Elnaz Shakerdoost will nicht mehr Teil des iranischen Kinobetriebs sein. Die prominente Schauspielerin hat auf Instagram bekannt gegeben, dass sie „in einem Land, das nach Blut riecht, nie wieder eine Rolle annehmen wird“. In Teheran findet gerade das alljährliche Fajr-Filmfestival statt. Das Regime würde es gern als Gelegenheit nutzen, um nach dem staatlich orchestrierten Massaker an Tausenden Demonstranten eine Fassade der Normalität zu errichten. Daran will Shakerdoost nicht mitwirken. Sie habe einen Fiebertraum gehabt, schreibt sie: „Plötzlich klingelt das Telefon, und eine Stimme am anderen Ende der Leitung sagt: Sie haben den Simorgh-Preis gewonnen. Ihr Spiel war brillant.“ Diese Vorstellung sei ihr angesichts der „furchtbaren, verbrecherischen, historischen Tragödie“ so unerträglich, dass sie sich für eine „neue Hauptrolle“ entschieden habe: die Verweigerung. Als Datum ihrer Mitteilung notiert sie: Blutiger Winter 1404 (2026). So wie die Schauspielerin geben derzeit viele Iraner ihrer Wut, Abscheu und Fassungslosigkeit über die blutige Niederschlagung der Proteste Ausdruck. Trotz aller Einschüchterung durch das Regime. „In jedem anderen Land würden Regierungsmitarbeiter vor lauter Scham sterben oder aus Ehrgefühl Selbstmord begehen“, sagte die Journalistin Parisa Hashemi in einer Pressekonferenz der Regierungssprecherin. „Normalisierung des massenhaften Todes“ Zwei Fußballnationalspielerinnen gaben ihren Rücktritt aus der Nationalmannschaft bekannt. „Ich kann nicht so tun, als wäre alles normal“, schrieb Kowsar Kamali. Ihre Teamkollegin Zahra Alizadeh teilte mit, das Team sei für sie immer ein Symbol des Stolzes gewesen, aber jetzt seien die Menschen des Landes ihre Priorität. Viele Berufsverbände melden sich zu Wort, um dem offiziellen Narrativ von dem angeblich von außen gesteuerten „Putschversuch“ zu widersprechen. „Keine politische oder militärische Lage kann ein solches Ausmaß an menschlichem Leid rechtfertigen“, schreibt die Vereinigung der Soziologen. „Die Normalisierung des massenhaften Todes und die Fortsetzung der Gewaltspirale wird verheerende langfristige Konsequenzen für das gesellschaftliche Vertrauen, die menschliche Sicherheit und die Möglichkeit einer friedlichen Koexistenz haben.“ Eine Gruppe von Augenärzten fordert offen, jene Regimekräfte strafrechtlich zu verfolgen, die mit gezielten Schüssen auf die Augen allein in Teheran mehr als tausend Demonstranten blind gemacht haben. Eine Gruppe von Arbeitern, die nach eigenen Angaben in der strategisch wichtigen Ölindustrie arbeiten, verkündete anonym: „Ein Regime, das massenweise tötet, um an der Macht zu bleiben, wird nicht länger in der Lage sein, die Gesellschaft zu regieren.“ Regierungsvertreter: Die Leute sind extrem wütend Längst wächst die Sorge im Machtapparat, dass der Hass auf das Regime die Angst vor neuen Repressionen überflügeln könnte. So jedenfalls haben sich mehrere iranische Regierungsvertreter gegenüber der Nachrichtenagentur Reuters geäußert. „Die Leute sind extrem wütend“, zitiert die Agentur eine Quelle. „Die Mauer der Angst ist zusammengebrochen.“ Es gebe die Befürchtung, dass amerikanische Militärschläge die Menschen zu einem Aufstand ermutigen könnten, der das Regime zu Fall bringen könnte. Diese Einschätzung habe man auch Ali Khamenei, dem Obersten Führer, mitgeteilt, berichteten mehrere Regierungsvertreter der Agentur. Über Khameneis Antwort wollten sie nichts sagen. Dass sich iranische Regierungsmitarbeiter überhaupt in dieser Weise gegenüber ausländischen Medien äußern, lässt vermuten, dass sie mit dem Kurs des Regimes nicht einverstanden sind. Womöglich fürchten sie, auf der falschen Seite der Geschichte zu stehen. Gleich nach dem Massaker vom 8. und 9. Januar gab es in der Regierung Forderungen, den Chef des in der Bevölkerung verhassten Staatsfernsehens auszutauschen und im Programm der Wut und Trauer in der Bevölkerung Raum zu geben – damit sie nicht zum Keim für neue Proteste werden. Stattdessen hat der Sender am Sonntag Öl ins Feuer gegossen. In einer Satiresendung machte sich ein Moderator lustig über die Aussage eines Regimegegners, wonach die Behörden Leichen versteckten, um sie später als Opfer amerikanischer und israelischer Angriffe auszugeben. „Was glauben Sie, in welcher Art von Kühlschrank die Islamische Republik die Leichen aufbewahrt?“, fragte er das Publikum und gab vier Antworten zur Auswahl, darunter Eiscrememaschinen und Supermarktkühltruhen. Nicht das erste Mal, dass Opfer verhöhnt werden Es war nicht das erste Mal, dass die Opfer verhöhnt wurden. Viele Angehörige haben berichtet, dass sie tagelang darum kämpfen mussten, die Leichen ihrer Kinder zu bekommen. Manche mussten „Kugelgeld“ zahlen und wurden vom Geheimdienst bedrängt, auf Trauerzeremonien zu verzichten oder ihre toten Kinder als Milizionäre auszugeben. Zur allgemeinen Entrüstung über die Satiresendung trug der Umstand bei, dass Leichen laut Augenzeugen tatsächlich in Kühlcontainern gestapelt wurden, die normalerweise dem Transport von Lebensmitteln dienen. Die Kritik wurde so laut, dass die Justiz rechtliche Schritte gegen den Moderator ankündigte. Die Sendung wurde abgesetzt, der Intendant des Kanals entlassen. Mit solchen kosmetischen Schritten versucht die Regierung, die Bevölkerung zu besänftigen. Aus diesem Grund hat sie auch eine Liste mit Namen von knapp 3000 Toten veröffentlicht, während Menschenrechtler bereits doppelt so viele Namen von Getöteten zusammengetragen haben. Mehrere Zeitungen haben die offizielle Namensliste auf ihrer Titelseite gedruckt. Selbst an dieser Geste gab es Kritik aus den Reihen der Hardliner. Sie echauffierten sich darüber, dass die Liste nicht zwischen getöteten Regimekräften und angeblichen „Mossad-Agenten“ unterscheide. Neben der Wut über das Massaker wächst die wirtschaftliche Not der Bevölkerung, die die Proteste im Dezember entfacht hatte. Die Inflationsrate ist auf 60 Prozent gestiegen, die Teuerung von Lebensmitteln teils auf 90 Prozent, und der Wert der Währung Rial hat einen neuen Tiefstand erreicht. Nichts davon hat den iranischen Führer dazu veranlasst, seinen Kurs zu ändern. Khamenei macht keine Anstalten, den wachsenden Graben zwischen der Bevölkerungsmehrheit und der schwindenden Zahl seiner Anhänger zu überbrücken. In einer Rede am Sonntag beschrieb er die Demonstranten kollektiv als Aufrührer, die Banken, Moscheen und Regierungsgebäude attackiert hätten. „Es war nicht der erste Aufstand in Teheran, und es wird nicht der letzte bleiben“, sagte er unbeirrt.
