Während der Proteste in Iran haben Kräfte des Regimes offenbar etliche verletzte Demonstranten aus Krankenhäusern verschleppt. Das hat ein Arzt aus einer Teheraner Augenklinik der F.A.Z. nun bestätigt. „Zu uns kamen Familien, die fragten, ob wir zu ihnen nach Hause kommen könnten, um ihre Kinder zu operieren. Sie hatten Angst vor Festnahmen“, schreibt er in einer Textnachricht. Die Krankenhausleitung habe allen versichert, dass Patientendaten nicht weitergegeben würden. „Aber die Sicherheitsabteilung (des Krankenhauses) hat in einer Sitzung beschlossen, alle Informationen an sich zu nehmen.“ In der Nacht auf den 10. Januar seien dann bewaffnete Kräfte ins Krankenhaus eingedrungen. „Sie haben einige Verletzte mitgenommen. Sie sagten, wenn eine weitere Behandlung nötig sei, würden sie das selbst übernehmen. Was mit diesen Menschen passiert ist, wissen wir nicht.“ Außerdem seien Sicherheitskräfte in Zivil im Krankenhaus stationiert worden. „Sie sind noch immer hier“, schreibt der Arzt am Mittwoch. Er hat etlichen Patienten Schrotkugeln aus dem Gesicht operiert und sagt: „Es war klar erkennbar, dass sie beschossen wurden, um sie erblinden zu lassen; alle mit demselben Waffentyp.“ Unter den Patienten, die ihr Augenlicht verloren, sei ein dreijähriges Mädchen gewesen. „Es bricht einem das Herz“, schreibt der Mann. Die UN-Sonderberichterstatterin für Iran, Mai Sato, hat bestätigt, dass ihr viele Berichte über Festnahmen in Krankenhäusern vorlägen. Ein Arzt wird gewaltsam festgenommen Manche Ärzte haben sich offen mit den Demonstranten solidarisiert und sind dabei selbst große Risiken eingegangen. Zu ihnen gehört der Chirurg Alireza Golchini aus Qazvin, einer Stadt 120 Kilometer nordwestlich von Teheran. Einen Tag vor den Massenprotesten veröffentlichte er am 7. Januar eine Mitteilung auf Instagram. Verletzte Demonstranten könnten sich über eine Hotline melden, wenn sie anonym behandelt werden wollten. Auch seine private Telefonnummer veröffentlichte er. Drei Tage später wurde Golchini in seinem Haus gewaltsam festgenommen. „Sie haben ihm den Arm und ein paar Rippen gebrochen“, sagt sein Cousin Nima Golchini, der in Kanada lebt. Neun Polizisten seien an der Festnahme beteiligt gewesen. Es war nicht das erste Mal, dass der Chirurg Demonstranten anonym behandelt hat. „Wir helfen euch wie schon 2022“, schrieb er auf Instagram – ein Verweis auf die damalige Frau-Leben-Freiheit-Bewegung. Damals habe er die Verletzten teilweise durch Seiteneingänge eingeschleust und bis zur Entlassung im Operationssaal behalten, um zu verhindern, dass ihre Namen registriert oder sie im Krankenhaus festgenommen würden, erzählt der Cousin am Telefon. Das habe dem Arzt damals seinen Job in einem staatlichen Krankenhaus gekostet. Seitdem arbeite er für eine Privatklinik. Golchini sei inzwischen in ein Gefängnis in Teheran verlegt worden, von wo aus er am 12. Januar für wenige Sekunden seine Familie habe anrufen können. Der Cousin fürchtet, dass seinem Verwandten die Todesstrafe drohe. Die Familie sei aber bislang nicht über eine Anklage informiert worden. Nach Angaben von Menschenrechtlern ist Golchini einer von mindestens acht Ärzten, die wegen ihres Engagements für Patienten festgenommen wurden. Die Zahl der Ärzte, die Operationen in Privathäusern vornahmen, dürfte aber viel höher sein. Ein Augenzeuge, der Iran inzwischen verlassen hat, sagte der F.A.Z., er habe einen verletzten Freund am 9. Januar in ein Teheraner Krankenhaus gebracht. Dort seien Röntgenaufnahmen von Schrotkugeln in seinem Bein gemacht worden, ohne dass ihre Namen registriert wurden. Für die Operation sei ein Arzt in die Privatwohnung des Freundes gekommen, um ihn nicht der Gefahr einer Festnahme auszusetzen. „Leider konnten sie nur vier oder fünf der Kugeln entfernen. Der Rest steckt noch in seinem Körper.