FAZ 12.02.2026
18:18 Uhr

Netflix-Boykott: Synchronsprecher setzen sich weiter gegen KI-Ausbeutung zur Wehr


Rund 800 Synchronsprecher boykottieren Netflix wegen der KI-Klausel, die der Streamer in Verträge schreibt. Ein Gutachten erklärt den Passus für rechtswidrig, doch Netflix bleibt stur.

Netflix-Boykott: Synchronsprecher setzen sich weiter gegen KI-Ausbeutung zur Wehr

Der Verband Deutscher Sprecher:innen (VDS) will die Rechte der Synchronsprecher vor der Ausbeutung durch KI bewahren. Deshalb hat der Verband im Streit mit dem Streamer Netflix um eine KI-Klausel, die dieser in seine Verträge schreibt, ein Rechtsgutachten in Auftrag gegeben. Das Gutachten kommt zu dem Ergebnis, das der Passus von Netflix, der festhält, dass Sprecher einwilligen, KI mit ihren Stimmen „trainieren“ zu lassen, in weiten Teilen rechtswidrig sei, da er gegen die Datenschutz-Grundverordnung und das Urheberrecht verstoße. Aus Protest gegen die Vertragsklausel boykottieren zurzeit rund 800 Synchronsprecher Netflix. Der VDS fordert faire KI-Regeln für alle Kreativen Die VDS-Vorstandsvorsitzende Anna-Sophia Lumpe verdeutlichte bei ei­ner Pressekonferenz das Dilemma der Branche: „Entweder du arbeitest und akzeptierst, oder du arbeitest nicht.“ Sie fürchtet, dass Netflix versuche, die Sprecher „auszuhungern“, bis sie aus finanzieller Not unterschreiben. Dass die Verträge, wie Netflix angibt, dem Schutz der Branche dienten, kann Lumpe nicht nachvollziehen. Während die Schauspielergewerkschaft BFFS im letzten Sommer eine Vereinbarung mit Netflix über KI traf, war der VDS an den Verhandlungen nicht beteiligt. Nun drängt der Verband auf einen Rechtsrahmen, der faire KI-Regeln für alle Kreativbranchen festlegt. Diese Regelungen sollten auf andere Anbieter wie Disney, Warner und Paramount übertragen werden. Patrick Winczewski fürchtet um seinen Beruf Patrick Winczewski, der unter anderem Tom Cruise synchronisiert, geht es weniger um Geld als um seine Identität als Künstler. Seine Stimme, sagt er, sei ein künstlerisches Instrument, das er nicht an einen Konzern abgeben wolle. Was Netflix als harmlos klingendes KI-Training deklariere, sei ein Prozess der technischen Entmenschlichung. Dabei werde die Stimme nicht nur aufgenommen, sondern wie ein „gutes Filet“ in kleinste Kennungen zerlegt und in Recheneinheiten übertragen. Die Identifikation des Publikums mit vertrauten Stimmen sei ein Pfeiler der Filmkultur, meint der Synchronsprecherverband. Bei dem Konflikt mit Netflix gehe es nicht nur um die Branche, er betreffe alle Menschen vor den Bildschirmen. In ei­nigen Serien würden Rollen bereits umbesetzt, um die Produktion fortzusetzen. Das komme „beim Publikum überhaupt nicht gut an.“ Die hochwertige Synchronisation in Deutschland sei ein „absolutes Privileg“, so der VDS. Viele Menschen seien auf sie angewiesen. Für Netflix bedeutet dies, dass diese Menschen ihren Streamingdienst wechselten, sollte der Konzern auf Untertitel setzen. Crowdfunding-Kampagne für den Rechtsstreit gegen Netflix Trotz mehrerer Anfragen habe Netflix dem VDS nur ein informelles Gespräch angeboten. Auf Anfrage der F.A.Z hatte eine Netflix-Spreche­rin gesagt, man sei von dem Boykott überrascht und halte vertraglich nur fest, dass digitale Stimmnachbildungen nur mit ausdrücklicher und gesonderter Zustimmung der Sprecher erstellt werden dürfen. Um den juristischen Streit gegen Netflix führen zu können, hat der VDS eine Crowdfunding-Kampagne auf der Plattform GoodCrowd.org gestartet. Da der Verband ehrenamtlich geführt wird und nur geringe Beiträge erhebt, fehlen die Mittel für einen langwierigen Rechtsstreit gegen Netflix. Das Spendenziel liegt bei 40.000 Euro, um das Rechtsgutachten, die weitere juristische Begleitung und die Öffentlichkeitsarbeit zu finanzieren. Synthetische Stimmen überzeugen das deutsche Publikum nicht Dass KI-Stimmen noch weit von denen der Menschen entfernt sind, zeigt der Film „Black Dog“ (2024). Der chinesische Arthouse-Streifen ist der erste, dessen deutsche Synchro­nisation vollständig mittels KI erstellt wurde. Damit, meint der VDS-Vorstand, könne man das deutsche Publikum, das an hohe Standards gewöhnt sei, nicht gewinnen. Die Synchronisation klinge „blechern, hölzern und nicht lebendig“. Wenn dieser Film Werbung für KI sein solle, sei dies „hochgradig peinlich“. Im Gegensatz zu anderen Berufen, so der VDS, biete KI in der Synchronbranche keinen Nutzen, weil sie keine Gefühle transportiere. Seit Jahrzehnten, sagt Pa­trick Winczewski, fungierte die Synchronisation in Deutschland überdies als eine Art Kulturtransfer, der dem Publikum fremde Lebenswelten öffne. „Wir müssen dafür kämpfen. Das ist Kultur. Das ist Kultur der Ver­ständigung“, warnt er. Der Konflikt in Deutschland werde als internatio­naler Präzedenzfall wahrgenommen. Seine Kollegen aus Frankreich, Italien und Spanien beobachteten den Widerstand in Deutschland sehr genau, sagt Patrick Winczewski. Sie befürchteten, dass es ihnen bald ebenso ergehen könnte.