Die ersten Bahnfahrer steigen aufs Flugzeug um. Bis zu fünf Stunden statt bisher gut zweieinhalb dauert nun oft die Fahrt auf der Hochgeschwindigkeitsstrecke von Madrid nach Barcelona. Aus Sicherheitsgründen fahren die Züge statt 300 Kilometer in der Stunde auf einigen Streckenabschnitten nur noch 80, weil dort Schäden vermutet werden. Zwischen Madrid und Andalusien ist nach dem Unglück am 18. Januar mit 45 Toten immer noch kein direkter Zug unterwegs. Der verheerende Unfall hat Spanien in ein Bahnchaos gestürzt, das die linke Minderheitsregierung von Pedro Sánchez in Bedrängnis bringt. In Katalonien ruhte der Regionalverkehr nach einem tödlichen Unfall am vorletzten Dienstag fast eine Woche lang: Mehr als 30 Gefahrenpunkte entdeckte man in dem heruntergekommenen Netz der katalanischen „Rodalies“, die jetzt überwacht und ausgebessert werden. Betroffen ist auch der Güterverkehr, der den Hafen von Barcelona zeitweise nicht verlassen konnte. In Spanien fühlt man sich auf einmal nach Deutschland versetzt. Jahrzehntelang hatte der Ausbau des Hochgeschwindigkeitsnetzes Priorität. Gleichzeitig wurde offenbar der Erhalt der Infrastruktur vernachlässigt. In Andalusien stellte sich heraus, dass ein Teil der Schienen an der Unfallstelle mehr als 30 Jahre alt war. Als man danach begann, das restliche Netz genauer zu kontrollieren, stieß man auf immer mehr verdächtige Stellen; Lokführer und Fahrgäste klagten schon zuvor über auffälliges Holpern. Die Belastung der Schnellbahnkorridore ist gewachsen, seit dort auch die privaten Anbieter Iryo und Ouigo unterwegs sind. Mit dem Regionalverkehr brechen auch Sánchez' politische Brücken ein Die Bahnkrise kommt für Ministerpräsident Pedro Sánchez zu einem ungünstigen Zeitpunkt. In Aragón und Kastilien-León stehen im Februar und März Regionalwahlen an. Seiner sozialistischen PSOE drohen weitere Niederlagen wie im Dezember in der Extremadura. Mit mehreren politischen Initiativen wollte Sánchez, der im Parlament keine Mehrheit hat, zu Jahresbeginn seine Handlungsfähigkeit beweisen. Doch statt zum Weltwirtschaftsforum nach Davos musste er an den Unglücksort Adamuz in Andalusien reisen. Nun stellte die Bahnkrise auch die beschlossene Legalisierung der Aufenthaltstitel Hunderttausender Migranten in den Schatten. Die rechte Opposition und die katalanischen Separatisten fordern den Rücktritt von Verkehrsminister Óscar Puente, einem der wichtigsten Vertrauten von Sánchez. Besonders in Katalonien ist der Unmut groß. Dorthin hatte der Sozialist seit dem gescheiterten Unabhängigkeitsreferendum versucht, politische Brücken zu bauen – mit einer Amnestie, viel Geld aus Madrid und mehr Kompetenzen für die katalanische Regionalregierung. Aber der Zusammenbruch des Regionalverkehrs, den ein schlimmes Unwetter verursacht hatte, war ein Zeichen für viele, wie wenig in Wirklichkeit geschehen sei. Im Jahr 2025 war rund ein Viertel der Züge, die jeden Tag rund 400.000 Menschen nutzen, nicht einsatzfähig; in nur einem halben Jahr häuften sich 1500 Stunden Verspätung an. Es sei „lächerlich“, wie wenig von den insgesamt 16 Milliarden Euro, die sozialistische und konservative Regierungen in den vergangenen 15 Jahren Katalonien für die Modernisierung der Regionalbahn versprochen hatten, dort wirklich angekommen seien, schreibt die Zeitung „La Vanguardia“. Unter Sánchez floss nur rund die Hälfte der zugesagten Gelder. Verkehrsminister Puente gestand ein, dass die Rodalies unterfinanziert seien, und verspricht Besserung. Nicht nur für katalanische Separatisten ist die heruntergekommene Regionalbahn zum Inbegriff dafür geworden, wie schlecht Madrid ihre Region behandele. Eine katalanische Hauptforderung hat die Regierung Sánchez allerdings erfüllt: Die Regionalregierung in Barcelona ist künftig für die Rodalies zuständig. Die Übertragung der Zuständigkeit führte jedoch zu einem Durcheinander der Kompetenzen, das die jüngste Krise noch verstärkte. Die katalanische Frustration ist für Sánchez gefährlich. Spätestens 2027 wird ein neues Parlament gewählt. Ohne Katalonien hat seine PSOE keine Chance. Bei der letzten Wahl 2023 kamen von dort 19 sozialistische Abgeordnete.
