Im Grunde braucht in Innsbruck niemand mehr die alte Olympiabahn. 2024 wurde nebenan eine neue, allen Winden trotzende Zehnergondelbahn zum Hoadl-Gipfel eingeweiht. Aber die historische Standseilbahn, erbaut für die Ski-Alpin-Rennen der Winterspiele von 1976, ist Kult. Zu Spitzenzeiten an den Winterwochenenden schaufelt sie noch immer zuverlässig Skifahrer auf den Berg. Hochbegehrt ist sie auch als Vehikel zur „Skigaudi“ auf der Axamer Lizum. Bis in die Abende hinein leistet sie da den vorwiegend jungen Gästen Aufstiegsdienste als mobiler Technoklub. Und Ende März ist sie mit dabei bei der Start-up-Konferenz SKInnovation, wenn es heißt: pitchen, netzwerken, investieren und – natürlich – Ski fahren. Für immer jung: Die Gen Z liebt die Hotels der Boomer Es passt zum Umgang der Tiroler mit ihrer Olympiainfrastruktur, wie die Gen Z die Bahn in die Gegenwart beamt. Allein die Skigaudi 2025 zog im November und Dezember sechsmal an je vier Skitagen Tausende Teilnehmer an. Seit 2012 gibt es den stetig wachsenden „Winterbreak“. Neben der Standseilbahn im Mittelpunkt stehen zwei alte Olympiahotels auf 1600 Metern. Sie sind keine Luxusherbergen. Genau darüber sind die jungen Leute froh, denn sie machen die Tage erschwinglich, die man zusammen verbringt mit Skifahren, Bierpong, Party, Gipfelyoga und den Errungenschaften von heute, einer rosa Schneekanone etwa oder dem „Hoadlrave“ im Glashaus auf 2340 Metern. Eine bemerkenswerte Karriere Den betagten Hotels hätte kaum Besseres passieren können. Und wie schlagen sich die anderen damals extra errichteten Sportstrukturen? Was haben Tiroler und Gäste heute davon, dass rund um Innsbruck 1964 und 1976 gleich zweimal Olympioniken über Schanzen sprangen und durch den Eiskanal kurvten? Nicht jeder olympische Neubau in den Bergen erfreut ja das Herz, wenn er älter wird. Szenenwechsel zur Bergiselschanze. Sie ist zwar kein originales Olympiabauwerk, trägt aber viel zur positiven Stimmung bei. Der im Jahr 2000 im ursprünglichen Stadion als Ersatz errichtete Avantgardebau der Architektin Zaha Hadid erzeugt allein durch die Vierschanzentournee so viel Glamour für Innsbruck, dass pro Jahr 130.000 Tickets an Besucher verkauft werden. Über zwei Aufzüge können sie in den Turm gelangen, im Panoramacafé speisen und im Idealfall zusehen, wie unter ihnen die Skispringer in die Spur gleiten. Im Süden der Stadt empfängt Matthias Schipflinger an der Olympiahalle. Er ist Geschäftsführer der 2002 gegründeten Olympiaworld und kennt hier quasi jede Schraube. Die Firma verwaltet vor allem die Eissportstätten beider Spiele. Was das heute heißt? In dem von Hans Buchrainer 1963 errichteten Bau gibt es jetzt Tennisturniere und Motorradrennen, gerade lief die Pferdeshow Cavalluna, aber auch Bob Dylan oder die Rolling Stones waren bereits zu Gast. „Unsere Olympiahalle ist die perfekte Allzweckarena für bis zu 10.000 Zuschauer“, sagt Schipflinger. „In ihr lässt sich schnell jeder Untergrund herbeizaubern – Sand, Schlamm oder Kunstrasen.“ Das ist eine bemerkenswerte Karriere für ein äußerlich kaum modifiziertes Gebäude, das vor 63 Jahren als Eisstadion startete. Gab es ein Vorbild für die Firma? „Natürlich München“, sagt Schipflinger. „Wir wollten das erreichen, was in der Stadt der Sommerspiele 1972 gelungen ist: dass die Sportstätten wichtige und geschätzte Bestandteile des Alltagslebens bleiben.“ So werden die insgesamt neun Hallen oder Freiflächen inklusive eines Außeneisrings von Olympiaworld behutsam bespielt und ausgebaut. Zuerst kam das Fußballstadion Tivoli dazu, 2004 entstand die Tiwag-Arena für Eishockey, Eiskunstlauf und mehr. Zuletzt wurde vor sechs Jahren eine transparente Leichtstruktur für American Football eingeweiht. Würde Innsbruck noch einmal Olympische Spiele ausrichten? „Tirolweit würden die Leute dazu Ja sagen“, ist Schipflinger überzeugt. Aber die Stadtbevölkerung sei eher dagegen. „Jetzt feiern wir erst mal mit einer Veranstaltungsreihe 50 Jahre Innsbruck 1976.“ Weiter geht es mit dem Auto in höhere Gefilde, zum zweiten Areal der Olympiaworld in Igls. Am Fuß des Patscherkofels schlängelt sich dort durch einen Nadelwald der Olympiaeiskanal. Er ist aktuell ein Sorgenkind. Zwar ist das beim Publikum so beliebte „Bobrafting“ weiter möglich. Aber die jüngst für 31 Millionen Euro überarbeitete eisige Röhre schaffte es im November nicht durch eine Sicherheitsprüfung. Die erneuerten Kurven im unteren Bereich seien für Rodler zu schwierig, hieß es zur Begründung. So durften zuletzt nur Weltcups mit den Bobs und Skeletonschlitten stattfinden. Alle Rodelrennen für 2026 dagegen: abgesagt. Zur Nachhaltigkeit gehört eben auch, dass alte Sportstätten nur maximal sicher und gepflegt eine blühende Zukunft haben. Sonst kann es einem wie im italienischen Cesana Torinese ergehen. Die Eisbahn, neu gebaut für die Winterspiele in Turin 2006, wurde schon fünf Jahre später stillgelegt. Ein enormer Verschleiß von Landschaft, Material, Energie und Geld. Seither verfällt die 1,4 Kilometer lange Betonröhre. Für die aktuellen Winterspiele wurde 300 Kilometer östlich in Cortina ein neuer Kanal gebaut. Schipflinger findet das nicht gut. „Es gibt schon 18 Eiskanäle weltweit, und die Hälfte ist nicht ausgelastet. Wir brauchen keine weiteren Lost Places in den Alpen.“ Die historischen Tiroler Olympiabauten dagegen sind in Betrieb und in Bewegung. Sie wirken nicht elitär. Jedermann und jedefrau von heute können dort ihren Spaß haben. Das können nicht alle Olympiastätten von sich behaupten.