“ Immer mehr Kühlcontainer mit Leichen Der Mann hat am 10. Januar auch einige Stunden im Teheraner Leichenschauhaus Kahrizak verbracht, das zum Symbol für die hohe Zahl der Opfer geworden ist. Er habe einen Mitarbeiter begleitet, der die Leiche seines Sohnes abgeholt habe. Ein Bild hat sich ihm besonders eingeprägt: die großen Kühlcontainer einer bekannten Logistikmarke, in denen normalerweise Lebensmittel transportiert werden. Sie brachten Leichen. „Es kamen immer neue Container, einer nach dem anderen.“ Am Nachmittag wurde der Sohn des Mitarbeiters auf dem Friedhof Behescht-e Zahra im Süden der Stadt begraben. Im Abschnitt 325, wie er sagt. Zur selben Zeit hätten dort Dutzende weitere Beerdigungen stattgefunden. Bei vielen seien Protestparolen gerufen worden, sagt der Mann, der sich zum Zeitpunkt des Gesprächs in Istanbul aufhält. Ein Satz, der in sozialen Medien im Moment häufig zu lesen ist, lautet: „Sepehr, wo bist du?“ Der verzweifelte Ruf eines Vaters stammt aus einem Video, in dem ein Mann minutenlang zwischen schwarzen Leichensäcken in Kahrizak umherirrt. Der Satz wurde so wirkmächtig, dass das Staatsfernsehen einen Bericht über einen getöteten Jugendlichen namens Sepehr zeigte, der angeblich der regimetreuen Basidsch-Miliz angehörte. Es ist einer von vielen Versuchen des Regimes, die blutige Niederschlagung der Proteste als das Werk von „Terroristen“ darzustellen, die angeblich vom israelischen Geheimdienst Mossad und der CIA ausgebildet wurden. Das Narrativ ermöglicht den Staatsmedien, selbst über die Opfer zu berichten, deren Zahl so hoch ist, dass man sie nicht leugnen kann. So bestätigte der Chefarzt der Teheraner Farabi-Augenklinik in einem Interview mit der staatlichen Nachrichtenagentur Isna, dass tausend seiner Patienten ein oder beide Augen verloren hätten. Die eigentliche Opferzahl könnte 20.000 übersteigen Das Menschenrechtsnetzwerk HRANA hat inzwischen 6126 Tote namentlich verifiziert, darunter 5777 Demonstranten. Zugleich würden Hinweise auf mehr als 17.000 weitere Todesfälle geprüft, teilte HRANA am Dienstag mit. Die eigentliche Opferzahl könnte also 20.000 übersteigen. Die Verifizierung wird durch die anhaltende Internetblockade erschwert. Mithilfe spezieller Software lässt sie sich aber inzwischen überwinden. Derweil wächst der Unmut über die wirtschaftlichen Folgen der Internetsperre – selbst in regierungsnahen Kreisen. So schrieb der Sohn des iranischen Präsidenten, Youssef Peseschkian, auf Telegram, die Gefahr, dass die fortgesetzte Internetsperre Unzufriedenheit schüre und den Graben zwischen der Bevölkerung und der Regierung vertiefe, sei groß. „Diejenigen, die bisher noch nicht unzufrieden waren, könnten zur Liste der Unzufriedenen hinzukommen.“ Offenbar fürchtet das Regime, dass seine Unterstützerbasis bröckelt. Der Präsidentensohn schrieb weiter: „Das Internet abzuschalten, löst gar nichts. Es vertagt nur das Problem.“ Die Sicherheitsdienste fürchten nach seinen Worten die Verbreitung von Videos, auf denen die Gewalt zu sehen sei. Falls sie Fehler gemacht hätten, müsse das adressiert werden, forderte Peseschkian Junior. Das Ministerium für Telekommunikation beziffert den wirtschaftlichen Schaden der Internetsperre auf umgerechnet 30 Millionen Euro am Tag. Am Dienstag wurde verkündet, dass ausgewählte Unternehmen begrenzten Zugang zum Internet erhielten. Das geht den Geschäftsleuten offenbar längst nicht weit genug. Der Chef der iranisch-chinesischen Handelskammer, Majid-Reza Hariri, ließ sich mit der Aussage zitieren, der Zugang sei auf 20 Minuten täglich begrenzt – und nur in Anwesenheit eines Aufsehers erlaubt.
