete er den Brandenburger Ableger der Jungen Alternative. Der Landesverfassungsschutz in Brandenburg stuft Hohm als rechtsextrem ein. Für den Verein „Zukunft Heimat“ hat er Demonstrationen gegen Flüchtlinge organisiert, auf der Plattform Twitter teilte er ein Video der Neonaziband Hassgesang. In Rom traf Hohm sich mit Mitgliedern der neofaschistischen Bewegung Casa-Pound, bei einem Fußballspiel in Cottbus zeigte er sich gemeinsam mit einem Identitären-Anführer und Hooligans, die antisemitische Parolen riefen und den „Hitlergruß“ zeigten. Heute tritt Hohm meist in schickem Anzug auf, er wird als eloquent und smart beschrieben. Aus seiner stramm-rechten Haltung aber macht er noch immer kein Geheimnis. Der AfD-Politiker warnt vor dem „Untergang des Vaterlands“, will massenhafte Abschiebungen und geschlossene Grenzen. Professioneller will der designierte Vorsitzende die neue Jugendorganisation machen – aber nicht unbedingt zahmer. Und er will sie offenhalten für die unterschiedlichen Strömungen in der Partei. Völkische Nationalisten und „Neue Rechte“ sollen in ihr genauso einen Platz finden wie Parteimitglieder, die gemäßigter auftreten und zu Kompromissen bereit sind, um Koalitionen mit der CDU zu ermöglichen. „Diese Strömungen stehen in der AfD schon länger nicht mehr im Widerspruch“, sagt Reiner Becker, der Leiter des Marburger Demokratiezentrums. Besonders in Hessen könne man sehen, wie der Balanceakt funktioniere. Beim Parteitag in Neuhof wurde die Doppelspitze gerade erst wiedergewählt: Der sich bürgerlich gebende Robert Lambrou und der „Neurechte“ Andreas Lichert werden die AfD auch in den nächsten Jahren gemeinsam führen. Für die „Generation Deutschland“ dürfte dieses Modell ein Vorbild sein.