Wenn das mal kein böses Omen ist für eine Saison, in der die Formel 1 zur Hälfte zu einer Elektroserie werden soll. Mercedes-Teamchef Toto Wolff schwingt sich mit Gattin Susie in einen schönen offenen Sportwagen, dreht den Zündschlüssel, und – es passiert nichts. „Die Batterie ist tot“, stellt der Österreicher leicht konsterniert fest. Weil sich Wolff aber nicht im richtigen Leben befindet, sondern in der Netflix-Serie „Drive to survive“, sind sofort starke Männer zur Hand, die den Oldtimer anschieben. Das Grinsen des Steuermannes verrät, dass das Ganze abgekartet gewesen sein könnte. So wie überhaupt die achte Staffel der Doku-Serie, die mehr und mehr zu einer Doku-Soap wird, merkwürdig berechenbar ist. Die Menschen hinter den Kulissen der Königsklasse, auf die es in den ersten Jahren der Reihe noch einen mehr oder weniger unverstellten Blick gab, sprechen plötzlich ausgesprochen gewählt und benehmen sich geriert. Das Spannendste an den diesmal nur acht Folgen ist vielleicht genau das: herauszufinden, was echt ist – und was bloß Drehbuch. Das Erfolgsrezept haben die Macher der Produktionsfirma Box to Box beibehalten: Die Ereignisse des vergangenen Rennjahres anhand diverser Einzelschicksale so aufzubereiten, dass es auch eine Woche vor dem Start in die neue Saison möglichst spannend ist. Dass gelegentlich wild zusammengeschnitten wird, aus dem Zusammenhang gerissen und sensationsheischend abgemischt, merkt der interessierte Zuschauer nicht immer. Viele Beteiligten aber wohl. Verstappen steht auf Fakten, nicht auf Fiktion Entweder platzieren sie das, was sie unbedingt in Umlauf bringen wollen, genau dann, wenn im Fahrerlager der allgegenwärtige Mikrofongalgen der Streamer über ihnen baumelt. Oder sie ignorieren die Netflix-Crew, weil ihnen die Machart nicht gefällt. Zu diesen Kritikern gehört auch Max Verstappen, weshalb es auch keine eigene Folge über den derzeit besten Rennfahrer der Formel 1 und dessen grandiose Aufholjagd 2025 gibt. Verstappen steht auf Fakten, nicht auf Fiktion. Kleinere Rennställe wissen natürlich um den Aufmerksamkeitswert des globalen Streaming-Erfolges, Williams, Sauber oder der Alpine nutzen die Bühne gern. Immer da, wo starke Bilder und Aussagen fehlen, rücken Erzähler vor die Kamera, zu denen auch die ehemalige Teamchefin Claire Williams zählt, um die gesammelten Sprachlosigkeiten einzuordnen. Sie skizzieren dann die Charaktere und Konflikte, die nicht zu sehen waren. Manchmal kommt eher zufällig noch die alte Stärke der Dokumentare durch, wenn der früh geschasste Australier Jack Doohan sich über den Maulkorb beklagt, den ihm sein Team umgehängt hat. Solche Einblicke in die wunde Rennfahrerseele wären auch nach dem völlig verkorksten Einstand von Lewis Hamilton bei Ferrari spannend gewesen, doch auch der Rekordchampion verweigerte sich. „Es fehlt ein Oarsch“ Damit blieb nicht mehr viel übrig an Aufregern. Nachdem Christian Horner nach anderthalb Jahren Machtkampf bei Red Bull Racing im Sommer entlassen wurde, fehlte auch noch der bewährte Bösewicht. Doch auch Horner spielte dann gezähmt seinen Rausschmiss nach, gab Netflix aber immerhin das erste längere Interview über das Ende seiner Konzernkarriere. Dafür wurde auf dessen Landsitz eigens ein Studio im Stall improvisiert. Was an Exklusivem ausgeplaudert wurde, war überschaubar: Nicht die Verstappens hält er für seine Feinde, eher den – inzwischen ebenfalls ausgeschiedenen – Red-Bull-Berater Helmut Marko. Gegenentwürfe, wie es Horner mal war, braucht es. Oder, wie es Toto Wolff auf gut Wienerisch sagen würde: „Es fehlt ein Oarsch.“ Völlig authentisch hingegen präsentiert sich Flavio Briatore, der mal den amüsierten Großvater gibt, dann aber den eiskalten Hauch der Macht über sein Team legt. Briatores Image lebt schon immer davon, umstritten zu sein. Er ignoriert PR-Strategen, die in mehreren Freigabeschleifen jeden Kratzer wegpolieren. Die generische Erzählweise, die fast an die künstliche Intelligenz erinnert, ist neben den fehlenden Helden der größte Störfaktor der aktuellen Staffel. Formel-1-Besitzer Liberty Media aber passt die filmende Werbekolonne prima ins Konzept. Im Hollywood-Konzern haben sie nicht vergessen, dass gerade Netflix während der Pandemiejahre der bestmögliche Zubringer für neues Publikum war, der hohe Frauenanteil unter den Zuschauern beim Motorsport wird eindeutig der Serie zugeordnet, die bewusst auf Auseinandersetzungen mit der komplexen Technik verzichtet. Bisher dafür aber immer auch komplizierte Charaktere gezeigt hat. Doch wenn sich ein Weltmeister Lando Norris in Hintergrundszenen eher wie auf einem Junggesellenausflug benimmt und sein interner Gegenspieler Oscar Piastri wie ein Messdiener, dann spiegelt das in keinster Weise die Faszination dieses Psycho-Duells wider. Alle Renn-Welt nimmt immer noch an, dass Piastri auch durch die geheimnisvolle interne Gesetzgebung namens „papaya rules“ um den Titel gebracht wurde. Doch daran trauten sich die Filmemacher offenbar nicht heran. Aber was sind das für Dramaturgen, die eine Kontroverse aussparen, die förmlich vor ihnen auf der Straße liegt? Keiner der Schlüsselmomente, die das interne Duell haben eskalieren lassen, wird aufgearbeitet. „Da hatte wohl die Fahrerlager-Polizei etwas dagegen“, höhnen australische Journalisten in Melbourne. Stattdessen wird versucht, McLarens Kommandeur Zak Brown als schillernde Figur zu positionieren, was eher tragikomisch wirkt. Wenn nur noch der geglättete Mainstream bedient wird, dann ist das für das Image der Formel 1 auf Dauer gefährlicher als der Umstieg auf alternative Antriebsarten. Die Boxengassen-Dokumentation jedenfalls wirkt auserzählt – und bleibt trotzdem unvollständig. Das taugt als generelle Warnung: der Sport muss bestimmend bleiben, nicht die vorbestimmte Show. Die Formel 1 hat vom Wochenende an neue Zeiten vor sich, „Drive to survive“ die besten wohl hinter sich.
