FAZ 08.12.2025
14:18 Uhr

Netflix kauft Warner: Smashflix


Der Streamingriese Netflix kauft das Kino-Weltkulturerbe-Imperium Warner – und die größte Konkurrenz von Disney und Marvel gleich mit.

Netflix kauft Warner: Smashflix

Netflix will Warner Brothers kaufen. Gelingt das, dann kommt es beim Film vielleicht so, wie’s beim Comic schon lange ist – Stan Lee, teils genialer, teils windiger Vater vieler Marvel-Supergestalten, hatte seinen Laden einst für eine Ansprache zusammengetrommelt, die man auch bei Netflix verstehen würde: „Wir wurden beliebt, weil wir alles verändert haben, was das Publikum kannte. Jetzt sind wir ­beliebt und sollten das nicht ändern. Wir haben Veränderung verkauft, jetzt verkaufen wir die Illusion von Veränderung.“ Gekauft hat Lees Marvel-Konzept 2009 dann der Disney-Konzern. Netflix holt sich, wenn alles klappt, die historische Marvel-Konkurrenz, denn zu Warner Brothers gehört das Comicuniversum DC rund um Superman und Batman. Dort und bei Marvel gilt die Losung „Conflict creates character“: Figuren gewinnen ihre Persönlichkeit, indem sie einander beharken. Der Lieblingsausdruck des grünen Muskelmonsters Hulk, „Smash“, ist das Urwort dieser Erzählhaltung. Wenn Netflix und Disney aber um die Vorherrschaft beim Streaming ringen, dürfte das ihren Schöpfungen gerade keinen tieferen „character“ verleihen. Denn so ein Rüstungswettlauf sorgt eher für die Angleichung von Storyrezepturen und audiovisuelle Presswurstästhetik. Ein Schockmoment wie im Comic eben Wer Blockbuster-Überwältigungs-Remmidemmi fürs Smartphone­format adaptierbar macht, erzeugt Quetschungen, Stauchungen, Zerrungen und Verrenkungen am Material. Und was dem Weltkulturerbe der Warner-Archive, all den Bonnies und Clydes, Harry Potters, Endstationen namens Sehnsucht, schwarzen Falken oder Barbies unter diesen Spielbedingungen an KI-Bearbeitungsverhunzung droht, lässt die in den späten Achtzigerjahren gefasste Wahnsinnsabsicht des CNN-Gründers und damaligen MGM-Archivbesitzers Ted Turner, Schwarz-Weiß-Filme wie „Citizen Kane“ (1941) von Orson Welles zu kolorieren, aus der Gruselkiste der Erinnerung älterer Filmbegeisterter mit neuen Reißzähnen und Klauen ­direkt an die Gurgel der Zukunft des Kinos springen. Ein Schockmoment wie im Comic eben; aber Comics sind nicht nur eine (vom Superheroischen dominierte) Industrie, sondern auch eine Kunstform, und vielleicht kann diese Kunstform ihrem Cousin, dem Film, der sich jetzt in comicverlags­artigen Szenarien zu verlieren droht, auch Gutes tun: Jane Schoenbrun, das Genie hinter einem der schönsten und eigensinnigsten Filme darüber, wie Hinschauen und Hinhören Menschen verwandelt, nämlich „I Saw The TV Glow“ von 2024, soll demnächst, so hört man, ein hochriskantes Comic-Meisterwerk verfilmen, den Körperschauer-Bildroman „Black Hole“ von Charles Burns. Was dabei herauskommen wird, könnte Kunst (und wird keine Klischeesuppe) sein. Auftraggeber? Netflix.