FAZ 07.01.2026
14:53 Uhr

Nachnutzung von Kirchenimmobilien: Wenn die Kita in die Kirche zieht


Die katholische Kirche hat zu viele und zu große Gebäude. Das Bistum Limburg berät die Gemeinden daher, was sie mit ihrem Bestand tun können. Manchmal führt das sogar zu architektonisch spektakulären Ergebnissen.

Nachnutzung von Kirchenimmobilien: Wenn die Kita in die Kirche zieht

Von außen sieht die katholische Kirche St. Matthäus in Kelkheim-Ruppertshain aus wie eh und je. Mit ihrem markanten Zeltdach ragt sie aus dem Bergdorf heraus, in einigem Abstand steht der markante Glockenturm. St. Matthäus ist eine typische Kirche der sechziger Jahre, viel Beton, abstrakte Glasfenster, eigenwillige Form. Der Bau aus dem Jahr 1967 war von Anfang an auf Zuwachs errichtet, doch die Gemeinde wurde nicht größer, im Gegenteil, sie schrumpfte im Laufe der Jahre. 548 Gemeindemitglieder leben heute in Ruppertshain, viel zu viele für ein so großes Gotteshaus. Mit dem Problem ist die Gemeinde nicht allein, überall werden die Gemeinden kleiner und die Gottesdienstbesucher weniger. Im Bistum Limburg gibt es insgesamt 1570 kirchliche Gebäude, davon sind etwa 1470 im Besitz der Kirchengemeinden oder werden von ihnen verwaltet. Das ist meist mit hohen Kosten verbunden, denn Kirchen müssen geheizt und Gemeindehäuser saniert werden. Und oft stellt sich die Frage, ob sich das eigentlich noch lohnt. Daher hilft das Bistum den Gemeinden dabei, die Gebäude zu bewerten, möglicherweise zu verkaufen oder umzunutzen. Gemeinden geraten überall in schwieriges Fahrwasser Verena Schäfer betreut die „Kirchliche Immobilien-Strategie“ des Bistums Limburg, die im Jahr 2014 erst einmal mit einer Bestandserfassung begann. Damals wurden viele kleine Gemeinden zu neuen, größeren Pfarreien zusammengelegt, und man stellte fest, dass im Bischöflichen Ordinariat viele Basisdaten zu den Gebäuden fehlten. „Wir wussten teilweise nicht einmal die genauen Adressen“, sagt Verena Schäfer. Inzwischen gibt es ein exaktes Verzeichnis mit Baujahr, Zustand, Kosten und eventuellen Denkmalschutzauflagen. Die Erkenntnis, dass der Gebäudebestand so nicht haltbar sei, sei recht früh gekommen, zumal andere Bistümer wie Aachen oder Essen bereits mit dem Veräußern von Immobilien begonnen hätten. Aber auch im Süden des Landes geraten die Gemeinden in schwierigeres Fahrwasser und verlieren an Bedeutung wie an Mitgliedern. „In Bayern kommt bei den Kirchenmitgliedern erst langsam in die Köpfe, dass man eine Kirche schließt“, sagt Schäfer. Im Bistum Limburg habe sich die Zahl der Gemeindemitglieder seit 1975 von etwa einer Million auf weniger als 500.000 halbiert. „Wir rechnen mit einer weiteren Halbierung in den nächsten zwanzig Jahren“, sagt Schäfer. Eine Schuhschachtel unter dem Zeltdach Die Gemeinden dürfen frei entscheiden, ob sie an dem Programm teilnehmen wollen. Stimmen sie dafür, dann werden zunächst alle Gebäude gemeinsam mit der KIS erfasst und bewertet, von der Kirche über das Gemeindezentrum bis zu einzelnen Wohnungen. Jede Immobilie wird zunächst genau dokumentiert: Wie wird sie genutzt? Wie ist der Zustand, wie die technische Ausstattung? Danach wird sie bewertet: Wie entwickeln sich die Mitgliederzahlen der Gemeinde? Welche Kosten müssen für die Erhaltung oder Sanierung aufgewendet werden? Erst danach beginnt die zweite Projektphase. Darin wird ermittelt, welchen Bedarf es in der Gemeinde gibt, und daraus werden Nutzungskonzepte abgeleitet. So geschah es auch in Ruppertshain. Für den architektonischen Entwurf der Kirche galt noch das Urheberrecht, und die Erben des damaligen Architekten Helmut Hofmann durften dabei mitreden, was mit seinem Werk geschehen solle. Eine Kletterhalle wie in Wiesbaden-Rambach, wo der Alpenverein das Gebäude kaufte und zu einem Alpinzentrum umwandelte, wollten sie nicht genehmigen. Aber bei einem sozialen Zweck wolle man mitgehen. Nun war das Gebäude des benachbarten Kindergartens Sancta Maria zu klein geworden und marode, und es entstand ein kühner Entwurf: In die Kirche sollte der Kindergarten wie eine Schuhschachtel hineingeschoben werden. Die Kirchenbänke wurden zu Holzverkleidungen und Umkleidebänkchen für die Kindergarderobe. Drei Gruppen, Igel, Mäuse und Bären, haben seit dem Sommer Platz in eigenen