FAZ 23.11.2025
13:32 Uhr

Nach der Klimakonferenz: Die kleinen Botschaften von Belém


Die Klimakonferenz in Brasilien ist ohne wegweisende Beschlüsse zu Ende gegangen. Das muss kein Nachteil sein. Doch die Europäer müssen einiges für die Zukunft lernen.

Nach der Klimakonferenz: Die kleinen Botschaften von Belém

Neben der Weltklimakonferenz im brasilianischen Belém gab es in den vergangenen Tagen eine zweite Zusammenkunft, von der viel über die Zukunft der Klimapolitik zu lernen war: Der amerikanische Präsident Trump traf in Washington bei einer Investorenkonferenz auf Vertreter Saudi-Arabiens. Angesichts der Leidenschaft, mit der Trump und Mitglieder seiner Regierung gegen erneuerbare Energie wetterten und seine Gäste vom Golf Öl und Gas verkaufen, muss man sich nicht darüber wundern, dass fossile Freundschaft zele­briert wurde. Ein Wunder ist es auch nicht, dass in Belém mehr als 190 Staaten zwei Wochen lang versucht haben, gemeinsame Wege zu finden, wie der Klimawandel eingedämmt werden kann. Aber eine große Leistung ist es eben doch. Das sieht man schon daran, dass am Rand des Amazonasdeltas Russland und die Ukraine dieselben Beschlüsse mitgetragen haben. Die klimadiplomatischen Gemeinsamkeiten sind allerdings auch jenseits solcher Feindschaften schnell erschöpft. Etwa 80 Staaten wollten das Ende der Nutzung fossiler Energieträger konkretisieren, viele andere wollten das nicht. Die Beschlüsse sind deshalb wachsweich. Deren Bedeutung liegt in der Erkenntnis, dass es selbst die öl- und gasproduzierenden Staaten nicht für opportun halten, einer Klimakonferenz fernzubleiben oder sie komplett zu sabotieren. Die Klimadiplomatie muss sich ändern Leisten sich die Gegner der Abkehr von der herkömmlichen Energiestruktur diesen Luxus, weil sie die Beschlüsse von Klimakonferenzen nicht fürchten? Dagegen spricht, wie erbittert sie um jedes Wort kämpfen. Wer Prognosen aus der Zeit vor dem Pariser Abkommen im Jahr 2015 mit der Gegenwart vergleicht, kann nicht übersehen: Im Schatten des Abkommens sind die CO2-Emissionen langsamer gestiegen. Das ist nicht nur die Folge der Verhandlungen, aber auch. In dem Maß, wie Staaten ihrer Pflicht nachkommen und nationale Klimapläne vorlegen, signalisieren sie ihren Bürgern und Unternehmen, wohin die Richtung geht. Aber nun ignorieren immer mehr Staaten die Abgabetermine – ohne dass die versammelte Staatenwelt darüber in Belém besonders viel geredet hätte. Das zeigt: „Paris“ hat sich ein Stück weit überlebt. Die Klimadiplomatie muss sich ändern. Bislang ist nach Klimakonferenzen interessanter, was verhindert wurde, als das, was die Staaten beschlossen haben. Auf die Dauer ist das zu wenig für den Aufwand, eine UN-Zeltstadt aufzubauen. Vor allem aber wird es der Aufgabe nicht gerecht. Ohne dass die Staaten zusammenarbeiten, wird sich der Klimawandel nicht begrenzen lassen – daran, ihn zu verhindern, ist die Menschheit längst gescheitert. Das Debakel der Europäer Deshalb wird es künftig mehr um die Anpassung an unvermeidliche Folgen gehen müssen. Und auch darum, wer für die Kosten aufkommt. Als attraktives Migrationsziel kann Europa kein Interesse an einer globalen Destabilisierung haben, die umso heftiger sein wird, je höher die Durchschnittstemperaturen steigen. Anpassung ist aber nicht die Lösung allein. Nur wenn die Emissionen bald zu sinken beginnen, werden die Kosten noch beherrschbar bleiben. Am Amazonas versuchten die Brasilianer sich an einer Konferenz neuen Typs. Eigentlich sollte es weniger um neue Beschlüsse gehen als darum, die vorhandenen zu bekräftigen und einer Verwirklichung näher zu bringen. Entsprechend unübersichtlich waren die Gespräche. Das muss kein Nachteil sein. In einen Regenwaldfonds müssen nicht 194 Länder einzahlen, damit er funktioniert. Hätte Brasiliens Präsident Luiz Iná­cio Lula da Silva nicht vollmundig und wohl ohne Abstimmung mit anderen Staaten einen Zeitplan für ein Ende der Nutzung fossiler Energieträger ins Spiel gebracht, hätte der Plan einer Konferenz der kleinen Schritte aufgehen können. So haben sich mit ihm auch die Europäer blamiert, die auf einen Zug aufsprangen, der mangels anderer Mitreisender von Bedeutung ins Nirgendwohin losfuhr. Im abschließenden Plenum wurden Einwände der EU weggewischt wie die eines Querulanten. Im Saal dominierten Indien, Russland und Saudi-Arabien. China, der mit Abstand größte CO2-Emittent, schlug die Gelegenheit aus, eine aus europäischer Sicht konstruktive Rolle zu spielen. Manche meinten, China hätte viel für den Fahrplan übriggehabt, solange er eine freiwillige Initiative von Staaten geblieben wäre, an die Peking künftig noch mehr grüne Technik verkaufen könnte. Sich selbst binden wollten die Chinesen auf keinen Fall. Daraus folgt nicht, dass zwischen Europa und China gar keine Kooperation zugunsten des Klimas möglich ist. Ideen gibt es viele, zum Beispiel eine geringe Abgabe auf Öl und Gas, das weder in China noch auf der anderen Seite Eurasiens in großen Mengen vorhanden ist und anderen Staaten abgekauft werden muss. Aber noch einmal unvorbereitet sollten die Europäer nicht auf eine Klimakonferenz fahren. Viele Freunde haben sie nicht.