Die olympische Flamme ist mit der üblichen Botschaft unterwegs in Italien. Vorfreude auf die Winterspiele in den italienischen Alpen und Mailand, die am 6. Februar beginnen, soll sie verbreiten. Und die Friedensbotschaft, die das Internationale Olympische Komitee seinen Spielen gerne anheftet, auch wenn es im konkreten Fall durchaus einsilbig wird. Zu den Massakern in Iran, bei denen die Machthaber in der Islamischen Republik Tausende, womöglich Zehntausende Demonstrierende getötet haben, unter ihnen auch mehrere Sportler, und noch weit mehr verletzt haben, gab es auch auf mehrmalige Anfrage der F.A.Z. kein Wort des Bedauerns oder des Mitgefühls mit den Opfern. Man konzentriere sich auf die Teilnahme iranischer Sportler an den Spielen, hieß es auch in dieser Woche aus Lausanne. Am vergangenen Sonntag allerdings haben zwei Männer die olympische Flamme gemeinsam durch Verona getragen, die sich nicht als Laiendarsteller eines Werbefilms verstehen: Maoz Inon, Israeli, und Aziz Abu Sarah, Palästinenser. Maoz Inon hat seine Eltern beim Überfall der Hamas-Terroristen am 7. Oktober verloren. Dass er nun mit einem Palästinenser die olympische Flamme trägt, macht ihn in seinem Heimatland nicht zu einem Helden. Im Gegenteil. Wer, wie Inon, von „Vergebung“ und einer „gemeinsamen Zukunft“ spricht, wird bestenfalls als Idealist abgestempelt, schlimmstenfalls „Verräter“ genannt. „Ich bekomme zu hören, ich habe mit meinen Eltern den Verstand verloren“, sagt Maoz Inon. Er sieht sich täglich einer aggressiven Rhetorik ausgesetzt, die jede Form des Nachdenkens über Partnerschaft als Gefährdung der nationalen Sicherheit brandmarkt. Vereinigung aus mehr als siebzig Organisationen Aziz Abu Sarahs Alltag ist noch gefährdeter. In der West Bank und im Ostteil Jerusalems bedeutet das Wort „Normalisierung“, auf Arabisch Tatbi’a, das politische Ende. Weil er sich mit einem Israeli eine Bühne teilt, riskiert Aziz Abu Sarah den Ausschluss aus der palästinensischen Gemeinschaft. „Mir wird jedes Mal vorgeworfen, dass ich die Besetzung legitimiere, wenn ich mit Maoz auftrete“, sagt Abu Sarah. „Aus der Blase ausbrechen“ bedeutet für ihn, den palästinensischen Konsens herauszufordern, nach dem Israel schlicht das Zielfernrohr einer Waffe eines Soldaten oder den Beton eines Checkpoints der Armee bedeutet. Abu Sarah und Inon sind Teil der Vereinigung „It’s time“ („Es ist Zeit“), in der sich mehr als siebzig Organisationen zusammengeschlossen haben, die sich Frieden und Verständigung zum Ziel gesetzt haben. Zivilgesellschaftliches Engagement, das aktiv ist, weil diejenigen, die sich engagieren, nicht mehr an ein diplomatisches Wunder glauben. In gewisser Hinsicht ist ihre Arbeit das Gegenteil dessen, was Olympische Spiele bedeuten: Es kommt nicht auf den Moment an, sondern auf langfristige Unterstützung. Rechtsbeistand für Familien in der West Bank, gemeinsame wirtschaftliche Projekte zwischen Israelis und Palästinensern und den langwierigen, schmerzhaften Aufbau eines zivilgesellschaftlichen Fundaments, das trägt, selbst wenn die jeweils maßgeblichen Politiker auf Konfrontation setzen. „Ein neues Feuer entzünden“ Im Herzen des Engagements steht das Fazi-Azhar-Haus. Der Name ist ein Amalgam, Fazi war Abu Sarahs Bruder, Azhar Inons Mutter. Es ist angelegt als Labor für „politische Vorstellungskraft“, ein Raum, in dem junge Israelis und Palästinenser lernen, sich zu lösen von den Opfer- und Feindschaftsnarrativen, die den Konflikt befeuern. Gleichwohl machen sich Inon und Abu Sarah keine Illusionen. Der olympische Zirkus gibt ihnen Schutz, internationale Sichtbarkeit imprägniert in Israel und Palästina in diesen Tagen. Den jeweiligen Regierungen wird es dadurch schwerer gemacht, sie zum Schweigen zu bringen, ihre Gemeinschaften an den Rand zu drängen. „Wir sind keine Träumer, wir sind die letzten Realisten, die übrig sind“, sagt Maoz Inon. „Was uns von unseren politischen Anführern momentan als Zukunft angeboten wird, ist eine endlose Aneinanderreihung von Beerdigungen. Mir ging es nicht um sportlichen Ruhm, ich habe daran gedacht, dass die nächste Generation einzig und allein die Friedhofssprache kennenlernen wird, wenn wir nicht endlich eine neue politische Sprache finden. Ihre Flamme“, sagt er mit Blick auf die Fackel, die er mit Abu Sarah in den Händen hielt, „hilft uns, ein neues Feuer zu entzünden. Eines, das die alten Erzählungen verbrennt, bevor sie uns alle verbrennen.“ Aus dem Englischen übersetzt von Christoph Becker.