Gruppenräumen. Damit viel Licht hineinkommt, wurden zusätzliche Fenster in die Gebäudehülle geschnitten. Oben unter dem Spitzdach, einst als „Zelt Gottes“ gedacht, befindet sich nun der wohl schönste Turnsaal weit und breit. Verantwortlich für den Umbau war der Architekt Helmut Mohr aus Hochheim, ein Fachmann für Kirchenbauten. Ganz ohne Kirche steht Pfarrer Klaus Waldeck dennoch nicht da. Nach der Profanisierung im Jahr 2022 und dem Umbau wurde ein Raum wieder als Kapelle geweiht, auch der Name St. Matthäus blieb erhalten. Der Altarstein wurde zum Taufbecken, das Retabel aus der alten Kirche hängt nun an der Wand, einige Kirchenfenster wurden in den neuen Windfang integriert. Eine Wendeltreppe führt zur Orgelempore, in der ehemaligen Sakristei befindet sich eine Kaffeeküche für Osterfrühstück und Trauerkaffee. Eine flexible Wand ermöglicht es, einen Multifunktionsraum abzutrennen. Auch wenn vor der Kirche die Klettergerüste stehen und die Kinder toben, so wirkt der rückwärtige Raum noch immer sakral und ruhig. So schlimm steht es um die Gebäude in Hofheim und Kriftel noch nicht, doch auch hier befindet man sich im Austausch mit der KIS. Die Gemeinde hat die Beratung zum Gebäudekonzept hinter sich und startet Anfang 2026 mit der Umsetzung. Das beinhaltet auch den Verkauf einzelner Gebäude. Kirchen stehen dort kurzfristig nicht auf der Verkaufsliste, aber grundsätzlich werden auch diese Gebäude veräußert. Beispiele gibt es einige, etwa die erwähnte Kletterhalle in Rambach. In Eltville-Martinsthal entstanden in der Kirche St. Martin Wohnungen. Die Kapelle in Ötzingen-Sainerholz im Westerwald wurde von der Gemeinde gekauft, um dort Veranstaltungen abhalten zu können. Neue Wohnungen für Senioren in Hattersheim-Okriftel Schwierigkeiten mit großen Räumen, weniger Gottesdienstteilnehmern und einem hohen Investitionsbedarf hat auch die Kirchengemeinde an der Mainstraße in Hattersheim-Okriftel zu bewältigen. Die knapp 4900 Quadratmeter große Liegenschaft im Besitz der Pfarrei St. Martinus mit Christ-König-Kirche, Jugendheim, Pfarrhaus und Sakristei soll zusammen mit der Stadt zu einem neuen Gemeindezentrum und einem innerstädtischen Quartier mit Wohnungen entwickelt werden. Im Herbst entschied sich eine Jury aus Kirchengemeinde, Bistum, Stadt und externen Planern für einen Siegerentwurf, bei dem das Gelände ganz neu geordnet werden soll. Im neuen Christkönigquartier entsteht rund um einen begrünten Platz Wohnraum, der Großteil ist für Senioren vorgesehen, dazu Tagespflege, Physiotherapie, eine Bäckerei mit Café. Darunter wird eine Tiefgarage geplant, komplett mit Carsharingplätzen, E-Ladepunkten und Fahrradstellplätzen. Nachhaltig und gemeinschaftlich soll das neue Karree werden. Teile der alten Kirche werden, ganz ähnlich wie in Ruppertshain, auch hier in einen neuen sakralen Raum integriert. „Unser erster Ansprechpartner sind immer die Kommunen. Sie wissen meist, was dem Ort fehlt“, sagt Verena Schäfer vom Bistum. Sie sieht daher im Verkauf von Gebäuden auch eine Chance. Für die Kirchengemeinden falle eine Last ab, auch eine finanzielle Bürde, dennoch sei mit dem Abschied von lange genutzten Gebäuden auch ein Trauerprozess verbunden. „Die Menschen haben dort teilweise noch mit Hand angelegt und sind mit den Gebäuden durch eigene Erfahrungen, wie Kommunion oder Trauung, emotional verbunden“, sagt Schäfer. Das müsse man sorgfältig begleiten und gute Nachnutzungsmöglichkeiten finden. In Ruppertshain überzeugt das architektonisch spektakuläre Ergebnis der Umwandlung, aber günstig war es nicht zu haben. Allein die Entsorgung der Dämmwolle war ein großer Kostenfaktor. Oben im Kirchengiebel befindet sich „eine der interessantesten und teuersten Brandschutztüren des Main-Taunus-Kreises“, so Pfarrer Waldeck. Sie musste in das Buntglasfenster eingelassen werden, draußen führt eine Metalltreppe nach unten. Die Kosten stiegen stetig, sodass die Stadtpolitik das Vorhaben schon aufgeben wollte. Am Ende betrug der Anteil der Stadt rund 2,8 Millionen Euro, wobei das Bistum die Ausstattung der neuen Kapelle und die teure Dachsanierung übernahm. Viel Geld, aber ein neuer Kindergarten wäre auch nicht billiger gewesen. Und, so Waldeck: „Wenn wir hier kein Konzept gehabt hätten, wäre die Kirche verfallen.“