FAZ 29.12.2025
13:33 Uhr

Nahostkonflikt: Ein kurzes Durchatmen in Israel


Nach der Rückkehr der Geiseln können viele Israelis zum ersten Mal aufatmen. Von einem echten Frieden ist das Land aber noch immer weit entfernt.

Nahostkonflikt: Ein kurzes Durchatmen in Israel

Das Jahr 2025 geht in Israel mit einem Satz zu Ende, den viele lange kaum zu denken gewagt hätten. „Wir können wieder atmen“, heißt es von jungen und alten Israelis, in größeren Städten wie in kleineren Dörfern des Landes. Mehr als zwei Jahre nach dem Terrorüberfall der Hamas vom 7. Oktober 2023 sind alle noch lebenden Geiseln zu ihren Familien zurückgekehrt, bis auf den Leichnam von Ran Gvili hat die Hamas auch die sterblichen Überreste aller Verschleppten übergeben. Für die einen beginnt damit der Versuch, den Weg zurück in ein Leben in Freiheit zu finden. Andere können nach qualvollen Jahren der Ungewissheit endlich Abschied nehmen. Das unter Vermittlung Donald Trumps zustande gekommene Waffenstillstandsabkommen für den Gazastreifen hat für den Moment Erleichterung gebracht. Doch die Wunden der vergangenen Jahre sind tief. Die Gesellschaft ist desillusioniert und gespalten. Und von dem Frieden, den der amerikanische Präsident immer wieder großspurig beschwört, ist das Land noch immer weit entfernt. Bedroht durch den Erzfeind Iran Die neuerliche Reise des israelischen Ministerpräsidenten Benjamin Netanjahu nach Mar-a-Lago macht deutlich, wie akut die Gefahr einer neuerlichen Eskalation in der Region ist. Im Zentrum des Besuchs bei Präsident Trump soll die anhaltende Bedrohung durch den Erzfeind Iran stehen, der offenbar längst mit dem Wiederaufbau seines Raketenprogramms begonnen hat. Von der anfänglichen Hochstimmung nach den schweren Schlägen, die Israel und die USA im Sommer dem Regime in Teheran zugefügt haben, ist sechs Monate später nur noch wenig übrig. Dass Netanjahu den amerikanischen Präsidenten nun womöglich über neue Angriffspläne gegen Iran informieren könnte, verheißt für die israelische Bevölkerung nichts Gutes. Die Ruinen zerstörter Häuser in Tel Aviv erinnern noch immer an die Entschlossenheit, mit der Teheran bereit ist zurückzuschlagen. Die nächste Runde der Gewalt könnte bald folgen. Geschwächt, aber nicht zerstört Mit Blick auf den Gazastreifen stellt sich die Lage ähnlich ernüchternd dar. Zehntausende Tote hat der Krieg hinterlassen, dazu endlose Berge von Trümmern und Millionen Vertriebene. Doch auch die Unerbittlichkeit der israelischen Kriegsführung hat es nicht vermocht, die Hamas zu zerstören. Militärisch sind die Islamisten zwar stark geschwächt, doch im Westen des Küstenstreifens haben sie längst die Kontrolle wiedererlangt. Die Zerstörung ihres weit verzweigten Tunnelsystems bezeichnen selbst israelische Offiziere als eine Aufgabe, die Jahrzehnte in Anspruch nehmen könnte. Der Übergang in die zweite Phase von Trumps Friedensplan ist angesichts dessen mehr Wunsch als Wirklichkeit. Die Hamas weigert sich nach wie vor, ihre Waffen abzugeben. Israel macht im Gegenzug keinerlei Anstalten, sich aus den besetzten Gebieten in Gaza zurückzuziehen. Wie die vorgesehene Internationale Stabilisierungstruppe zustande kommen soll, ist nach wie vor unklar. Unbeantwortet bleibt auch die Frage danach, wer Gaza künftig regieren soll. Solange sich Netanjahu gegen die Palästinensische Autonomiebehörde stellt, wird es eine langfristige Lösung nicht geben. Die Regierung treibt ihre Annexionspläne voran Im Westjordanland hat sich die Situation derweil so weit zugespitzt, dass sich manch einer an die Zeit vor der zweiten Intifada erinnert fühlt. Die rechtsreligiöse Regierung des Ministerpräsidenten treibt ihre Annexionspläne immer rücksichtsloser voran, die Gewalt durch radikale Siedler ist auf ein Höchstmaß gestiegen. Die Verhinderung eines palästinensischen Staates, die Netanjahu und seine extremistischen Koalitionspartner betreiben, ist vor allem für die Palästinenser eine bittere Enttäuschung. Schlecht sieht es aber auch für die Sicherheit Israels aus. Wie schnell Gewalt in Gegengewalt umschlagen kann, hat das Land in der Vergangenheit oft genug erlebt. Allzu große Hoffnungen, dass die für 2026 geplante Parlamentswahl einen Ausweg aus alldem bieten könnte, sollte man sich nicht machen. Einen Abschied von ihrem machthungrigen Ministerpräsidenten wünschen sich viele Israelis seit dem 7. Oktober zwar sehnlicher denn je. Dass eine neue Mehrheit wirklich eine andere Politik verfolgte, ist allerdings nicht gesagt. Große Teile der israelischen Gesellschaft sind in den vergangenen Jahren nach rechts gerückt, der Ton ist rauer geworden. Unterstützt von Ministern und Abgeordneten, fordern radikale Siedlerbewegungen immer lauter, auch den Gazastreifen zu besetzen. Berichte über gefolterte palästinensische Häftlinge oder willkürliche Erschießungen führen in der Bevölkerung nur bei den allerwenigsten zu empörten Reaktionen. Die meisten jüdischen Israelis lehnen einen palästinensischen Staat ebenso vehement ab wie ihre derzeitige Regierung. Von einem echten Frieden ist das Land auch deshalb noch weit entfernt.