FAZ 18.01.2026
19:58 Uhr

Nachhaltig Geld anlegen: Aufbruch in das Post-Greenwashing-Zeitalter


Beim Publikum ist es nicht mehr beliebt, nachhaltig Geld anzulegen. Doch Institutionelle sehen es inzwischen fast als unverzichtbar an.

Nachhaltig Geld anlegen: Aufbruch in das Post-Greenwashing-Zeitalter

Wöchentlich verschwinden 150 Arten auf der Erde. Jedes Jahr kommt es an verschiedenen Orten zu gravierenden Ernteausfällen. Gletscher schmelzen, Flüsse versiegen, und Stürme wehen heftiger als während Tausenden von Jahren. Das ist heute ökologische Realität. Wer sich in Frankfurter Banktürmen, in den Büros von Finanzmarktaufsehern und bei Schadenversicherern umhört, stellt eine große Ernsthaftigkeit fest, mit der auf die Folgen von Klimawandel und Biodiversitätsverlust reagiert wird. Für den Gesetzgeber in Brüssel und Berlin ist der Umgang damit ein Spagat. Einerseits hat sich die Europäische Union mit dem Green Deal 2019 dazu verpflichtet, die Regeln für Finanzmärkte so zu gestalten, dass sie Unternehmen auf ihrem Weg zu weniger Treibhausgasemissionen begleiten können. Andererseits hat sich am Protest vieler Unternehmen und Verbände gezeigt, dass sie den Eingriff in ihre Lieferketten und die Anforderungen an ihre Nachhaltigkeitsberichterstattung in den Richtlinien CSDDD und CSRD für reichlich übergriffig gehalten haben. „Wir hatten über die vergangenen Jahre viel Wohlfühl-Nachhaltigkeit. Konzerne versuchten manchmal auf Biegen und Brechen, sich grün und sozial verantwortungsvoll darzustellen“, sagte der Nachhaltigkeitsprofessor Christian Kroll kürzlich in einem F.A.Z.-Gespräch. Nach langen Beratungen wurden kurz vor Weihnachten Regeln geändert. Dadurch werde das „Greenwashing“ aus dem Markt gespült. Auch die Wissenschaft müsse anerkennen, dass das ESG-Konzept, das Umwelt, Soziales und gute Unternehmensführung zusammen denkt, nie richtig ausgereift gewesen sei. Wie viel Transparenz gibt es nach dem Brüsseler Schwenk noch? Für Anleger hat der Brüsseler Schwenk starke Implikationen. Nachhaltigkeitspflichten sollen künftig erst für Unternehmen von 1000 Mitarbeitern an oder ab einem jährlichen Umsatz von 450 Millionen Euro (statt 250 Mitarbeitern und 50 Millionen Umsatz) gelten. Klimaübergangspläne werden nicht mehr aus der Lieferketten-Richtlinie abgeleitet, sondern aus der Berichterstattungspflicht – und sind auch nur dann erforderlich, wenn das Thema in Rücksprache mit Wirtschaftsprüfern als wesentlich betrachtet wird. Kleinere Akteure sollen mit weniger Anforderungen belastet werden als ursprünglich geplant. Börsennotierte Mittelständler können aus dem Anwendungsbereich herausfallen. Die wenigsten privaten Geldanleger werden das unmittelbar bemerken. Wenn sie selbst auf Nachhaltigkeitskriterien achten, könnte es sein, dass sie die Erfolge ihrer Unternehmen nicht mehr so gut vergleichen können. Wenn sie die Kapitalanlage in die Hand von Fondsgesellschaften oder Versicherern gegeben haben, dann sind sie mittelbar doch davon betroffen. Die Fondsbranche beschwert sich darüber, dass sie gegenüber ihren Kunden zu Transparenz verpflichtet ist, andererseits aber deutlich weniger Daten aus der Realwirtschaft zur Verfügung gestellt bekommt. An die Stelle verifizierter Daten treten solche, die von Branchendienstleistern wie MSCI oder Morningstar Sustainalytics geschätzt werden. Solange Fondsgesellschaften zur Transparenz verpflichtet sind, besteht eine Abhängigkeit gegenüber diesen Datenlieferanten. Abgesehen davon werden sie gebraucht, um Fonds zu steuern und Erfolge zu messen, die den privaten Geldgebern in Aussicht gestellt werden. Mancher Fondsgesellschaft vergeht da die Lust, ihre Kunden auf den nachhaltigen Pfad zu setzen. Publikumsfonds stagnieren, aber Spezialfonds kommen voran Neue Ansätze zur Nachhaltigkeit waren keine Idee der Finanzmarktregulierer, aber sie wurden von diesen besonders entschieden umgesetzt. Wer diesen Gedanken verinnerlicht, versteht, wieso es mit der nachhaltigen Geldanlage nicht so recht vorangeht. Dennoch kommen Umwelt und Soziales sehr wohl weiter, weil dort, wo institutionelle Investoren dem Publikum die Kapitalanlage abnehmen, Nachhaltigkeitskriterien eine zunehmend wichtige Rolle spielen. Das Vermögen von Fonds mit