Noch anstrengender als durch und durch schlechtes Fernsehen ist solches, das alles Zeug zu einem großen Stück hat und dann krachend scheitert, weil es meint, es müsse es allen recht machen. „The Abandons“, eine Netflix-Serie von Kurt Sutter mit Gillian Anderson und Lena Headey in den Hauptrollen, gehört zu dieser Kategorie. Sie ist ein toll anzusehender Western mit zwei faszinierenden Hauptfiguren, der trotz seiner hochkarätigen Besetzung und opulenten Ausstattung nicht aus dem Knick kommt. „Kreative Differenzen“ und nur sieben statt zehn Folgen Das mag daran liegen, dass Sutter noch vor dem Abschluss der Produktion das Handtuch warf (von „kreativen Differenzen“ war die Rede, statt geplanter zehn Episoden gibt es nur sieben). Es mag daran liegen, dass die Serie wenig Originelles zu sagen hat über die Gründung Amerikas, anders als zuletzt Serien wie „1883“, „The English“ oder „American Primeval“. Daran, dass zwei herausragende Hauptdarstellerinnen eine Story ohne Zusammenhang, ohne Vision und mit erstaunlichem Desinteresse an vielen ihrer Figuren am Leben halten müssen. Gillian Anderson gebietet Mitte des 19. Jahrhunderts als die vermögende Witwe Constance van Ness in dem Städtchen Angel’s Ridge im amerikanischen Nordwesten über ein Erzbauunternehmen, das ihr Mann ihr hinterließ. Sie sieht sich als Wegbereiterin der Zivilisation in einer Gegend, in der Recht und Gesetz leicht zu korrumpieren sind. Die Zukunft ihrer Firma hängt von einer Silbermine ab, die sich durch die Ländereien mehrerer Siedler zieht, darunter die einer weiteren Witwe, Fiona Nolan (Lena Headey), die nach dem Tod ihres Mannes vier Kinder großzog. Der Gier von Constance tritt Fiona mit irisch-katholischer Sturköpfigkeit entgegen – aber gerade ihre religiös verwurzelte Entschlossenheit („Gott hat uns dieses Land gegeben!“) und die Taten, die sie damit rechtfertigt, durchkreuzen ihre Versuche, mit den anderen von Van Ness bedrängten Siedlern einen wirkungsvollen Widerstand zu formieren. So weit die Ausgangslage, die sich gleich zu Beginn mit einem Gewaltakt zuspitzt. Dieser fächert ein kompliziertes Netz von Lügen und Täuschungen auf, in das bald nicht nur die beiden Frauen und ihre Kinder, sondern auch die benachbarten Siedler und die indigenen Cayuse, die ihre Ländereien ebenfalls vor dem Zugriff der Schürfer verteidigen müssen, verstrickt werden. Für jeden soll etwas dabei sein Anstatt Kapital aus diesem Setting zu schlagen, verfranst sich die Serie zunächst in dramatischen Faustkämpfe und blutigen Schießerein; den Kontrast dazu bilden zarte Romanzen zwischen den Sprösslingen der verfeindeten Frauen. So kennt man den Wilden Westen zu Genüge, und das Stück wurde prompt als weiteres Beispiel dafür verrissen, was passiert, wenn Algorithmen den Streamingmachern vorgaukeln, unsere Ansprüche zu kennen und bedienen zu wissen. „The Abandons“ verliert sich dauernd in irgendwelchen narrativen Sackgassen, offenbar um möglichst viele Publikumsansprüche zu bedienen. Fionas schwarzer Sohn Albert (Lamar Johnson) erhält dank seiner ungewöhnlich hohen Bildung einen Posten als Lehrer; ihre indigene Tochter Lilla (Natalia del Regio) sorgt sich, ihr „Volk zu verraten“, und bekommt von ihrer Mutter beschieden: „Dein Herz wird dir den Weg weisen.“ Dahlia (Diana Silvers) und Elias (Nick Robinson), deren verstorbener Vater Fiona einst als Kindermädchen beschäftigte und ihr das Land hinterließ, auf dem sie nun ihre Patchworkfamilie großzieht, werden als Juden ausgegrenzt. Nichts davon passt in die Erzählung, sind bloß Einträge auf einem Waschzettel mit vermeintlich sensiblen Gesten. Im Hintergrund streunen ein paar weitere unscharfe Figuren herum, darunter Constances „Detektiv“ Xavier Roache (Michiel Huisman), der nutzlos, aber immerhin rasend attraktiv ist, und der Cree Jack (Michael Greyeyes), der als Stereotyp des weisen Indianers fungiert. „The Abandons“ ist nicht durchgängig schlecht. Headey und Anderson sind in Hochform, müssen sich aber lächerlich oft hasserfüllt anstarren. Und immer wieder setzt eine interessante Entwicklung ein, die dann im Sande verläuft. Als die Serie gegen Ende doch noch Fahrt aufnimmt, steht man vor einem Cliffhanger, der wie ein Affront wirkt – zumal Netflix über eine weitere Staffel noch nicht entschieden hat. Ob man sich noch mehr von diesem Werk zumuten möchte, ist die Frage. Zunächst ist sie nicht mehr als einer der großen Netflix-Flops im Jahr 2025. The Abandons läuft mit sieben Folgen bei Netflix.
