FAZ 24.02.2026
13:36 Uhr

Nach dem Olympiasieg: „Irgendjemand bekommt jetzt einen bärenstarken Anschieber“


Mit zwei Goldmedaillen im Bobsport hat sich Modellathlet Georg Fleischhauer den Traum von den Olympischen Spielen erfüllt. Weil Erfolgspilot Johannes Lochner seine Karriere beendet, ist er nun auf dem Markt.

Nach dem Olympiasieg: „Irgendjemand bekommt jetzt einen bärenstarken Anschieber“

Die Angst hatte sich während der Saison eingeschlichen: dass es aus irgendeinem Grund wieder nicht klappen könnte mit den Olympischen Spielen. Als Leichtathlet musste Georg Fleischhauer sich damit abfinden. Verletzungen und Krankheiten warfen den deutschen Meister über 400 Meter Hürden in den entscheidenden Momenten zurück. Der gebürtige Halberstädter, der seit 2014 auf der Tartanbahn für Eintracht Frankfurt startet und auch drei Jahre lang am Main übte, wollte das nicht wahrhaben. Er klammerte sich weiter an diesen Traum, als viele ihm den Sprung zum Großereignis längst nicht mehr zutrauten. Am Sonntagabend stand der Siebenunddreißigjährige bei den Olympischen Winterspielen in Cortina d’Ampezzo mit leuchtenden Augen im Deutschen Haus. Seine Stimme war heiser geschrien, als er von den Ereignissen des Tages berichtete. Noch bevor der Viererbob mit dem Piloten Johannes Lochner an den Lenkseilen am Nachmittag zum vierten und letzten Mal die Ziellinie im „Sliding Centre Eugenio Monti“ überquerte, hatte die Crew darin zu jubeln angefangen. Sie wusste schon wenige Kurven vor dem Ende, dass ihr die Goldmedaille nicht mehr zu nehmen war. Für Fleischhauer und seinen Teamchef war es bereits die Zweite nach dem Triumph im Zweier wenige Tage zuvor. Georg Fleischhauer: „Das ist der Wahnsinn!“ „Das ist der Wahnsinn!“, kommentierte der Anschieber. Er habe sich doch früher einfach nur gewünscht, an dem alle vier Jahre stattfindenden Großereignis teilzunehmen; jetzt zählt er zu den Gewinnern. „Ich bin so dankbar dafür, dass ich diese Möglichkeit bekommen habe“, sagte Fleischhauer. Unter seinem engen Anzug trug er im Wettkampf ein Bild von sich als Kleinkind mit seiner 2022 verstorbenen Mutter, der er das Edelmetall widmete. Um seine Qualifikation hatte er diesmal nicht zittern müssen, auch wenn er durch frühere Enttäuschungen gewarnt blieb: Lochner brauchte und wollte den Modellathleten beim Brettern durch die Eisrinne hinter sich. „Es gibt nicht viele Rennen von uns zusammen, die wir nicht gewonnen haben“, sagte der Berchtesgadener. „Wenn Georg auf dem Schlitten sitzt, weiß ich, dass wir siegen.“ Dieses Gefühl der Sicherheit half dem zweifachen Gesamtweltcupsieger auch in den Dolomiten, das schwere Fahrzeug so souverän durch die Bahn zu manövrieren, dass der viermalige Olympiasieger Francesco Friedrich sich mit zweimal Silber begnügen musste. Der Zufall führte ihn mit Lochner zusammen Das hätte auch anders aussehen können, denn es war Friedrichs eigener Trainer Gerd Leopold, der Fleischhauer 2019 zum Wechsel in den Bobsport motivierte. Der Pirnaer selbst allerdings wollte ihn nicht im Team. Der Zufall führte den Übriggebliebenen mit Lochner zusammen. Der Bayer suchte 2022 verletzungsbedingt Ersatz für die Überseetour. In Lake Placid gelang den beiden im Zweier der erste Weltcup-Sieg. In der gleichen Saison wurden sie Weltmeister und Gesamtweltcupsieger. Einem späteren Abwerbeversuch Friedrichs, den der Rekordweltmeister selbst als „Perspektivgespräch“ bezeichnete, widerstand Fleischhauer. „Ich wusste, Hansi hört auf, wenn ich weggehe“, erzählt er. Das Vertrauen, das er seinem Vordermann schenkte, schweißte die beiden noch enger zusammen. Die Mission Gold in Italien wurde ausgerufen. Die jetzt vergangene Saison erlebte Fleischhauer wie im Rausch: „Wir hatten so viel Spaß im Team, obwohl wir so viel gearbeitet haben“, sagt der Teilzeitsportler, der im Hauptberuf als Wirtschaftsingenieur tätig ist. Allerdings ist es mit dieser Wettkampfgemeinschaft nun vorbei. Lochner beendet seine Karriere auf dem Höhepunkt, Fleischhauer, obwohl zwei Jahre älter, hat das noch nicht vor. „Irgendjemand in Deutschland bekommt jetzt einen bärenstarken Anschieber“, sagt Lochner. Angebote würden angenommen, aber es werde schwer sein, ein Team mit ähnlich guter Stimmung zu finden, glaubt Fleischhauer. Jörn Wenzel, der bislang bei Lochner in der Mitte saß, will sich als Pilot versuchen. Vielleicht steige er bei ihm ein, sagt Fleischhauer. Geschmeidiger Modellathlet Für einen ganzen Olympiazyklus will er nicht planen. „Ich schaue von Jahr zu Jahr.“ Dass er noch immer so fit sei, als Stärkster seiner Zunft gilt, verdanke er der Basis, die er sich einst für den Hürdenlauf angeeignet habe. Zudem wisse er, was genau er brauche, um schnell zu sein. Muskeln allein genügten nicht, „du musst auch geschmeidig sein, um in den Bob zu schlüpfen“. Elegant faltet der 1,95 Meter große Sportler dafür seinen Körper zusammen. Das Ergebnis jahrelangen Schindens stellt er enthüllt im Internet bei OnlyFans zur Schau, einer Plattform, auf der die User für den exklusiven Zugang zahlen. Dass die Eintracht nun selbst eine Bobabteilung hat mit drei Olympiateilnehmern, von denen Pilot Adam Ammour im Zweier zu Bronze fuhr, gefällt Fleischhauer, der im Winter für den SV Motor Babelsberg startet. Hätte es das bereits zu seiner Zeit in Hessen gegeben, „wäre ich vielleicht früher zum Bobsport gekommen“. Aber auch als Spätstarter hat es für ganz oben gereicht, und Fleischhauer fühlt sich sogar noch rüstig genug für einen weiteren Neuanfang. „Vielleicht versuche ich noch mit einer dritten Sportart, 2028 nach Los Angeles zu kommen“, sagt er. Welche das sein könnte, will er nicht verraten.