Nachhaltigkeitsmerkmalen ist hierzulande zwischen Anfang des Jahrzehnts und dem Ende des ersten Halbjahrs 2025 von 491 Milliarden auf 1210 Milliarden Euro gestiegen. Wer nicht zwischen Privatkunden und institutionellen Investoren unterscheidet, wird hinter den Zahlen einen Boom vermuten. Doch der Anstieg hatte auch mit der Umklassifizierung von Fonds zu tun. Und der Anteil der Publikumsfonds stagniert oder war zuletzt sogar rückläufig. Das Neugeschäft leidet darunter, dass sich die Stimmung im Hinblick auf Nachhaltigkeit global verschlechtert hat. Und darunter, dass Rüstungsunternehmen zu den großen Gewinnern der neuen geopolitischen Lage seit dem russischen Angriff auf die ­Ukraine im Februar 2022 zählen. Nach Zahlen von Morningstar Direct hat sich der Anteil der Luft-/Raumfahrt- und Rüstungsindustrie in herkömmlichen Investmentfonds im halben Jahr nach Ende 2024 von zwei auf 3,6 Prozent erhöht. Sogar Artikel-acht-Fonds mit Nachhaltigkeitskriterien und Artikel-neun-Fonds mit Nachhaltigkeitsfokus bauten den Anteil aus: von 0,8 auf 1,3 Prozent sowie von null auf 0,2 Prozent. Dennoch stieg in der Jahresumfrage des Forums Nachhaltige Geldanlagen der Anteil der Anbieter, die sämtliche Waffen ausschlossen, von 60 Prozent vor dem Krieg auf 72 Prozent. „Trotz der Debatte hat kein Umdenken der Assetmanager stattgefunden“, sagt Verena Menne, Geschäftsführerin des Forums. Im Zentrum steht nun, wie die Transformation finanziert wird Eine Erkenntnis hat sich zunehmend unter den Marktteilnehmern durchgesetzt: Es nützt nicht viel, wenn Investoren nur Unternehmen unterstützen, die den Umbau schon hinter sich haben. „Der größte Nutzen für die Welt entsteht, wenn nicht nachhaltige Geschäftsmodelle nachhaltig werden“, sagte Ökoworld-Geschäftsführer Oliver Pfeil dieser Zeitung im Spätsommer. Der Kapitalmarkt sei ein wirksames Instrument, um den Wandel voranzutreiben. Dafür müssten Geldgeber und Unternehmen in einen intensiven Dialog einsteigen. Wie gut das gelingt, lässt sich Jahr für Jahr im „Point of no Returns“-Report der Initiative Shareaction nachlesen. Dieser bewertet die Nachhaltigkeitsperformance von Vermögensverwaltern gemessen an 20 selbst aufgestellten Mindeststandards. Es sei schockierend, wie wenig verantwortlich große Investoren anlegten. „Unsere Untersuchung zeigt, dass die meisten großen ­Akteure am Markt daran scheitern, verantwortungsvoll anzulegen, dass sie weiterhin den Weg bereiten für eine Ausweitung fossiler Brennstoffe, Naturverlusten und der Verbreitung kontroverser Waffen“, heißt es in dem Bericht. Als Mittler träfen sie ihre unverantwortlichen Entscheidungen zum großen Teil mit dem Geld anderer Leute. Am besten kommen noch die niederländischen Gesellschaften Robeco und APG sowie die Franzosen Axa und BNP Paribas weg. Beste deutsche Vermögensverwaltung ist demnach Allianz Global Investors auf Platz sieben. Unternehmen, die Daten weitergeben, bekommen günstiger Kapital Auch wenn die europäischen Regeln entschärft worden sind, dürfte sich der Druck vonseiten der Aufseher weiter erhöhen. Mark Branson etwa, Präsident der Finanzaufsicht Bafin, ist der Auffassung, dass in den Bekenntnissen der Wirtschaft viel heiße Luft steckte. Er sehe den Klimawandel als eine relevante Risikokategorie, die mit zählbaren physischen Schäden in Verbindung steht. „Auf die Risiken zu schauen und auch auf die langfristigen Risiken, Verwundbarkeiten in der Finanzbranche zu erkennen, für professionelles Risikomanagement zu sorgen“ – das sei seine Aufgabe. Bafin, EZB und die Europäische Bankenaufsicht betreiben keine Umweltpolitik. Aber sie müssen dafür sorgen, dass das Risiko, das aus Biodiversitätsverlust und Erderwärmung erwächst, für Finanzunternehmen zu bewältigen ist. Und sie müssen die Risikomessung realistisch machen. „Es gibt Evidenz dafür, dass Unternehmen, die klarere Nachhaltigkeitsdaten weitergeben, schon mit geringeren Kapitalkosten und höheren Eigenkapitalbewertungen belohnt werden“, schreibt die MSCI-Analystin Laura Nishikawa in ihrem jüngsten Trendbericht. Es sei deshalb davon auszugehen, dass Real- und Finanzwirtschaft weiter versuchen werden, ihre Rechenschaft gegenüber Aufsehern zu optimieren. Sich darauf als Geldanleger einzustellen, kann also nicht verkehrt sein.