Eine Plastikbox, gefüllt mit Abzügen, darauf ein Vermerk: „Olympia SUPER-Originalfotos. BITTE NICHT ANFASSEN“. Ein Karton mit der Aufschrift „75. Geburtstag“, ganz oben ein Bild von Leni Riefenstahl und Horst Buchholz, er hält ihr Buch „Mein Afrika“ in Händen. Kistchen mit Dias: „Nuba in Landschaft“, „Landschaft ohne Nuba“. Ein Fotoalbum aus den Zwanzigerjahren, darin Leni Riefenstahl im Porträt, Leni Riefenstahl auf Film-Standfotos, Leni Riefenstahl in Hochglanzmagazinen, ausgeschnitten und eingeklebt. Es ist nur ein winziger Ausschnitt dessen, was im Depot des Berliner Museums für Fotografie liegt, heraufgeholt zu Anschauungszwecken, doch er gibt einen Eindruck von dem herausfordernden Geschenk, das der Stiftung Preußischer Kulturbesitz 2018 zuging: der Nachlass Leni Riefenstahls, in 700 Umzugskartons von ihrem Haus am Starnberger See nach Berlin transportiert, dort verteilt auf die Staatsbibliothek, die die Schriftstücke übernahm, die Kinemathek, die alles Filmische bekam, das Ethnologische Museum und das Museum für Fotografie als Teil der Kunstbibliothek. Im Dienst des NS-Regimes Dass Riefenstahls Intention erfolglos bleiben muss, mittels eines akribisch geordneten und vorsortierten Nachlasses über den Tod hinaus Deutungshoheit über das eigene Tun zu bewahren, zeigte 2024 schon Andres Veiels Film „Riefenstahl“, Ergebnis einer ersten, von Fachleuten begleiteten Inventur und gespeist nur aus Vorgefundenem. Das Psychogramm, zu dem sich Interviews, von ihr mitgeschnittene Telefonate, Briefe und Filmaufnahmen addierten, wäre nicht in ihrem Sinn gewesen. Das Material wandte sich gegen sie und ihre lebenslange Ablehnung einer Verantwortung dafür, sich mit ihren Filmen in den Dienst des NS-Regimes gestellt zu haben. Das Projekt, den „toxischen Gral“ zu erschließen, wie Kunstbibliotheks-Direktor Moritz Wullen den Nachlass bei einer Zwischenbilanz der Aufarbeitung am Freitag nannte, wird noch Jahre dauern und erfolgt in Teilen. Bereits sehr weit ist die Aufarbeitung der Fotos und Filmaufnahmen vom Volk der Nuba in den Nuba-Bergen im südlichen Sudan, die Riefenstahl im achten Lebensjahrzehnt umstrittenen Ruhm als Fotografin einbrachten. Die Perspektive des Westens auf die Bilder, den diese mit seinen eigenen Projektionen konfrontierten – Indigene als ursprüngliche, naiv-rückständige und darum von unbefangenem Umgang mit ihrer Körperlichkeit geprägte Menschen –, wurde oft gehört. Die Kontinuität vom nationalsozialistischen Körperideal, das Riefenstahl inszenierte, zu den ebenso akzentuierten Körpern der Nuba stellte als Erste Susan Sontag heraus. Bei der Aufarbeitung des „Nuba-Werks“ im Nachlass sollte nun vor allem die Perspektive der Volksgruppe zum Tragen kommen, auf die Riefenstahl ihre Kamera gerichtet hatte. Ein Forschungsprojekt kooperierte mit dem Pan-Nuba Council, der sich um den Erhalt des kulturellen Erbes der Nuba kümmert, mit sudanesischen Wissenschaftlern und Angehörigen der Nuba. Der Krieg im Sudan machte die Zusammenarbeit schwierig, doch es gab auch Forschungsreisen in die Nuba-Berge, wo noch Menschen leben, die Riefenstahl porträtiert hat. In Kampala in Uganda, wo es eine Diaspora-Gemeinschaft von Nuba gibt, wurden die Fotografien ausgestellt. Die Nuba haben ein zwiespältiges Verhältnis zu den Fotografien. Sie wussten nicht, wofür sie fotografiert wurden, und auch nicht, in welchem Maß die ältere Dame, die immer wieder angereist kam, von den Bildern nicht zuletzt materiell profitierte. Für sie seien die Fotos Eigentum der Gemeinschaft, sagte Paola Ivanov, Kuratorin im Ethnologischen Museum. Zugleich leisteten die Bilder aus Sicht der Nuba einen wichtigen Beitrag zur Sicherung des kulturellen Erbes. Sie zeigen Praktiken, die es bei der staatlich marginalisierten Volksgruppe heute in der Form nicht mehr gibt. Ein digitales Archiv wird die Bilder den Nuba zugänglich machen. Der Forschungsprozess ist auf einer Internetseite dokumentiert, die selbst Ausdruck jener neuen Form der Wissensproduktion ist, die für Paola Ivanov im Hinblick auf künftige Museumsarbeit wegweisend ist: „weg von der Aneignung, hin zu gleichberechtigter Forschung und Partizipation“. Andere Fragen, die der Nachlass aufwirft, sind juristischer Art. Christian Mathieu von der Staatsbibliothek hat unter anderem mit 17.000 Briefen zu tun, die Riefenstahl – alphabetisch nach den Namen der Absender sortiert – abgelegt hat. Um diese digitalisiert zu veröffentlichen, braucht es die Zustimmung der Erben der Verfasser, die diese oft nicht geben. Bei der Gegenperspektive auf Riefenstahl ergebe sich so eine „Unwucht“, so Mathieu. Ein rechtswissenschaftliches Teilprojekt lotet nun unter anderem aus, inwieweit die Schriften für Forschungszwecke zugänglich gemacht werden können.
