Die Lebenshilfe Gießen wird in der Zukunft nicht mehr auf dem Hessenhallen-Gelände der Messegesellschaft ausstellen. Der mit gut 1900 Beschäftigten drittgrößte Arbeitgeber im Landkreis Gießen kehrt nach eigenen Angaben der Messe komplett den Rücken. „Grund ist die Irritation und Enttäuschung über die Entscheidung der Messegesellschaft, ihre Hallen ohne Not und rechtliche Verpflichtung für die Gründung der Jugendorganisation der AfD Ende November 2025 vermietet zu haben“, teilt die Lebenshilfe. Auch „das ignorante Verhalten der Geschäftsführung vor und nach der Veranstaltung“ habe jetzt zu der Entscheidung geführt. Zuletzt nahm die Lebenshilfe ebenso wie etwa die Stadt und die Stadtwerke Gießen, die Industrie- und Handelskammer und das Uniklinikum an der Berufsbildungsmesse „Chance“ teil. Die Messe Gießen hatte die Hessenhallen an die AfD für die Gründung der neuen Jugendorganisation der in Teilen rechtsextremen Partei vermietet. Nach Bekanntwerden hielt sie trotz vielstimmiger Kritik aus Politik, Gesellschaft und Wirtschaft an der Vermietung fest. Sie berief sich auf das angebliche Gebot, „diskriminierungsfrei“ vermieten zu müssen. Gleichlautend hatte sich das Unternehmen schon rund um das zweimal in Gewaltexzesse gemündete Eritrea-Festival geäußert. Der Gießener Rechtswissenschaftler Steffen Augsberg widersprach allerdings der Messe. Die von der Messe angesprochene Pflicht gelte dem Parteiengesetz zufolge nur für die Träger öffentlicher Gewalt. Dazu gehörten die Kommunen und deren Beteiligungen und Eigenbetriebe – nicht aber private Gesellschaften. „Die Messe hätte sagen können: Wir machen das nicht“, sagte Augsberg der F.A.Z. Konzertagentur verabschiedete sich als Erste von der Messe Gießen Gleichwohl hielt die Messe an ihrer Linie fest und beklagte sich in einer Stellungnahme unter anderem über kritische Fragen von Medien. Dazu zählte ausdrücklich die Frage: „Wieso lehnen Sie die AfD nicht wie die Arena in Wetzlar ab?“ Und: „Eine objektive Aufarbeitung unserer Rolle findet nicht statt“, hieß es in einem sogenannten offenen Brief. Andererseits ließ das Unternehmen einen Fragenkatalog der F.A.Z. unbeantwortet. Der „Gießener Allgemeinen“ erging es nach eigener Darstellung ebenso. Die überregional tätige Konzertagentur Bahl mit Sitz in Pohlheim nahe Gießen reagierte frühzeitig auf das Verhalten der Messe und kündigte das zwei Jahrzehnte bestehende Vertragsverhältnis auf und verlegte die „Eisheilige Nacht“ in die Arena nach Wetzlar. „Als Veranstalter wollen wir auch Haltung für Demokratie, Vielfalt und gesellschaftlichen Zusammenhalt zeigen, insbesondere wenn Entscheidungen getroffen werden, die das Klima in Stadt und Region berühren oder sogar gefährden“, teilte die Agentur mit. Gegen die Gründung der neuen AfD-Jugendorganisation demonstrierten gut 25.000 Menschen. Die allermeisten taten dies friedlich. Sie waren unter anderem einem Aufruf eines breiten Bündnisses gefolgt, das von der Linkspartei bis zur FDP reichte und die Jüdische Gemeinde und die Omas gegen rechts ebenso umfasste wie Gewerkschaften, Kirchen und muslimische Vertreter. Auch die Lebenshilfe unterstützte den Aufruf. „Wir setzen uns täglich für Menschen mit und ohne Behinderungen ein und engagieren uns für ein demokratisches Miteinander, in dem Ausgrenzung, Menschenfeindlichkeit und extremistische Ideologien keinen Platz haben“, erklärte das Geschäftsführungsteam aus Linda Hauk, Jennifer Seidler und Dirk Oßwald. Die AfD dagegen bezeichne Inklusion in ihren Programmen als „ideologisch motiviert“ und als „Ideologieprojekt“, das beendet werden müsse. Insofern betreffe die Vermietung an die AfD durch die private Messe „die Rechte, die Würde und die Zukunft der Menschen, für die wir arbeiten“. Bevor nun kurzfristig Verträge für die Berufsbildungsmesse „Chance 2027“ oder andere Formate abgeschlossen würden, brauche es ein klares Signal auch der Gießener Wirtschaft. Die Lebenshilfe rufe alle anderen Akteure aus Wirtschaft und Verwaltung auf, ihrem Beispiel zu folgen. Sie weiß schon von anderen Unternehmen, die ebenfalls einen Rückzug in Betracht ziehen oder diesen bereits vorbereiten, wie es weiter heißt. Ein Sprecher der Messe Gießen meinte dazu: „Die gemachten Vorhaltungen sind falsch und der Boykottaufruf unbegründet.“ IHK sieht eine rechtliche Frage in Sachen Messe Gießen Wie aus den Reihen der Handwerker in Mittelhessen zu hören ist, plant mindestens eine Innung, wie die Lebenshilfe nicht mehr an der Berufsbildungsmesse in Gießen teilzunehmen. Im Handel sind Stimmen nach Konsequenzen zulasten der Messe laut geworden. Sie habe „Gießen zum wiederholten Male in eine Situation gebracht, die den Steuerzahler Millionen gekostet und die heimische Einzelhandelswirtschaft ins Chaos gestürzt hat. Die Betreiber schaden dem Image unserer bunten Stadt und interessieren sich keinen Deut um das ansonsten konstruktive Miteinander in der Region“, sagte einer ihrer Sprecher schon im Dezember. Oberbürgermeister Frank-Tilo Becher (SPD) und Bürgermeister Alexander Wright (Die Grünen) sprechen mit Vertretern der Wirtschaft vertraulich über dieses Thema. Die Industrie- und Handelskammer Gießen-Friedberg teilte derweil auf Anfrage mit, auch in diesem Jahr wieder auf Messen in Gießen vertreten zu sein. „Die Bewertung der Veranstaltung vom letzten Novemberwochenende 2025 und der damit einhergegangenen Demonstrationen ist aus Sicht der IHK Gießen-Friedberg eine rechtliche Frage und richtet sich nach dem bestehenden Rechtsverhältnis zwischen der Stadt Gießen und dem Messebetreiber. Der IHK Gießen-Friedberg liegen bisher keine Erkenntnisse vor, wonach der Messebetreiber gegen seine Vertragspflichten verstoßen hätte“, heißt es in der Stellungnahme. Ihre Teilnahme könne und werde die IHK von den Diskussionen um die Veranstaltung und Demonstrationen im vergangenen Jahr trennen.
