FAZ 21.01.2026
15:49 Uhr

Nach dem Blutbad: Wie Irans Justiz Angst verbreitet


Irans Justiz geht gegen Prominente vor, die sich mit den Demonstranten solidarisiert haben. Damit will sie die Gesellschaft weiter einschüchtern.

Nach dem Blutbad: Wie Irans Justiz Angst verbreitet

Das iranische Regime scheint an Mohammad Saedinia ein Exempel statuieren zu wollen. Der Unternehmer ist in Iran ein bekannter Mann, weil er einer der führenden Produzenten der populären traditionellen Süßigkeit Sohan ist. Saedinia ist über 80 Jahre alt, sein Vermögen beträchtlich. Laut der Justizbehörde seiner Heimatstadt Qom wurde er im Zusammenhang mit den jüngsten Protesten festgenommen. Ihm werde vorgeworfen, „Leute zu Unruhen und Aufruhr aufgerufen“ zu haben. Auch seien seine Konten eingefroren und sein Unternehmen geschlossen worden. Ein Verfahren sei eingeleitet worden, um seinen gesamten Besitz unter staatliche Kontrolle zu stellen. Saedinia gehörte unter anderem die noble Autobahnraststätte Mehr-o-Mah in Qom, die für viele Iraner ein fester Bestandteil einer Reise aus dem Süden nach Teheran ist – auch um Sohan zu kaufen. Die Nachrichtenagentur Tasnim, die von der Revolutionsgarde kontrolliert wird, vermerkte dazu spitz: Der Umfang seines Vermögens entspreche „dem Schaden, der durch die Unruhen in Teheran entstanden ist“. Eine klare Botschaft in Richtung Wirtschaftselite Saedinias Vergehen bestand offenbar darin, dass auf dem Instagram-Kanal seines Unternehmens eine Mitteilung verbreitet wurde, wonach am 9. und 10. Januar alle Cafés, Geschäfte, Fabriken und Büros des Unternehmens geschlossen bleiben würden. Dazu der Hashtag „Wir stehen auf eurer Seite“. Am 9. und 10. Januar waren nach einem Aufruf des früheren Kronprinzen Reza Pahlavi Zehntausende Iraner gegen das Regime auf die Straße gegangen. Von der Mitteilung existieren nur noch Screenshots, weil es sich um eine selbst löschende Nachricht handelte. Die Festnahme Saedinias dürfte eine klare Botschaft in Richtung Wirtschaftselite senden. Auch Prominente sind ins Visier der Justiz geraten. Die Teheraner Staatsanwaltschaft hat nach eigenen Angaben Verfahren gegen 15 Spitzensportler und Schauspieler eröffnet sowie gegen zehn Unterzeichner einer Erklärung der Filmindustrie. Darin heißt es: „Gewalt gegen verzweifelte protestierende Bürger ist weder legitim noch legal noch rational.“ Zu den Sportlern, von denen bekannt ist, dass sie sich mit den Protesten solidarisierten, gehört der frühere Kapitän und jetzige Trainer des Fußballvereins Esteghlal, Voria Ghafouri. Außerdem wurde die Zeitung „Ham-Mihan“ zwangsweise eingestellt, unter anderem wegen eines Artikels über das Eindringen von Regimekräften in ein Krankenhaus in der Provinz Ilam zu Beginn der Proteste. Geschrieben hatte den Text die Journalistin Elahe Mohammadi, deren Berichterstattung schon zu Beginn der Frau-Leben-Freiheit-Bewegung von 2022 eine Rolle gespielt hatte. Sie hatte aus dem Krankenhaus über den Tod von Jina Mahsa Amini berichtet, die zuvor von der Sittenpolizei misshandelt worden war. Dafür verbrachte sie 17 Monate im Gefängnis. Am Dienstag schrieb sie auf der Plattform X, sie habe trotz anhaltender Internetsperre sporadisch Zugang zum Internet. „Wir verkünden, dass wir noch leben. Die Stadt riecht nach Tod.“ Sie und ihre Kollegen bei „Ham-Mihan“ hätten tagelang versucht, über die Toten und Verletzten, die Situation in den Krankenhäusern, Leichenschauhäusern und auf den Friedhöfen zu berichten. Offenbar, das schreibt sie nicht, wurde die Veröffentlichung solcher Berichte aber vom Staat unterbunden. Weiter schreibt sie: Das Land sei „wütend und untröstlich“.